Steffen Kühn | Drucken04.12.2014 

Tiefer Blick in menschliche Abgründe

Die Komische Oper Berlin zeigt Calixto Bieitos Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten"

Foto: Monika Rittershaus

Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten galt nach der Uraufführung 1965 in Köln als uninszenierbar. Zimmermann selbst sprach von simultanem Musiktheater, hinterlassen hat er eine gigantische Tondichtung. Das Orchester wird durch ein Elektroorchester erweitert: Eine Anzahl an Schlagzeugen, Gitarre, zwei Harfen, Celesta, Cembalo und eine Orgel stehen zur Verfügung. Zudem verlangt die Partitur eine kleine Jazzcombo. Gesanglich werden sechzehn Solisten und dreizehn Sprecherpartien aufgeboten. Selbst für ein großes Opernhaus wie die Komische Oper Berlin ist diese Anzahl von Musikern nicht zu bewältigen. Was also tun ohne das komplette Parkett zu überbauen?

Regisseur Calixto Bieito und Bühnenbildnerin Rebecca Ringst haben ein gewaltiges aufgeständertes Podest auf die Bühne, direkt unter dem Bühnenturm, installiert. Auf diesem Podest in ca. 4 Metern Höhe musiziert das Hauptorchester unter der Leitung von Gabriel Feltz. Der Orchestergraben ist überbaut, dort direkt und unmittelbar vor den Zuschauern des Parketts spielt sich der Plot der Oper ab. Die Nebenorchester spielen ganz hinten im Bühnenturm, im Verlauf des Stückes treten einzelne Instrumente aus dem Hintergrund nach vorn.

Wieso ist das Setting der Inszenierung so wichtig? Zum einen, weil es eine Herausforderung ist, zum anderen weil es das Verhältnis von Musik und Spiel reguliert. Bieito und sein Team haben ein Setting gewählt, welches dem Theater ganz klar den Vortritt gibt, die Unmittelbarkeit der 13 Solisten und zahlreichen Nebenrollen direkt prägt den Abend. Die Orchestermusik hat es leider schwer im Himmel des Bühnenturms, die Nebenorchester sind kaum zu hören, müssen sich doch diese Klänge den langen Weg vom letzten Ende der Hauptbühne durch das Hauptorchester in den Zuschauerraum erkämpfen.

Die Soldaten, ein Schauspiel von Jakob Lenz, handelt von der Bürgerstochter Marie, die sich in eine Affäre mit dem adligen Offizier Desportes gesellschaftlichen Aufstieg und Ansehen verspricht. Marie wird bald verbrannt in der brutalen Soldatenwelt, erst zu spät merkt sie, dass sie Desportes nur der Eitelkeit und der Lustbefriedigung dient, einmal als Soldatenhure gebrandmarkt, ist sie fortan Freiwild in dieser rohen Welt. Zurück in ihre bürgerliche Welt zu ihrem Verlobten Stolzius kann sie aber auch nicht mehr, als Bettlerin endet sie in der Gosse, verwahrlost und abgewrackt, sodass sie nicht mal mehr ihr eigner Vater erkennt und die lästige Bettlerin mit dem Fuß wegstößt.

Es geht um Gewalt und menschliche Abgründe, die Zimmermann autobiografisch aus seinen Erlebnissen aus dem Ersten Weltkrieg sublimiert. Die Bestie Mensch, wo trifft sie deutlicher auf als in einem Vernichtungskrieg? Die Inszenierung betont dieses Brutale, nahezu exhibitionistisch wird die Gewalt an Marie ausgestellt. Bieito geht noch weiter: Indem er das Orchester samt Dirigent in grüne Tarnanzüge steckt, instrumentalisiert er auch die Musik. Indem er der Musik durch die abgerückte Anordnung über dem Bühnenturm die Feinheiten und Nuancen nimmt, wird sie selbst Mittel der Gewalt. Das mag eine schöne Regie-Idee sein, der Musik tut das gar nicht gut. Das Element der Verzweiflung, was Zimmermanns Musik subtil transportieren kann, geht weitgehend verloren, als Gegenüber hätte es der exhibitionistischen Inszenierung sehr gut getan. Dieses Ergebnis verwundert nach den Äußerungen von Bieito im Programmheft, wo er die Oper als die Kunstform der Zukunft bezeichnet und erläutert wie wichtig ihm Musik ist. Schade für das Stück, aber insgesamt doch positiv, dass es Die Soldaten auf eine Berliner Opernbühne geschafft haben.

Die Soldaten

Oper in vier Akten (1965)

von Bernd Alois Zimmermann

Libretto vom Komponisten, nach der Komödie Die Soldaten (1775) von Jakob Michael Reinhold Lenz

Eine Koproduktion der Komischen Oper Berlin mit dem Opernhaus Zürich

1. Juli 2014, Komische Oper Berlin, Großer Saal


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