Sabine Ernst | Drucken28.11.2015 

„Empört euch“

Aufwühlend, bewegend, hochaktuell: „Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen“ im Schauspiel Leipzig

Hartmut Neuber und Chor. (Fotos: Bettina Stöß)

„Er beschützte Fremde und verdarb dadurch sein Land“, ein Satz der an diesem Abend die Antike und die Gegenwart aufwühlend miteinander verbindet. War der antike Text von Aischylos und der Protestmarsch von Flüchtlingen 2012 für Elfriede Jelinek die Vorlage für ihren Text Die Schutzbefohlenen, so wagt das Schauspiel Leipzig als erstes Haus, beide Texte in einem Stück aufzuführen. Das Experiment ist gelungen.

Die flehende Klage der Antike verhallt nicht, sie verdoppelt sich nicht, sie brennt sich ein. Die Fremdheit der Flehenden, gezeigt durch ihre Masken, ihre Kleider, die sie alle gleich und emotionslos machen, ist stellvertretend für die anonymen Fremdlinge, die sich durch Nachrichtenmeldungen zeigen und doch wieder nicht. Die Verzweiflung bleibt hinter der Maske verborgen. Das Bühnenbild ist schlicht, ein Schiff wird angedeutet, das als Mauer interpretiert werden kann. Ist Pelasgos völlig überfordert mit der Bitte der Schutzflehenden, fürchtet er einen Krieg, so fragt er sein Volk, dies erscheint nicht auf der Bühne, man erfährt als Zuschauer nicht, warum die Stadtversammlung dem Flehen der Schutzsuchenden statt gab, steigt man tiefer in die Trilogie von Aischylos’ Dramas ein, so weiß man, es war die Empörung, über das, was man hörte.

Spricht die griechische Tragödie vom göttlichen Recht auf Asyl und von Empörung, so wird diese Zeit durchbrochen, die Mauer wird durchbrochen, die antiken Rechte müssen neu verhandelt werden. Vom göttlichen Recht geht es über zur Juristerei, ist der Begriff des Schutzbefohlenen zuerst einmal ein rein rechtlicher Begriff. Es geht wieder um Herkunft, es geht um Gefühl, um das was man in der Gegenwart Staatsbürgerschaft nennt. Das Schicksal der Schutzflehenden wird nicht vergessen und nicht verbannt, die Kleider von Ihnen werden zur Videowand, man hat sie vor Augen, den ganzen Abend. Gegen das Vergessen, mahnend hängen diese Kleider dort, im unschuldigen Weiß. Bleiben diese Kleider Verbindung zum antiken Thema, so bleibt auch der Chor erhalten. Der Chor spricht zum Publikum, aus flehender Haltung wird eine fragende, eine schonungslose Geschichte des Absurden beginnt.

Michael Pempelforth und Chor.

Hier bedient sich Enrico Lübbe in seiner Regiearbeit auch den Elementen der Komik. Befremdlich wirkt diese Komik und doch erfüllt sie ihren Zweck, sie wühlt auf und führt das Absurde der Realität zu Tage: das Kaufen der Staatsbürgerschaft, ohne Not. Fand man sich eben noch in der verzweifelten Situation der Kirche, so findet man sich jetzt auf einer Party wieder, der neuen Staatsbürger, die sich ihr Glück erkaufen konnten. Komik führt eine Gesetzgebung vor, die Schlupflöcher bietet.

Zwischen der Verzweiflung in der Kirche und der Party führt Lübbe eine Arie ein, ein rührender Moment, dem einige Minuten eingeräumt wird. Für mich war diese Arie der emotionalste Moment des Abends, wenn zwischen den Schutzbefohlenen die Zeile erklingt: „Denkt an die, die vom Weg abgekommen sind“, war dies der Moment der einige im Publikum zu Tränen rührte, eine Zuschauerin verließ in diesem Moment die Vorstellung mit den Worten: „Ich muss hier raus, ich halte es nicht mehr aus.“ An dieser Stelle hatten Theater und Musik ihren Sinn erfüllt, aus diesem Grunde hätte ich mir hier eine andere Dramaturgie gewünscht. Wenn man die Arie näher ans Ende des Stückes gerückt hätte, so hätte eine Verstärkung der Wirkung eintreten können. Diesen Moment mit erneuter Komik zu unterbrechen, war für mich der einzige Wehrmutstropfen des Abends.

Das Stück endete mit dem Öffnen der Türen des Saales, der Chor trat ein und sprach eindringlich zu uns, nicht flehend, fordernd dringen von der Seite diese Stimmen zu uns. Ein gelungener Schluss des Stückes, der das Publikum betreten zurück lässt. Die Inszenierung ist nicht nur einem hochaktuellen Thema gerecht geworden, sondern auch gelungen. Sich beiden Stücken in einer Inszenierung zu widmen bedarf Mut, dieser Mut schaffte ein Stück, das in Erinnerung bleibt und das Publikum begeisterte.

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen

Aischylos (Die Schutzflehenden)

Elfriede Jelinek (Die Schutzbefohlenen)

Regie: Enrico Lübbe

Bühne: Hugo Gretler

Kostüme: Sabine Blickenstorfer

Einstudierung & Leitung der Chöre: Marcus Crome

Licht: Ralf Riechert

Video: Kai Schadeberg

Dramaturgie: Torsten Buß

Darsteller: Erik Born, Andreas Dyszewski, Ellen Hellwig, Loris Kubeng, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth, Julia Preuß, Bettina Schmidt, Stefanie Schwab, Brian Völkner, Lara Waldow

Schauspiel Leipzig, November 2015
Nächste Aufführungen: 20.3.2016, 9.4.2016, 24./25./28.5.2016

Infos auf www.schauspiel-leipzig.de

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