Steffen Kühn | Drucken18.12.2010 

Wie in guten alten Zeiten

Hübsch anzusehen, aber nicht mehr: Die Oper inszeniert „Hänsel und Gretel“ opulent und konventionell

Viktorija Kaminskaite, Claudia Huckle (Fotos: Andreas Birkigt)

Die (erwachsenen) Leipziger hatten schon ihre Schwierigkeiten mit der letzten Hänsel und Gretel-Inszenierung von Alfred Kirchner. Kirchner benutzte die Vorlage von Engelbert Humperdinck auf eine subtile und abstrakte Art, er wollte die Phantasie der Zuschauer durch Andeutungen nur anregen, nicht durch allzu deutliche und opulente Bilder alles vorzeichnen. Aus langjähriger Beobachtung muss man allerdings sagen, dass das für die jüngeren Zuschauer kein Problem war, im Gegenteil: Kinder störte es nicht, dass das Hexenhaus eine semitransparente rote Box ist, die nicht sichtbaren Pfefferkuchen steuerte ihre Phantasie bei, sie konnten sich am Schattenspiel auf den rot schimmernden Wänden freuen, welche das Geschehen im Hexenhaus schaurig sichtbar machte. Aber Kinder haben bei der Spielplangestaltung nun mal keine Lobby und so setzten sich die Erwachsenen durch und die Oper Leipzig hat bei der Regisseurin Birgit Eckenweber eine neue Inszenierung in Auftrag gegeben.

Und natürlich kommt dann das, was kommen muss: Die Bühne ist opulent ausgemalt – ein Phantasiereich, welches an Steven Spielbergs Anfangsjahre erinnert. Das Hexenhaus ist aus richtigen Pfefferkuchen, die Lebkuchenkinder haben einen richtigen Lebkuchen um den Hals und sehen aus wie frisch vom Weihnachtsmarkt kommend. Der Backofen der Hexe ist natürlich real, in Form eines riesigen Stahlungetüms. Das alles ist gut gemacht, auch die Kostüme von Alexander Mudlagk sind beeindruckend aufwändig und farbig. Die Hexe tritt anfangs in einem pinkfarbenen Umhang auf, mit rieseigen Bonbons dekoriert ist das so richtig zum Anbeißen, darunter trägt sie ein ledernes schuppenartiges Etwas, LED–Brille und ein aufgemaltes schauriges Gebiss ergänzen das exaltierte Outfit. Die Bilder überwiegen die Inszenierung und den einzigen Szeneapplaus der heutigen Premiere bekommt dann auch die Szene wie die Hexe auf ihrem Laser(!)-Besen quer durch den Bühnenhimmel rauscht.

Die sängerischen Leistungen des Abends sind unterschiedlich: Die Stimmen von Claudia Huckle (Hänsel) und Viktorija Kminskaite (Gretel) kommen oft nicht im Zuschauerraum an. Jürgen Kurth als Besenbinder Peter kann sich da besser gegen die zuweilen turbulente Choreografie durchsetzen und singt überzeugend seinen bewährten schlackenreinen Bass. Das Gewandhausorchester unter Ulf Schirmer versucht teils leidlich die vor allem im Blech von Humperdinck aufgetürmten Kontraste in den Griff zu bekommen. Die subtilen Vorspiele gelingen da schon besser und man kann den Streichersound der Gewandhäusler genießen. Insgesamt genießen kann man auch die gesamte Vorstellung an sich: Leipzig hat jetzt wieder eine opulente und direkte Inszenierung von Humperdincks „Kinderstubenweihefestspiel“, fast historisch könnte man diese nennen, so wird doch der moralisierende Ansatz des Stückes, dass sich die armen und Benachteiligten gegen die Bösen und scheinbar Stärkeren durchsetzen, linear umgesetzt. Die Erwachsenen schwelgen dabei in der Erinnerung an die guten alten Zeiten, ob unseren Kindern diese Art Vereinfachung nützlich ist, darf man bezweifeln.

Hänsel und Gretel

Märchenoper in drei Bildern von Engelbert Humperdinck, Text von Adelheid Wette nach dem Märchen der Brüder Grimm

Oper Leipzig, Opernhaus

Musikalische Leitung: Ulf Schirmer & William Lacey

Inszenierung: Birgit Eckenweber

Bühne & Kostüme: Alexander Mudlagk

Mit: Jean Broekhuizen, Claudia Huckle, Viktorija Kaminskaite, Soula Parassidis, Jürgen Kurth, Karin Lovelius, Katja Beer, Volker Vogel, Elena Tokar

Kinder- und Jugendchor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

Premiere: 4. Dezember 2010, Oper Leipzig


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