Mathilde Lehmann | Drucken14.02.2011 

„Wodka?“

Die Werkstattmacher des LOFFT präsentieren „Grundsatzfragen“ von der freien Theatergruppe Van der Hoffmann im Café Westen am Lindenauer Markt

Selten vermag es eine Performance, einen in jeder Hinsicht derart zu beruhigen. (Fotos: LOFFT)

Wie viel Zeit habe ich? Warum gibt es Leid? Was ist Liebe? Was passiert, wenn wir sterben? Gibt es einen freien Willen? Was ist der Sinn des Lebens? Schicksal oder Zufall? Gibt es einen Gott?

Warum Grundsatzfragen? Die Werkstattmacher Solveig van der Hoffmann (Konzept/Regie) und Matthias Seidel (Konzept/Dramaturgie) wollen es ganz genau wissen. Die Performance heißt, man ahnt es, Grundsatzfragen, und sie bietet keine universelle Antwort, aber dafür jede Menge Alkohol. Der sorgt für eine feucht-fröhliche Stimmung, doch die Fröhlichkeit überwiegt, und das macht den Abend zu einem wahrhaftig gelungenen.

Dabei ist es ein Konzept, das auf wackligen Barhockerfüßen steht. Grundsatzfragen sind tote Fragen. Was ist Tod? Was bedeutet sterben? Meist: sich mit den rhetorischen Fragen auseinanderzusetzen, die unsere Gesellschaft als elementar betrachtet. Dementsprechend skeptisch und behutsam machen sich die Kleingruppen auf den Weg, um daran teilzuhaben, wie die Gruppe Van der Hoffmann in die düsteren Tiefen der Rhetorik hinabsteigt. Man erwartet alles von einem in Nasen beißenden Faust bis hin zu einem zarten langhaarigen Knaben im Leinengewand.

Selten vermag es eine Performance, einen in jeder Hinsicht derart zu beruhigen. Der langhaarige Knabe auf dem Esel wird durch eine sabbernde, röchelnde Wahrsagerin (Daniel Reichelt) mit fadenscheinigen Methoden ersetzt, der Faust durch einen intellektuellen Brillenträgergermanisten (Max Schaufuß) mit schnarrender Stimme und Rotwein, der dem Publikum die Weisheiten Bärbel Tucholskys predigt.

So wandern je drei bis vier Leute von Station zu Station, verbringen dort nach Trommelwirbel sieben straff organisierte Minuten und mit dem Klingeln eines Weckers müssen sie von dannen ziehen. Das Programm ist gut ausgeklügelt, und der Plan weist keine Alternativen auf. Darin liegt auch das Manko des Abends – die Stationen sind nicht frei wählbar, wer sich gerne länger mit einer der Fragen auseinandergesetzt hätte, muss zur nächsten Vorstellung wiederkommen. Es gibt keine Varianz, keine Möglichkeit einer freien Wahl.

Das ist nicht tragisch, aber schade. Denn natürlich sind nicht alle Stationen gleich stark. Die Leidfrage wird zwar ergreifend, aber doch recht trist behandelt. Friederike Zimmermann sitzt unter einem Tisch, weint und beschriftet Spiegel mit Lippenstift. Sie macht das zwar sehr gut, aber Klischees wie „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ führen nicht weit und versacken im Nichts. Die Station zur Frage nach dem Tod ist wunderschön konzipiert, befindet sich aber in der Toilette. Dort ist es kalt und stinkt. Wenn das der Tod ist, will ich ewig leben.

Der Höhepunkt der Performance ist die Frage „Gibt es einen Gott?“ Während das Publikum in weichen Sesseln sitzt und aus den Fenstern schaut, steht der Darsteller Hans Nenoff in der Kälte und klebt Sprechblasen ans Glas. Er hat von allen Beteiligten vermutlich den härtesten Job, aber der ist umwerfend und äußerst unterhaltsam. Ganz großes Kino.

An den einzelnen Stationen muss man entweder zuhören oder mitmachen oder beides. In neunzig Prozent der Fälle kriegt man dann Wodka. Wenige Zuschauer schaffen es nüchtern aus der Vorstellung heraus, aber das ist in Ordnung. Der Alkoholpegel bleibt recht niedrig für Kneipenverhältnisse und bei allen Anwesenden auf dem gleichen Level. Die Atmosphäre entspannt sich, alle sind zufrieden und haben Spaß – auch die, die den Alkohol verweigern, das spricht für die Inszenierung.

Aus dem Abend wandelt man weder ergriffen noch geläutert heraus. Die Fragen nach dem Sinn (Moral, Tod, Gott, etc.) verschwinden in atemberaubender Schnelle in den dunklen Gassen, die den Heimweg kreuzen. Dafür jedoch ist man ein ganzes Stück glücklicher. Und das ist was wert.

Grundsatzfragen

Konzept: Matthias Seidel, Solveig van der Hoffmann

Regie: Solveig van der Hoffmann

Dramaturgie: Matthias Seidel

Mit: Matthias Seidel, Maria Piehler, Max Schaufuss,

Emanuel Schiller, Daniel Reichelt, Robert Lüddecke,

Stephie Kühn, Friederike Zimmermann, Hans Nenoff

Premiere: 7. Februar 2011, Café Westen


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