Philipp Hartmann | Drucken04.04.2016 

Oh, Sister

Das Skandalstück „Die Zofen“ zeigen die Cammerspiele als unaufgeregten Abend über zwei Schwestern

Foto: Sebastian Schimmel

Bei der Uraufführung im Jahr 1947 ist Die Zofen von Jean Genet ein Skandal, wird von Protesten begleitet. Der Grund dafür liegt im brutalen, aus damaliger Sicht unmoralischen Inhalt des Stücks: Es geht um die beiden Schwestern Claire und Solange, die ein ärmliches Dasein als Dienerinnen bei einem reichen Ehepaar fristen. Zu ihrer Herrin, der „Gnädigen Frau“, haben sie ein gespaltenes Verhältnis zwischen Hass und Vergötterung; in ritual-ähnlichen Rollenspielen träumen sie sich sogar immer wieder an ihre Stelle. Irgendwann beschließen sie, die „Gnädige Frau“ umzubringen... Besonders der Fokus auf die beiden Frauen, der zur Identifizierung mit den Mörderinnen einlädt und ihre Handlungen nachvollziehbar macht, war damals unerhört – ein Tabubruch. Im Jahr 2016 ist von dieser Sprengkraft nicht mehr viel übrig: Der Inhalt ist von der Realität längst überholt worden, Kriminelle und Underdogs haben sich zu beliebten Protagonisten in Literatur, Theater und Film entwickelt. Wie also bringt man ein Skandalstück auf die Bühne, das seinen Stachel eingebüßt hat?

Anna-Karoline Schiela entscheidet sich in ihrer Inszenierung, die derzeit an den Cammerspielen gezeigt wird, für die Flucht nach Innen. Der schmale Raum ist ganz klassisch als Guckkastenbühne hergerichtet und rundherum mit schwarzem Stoff abgehängt, in der Mitte steht eine Art Käfig. Claire und Solange, gespielt von Jennifer Demmel und Isa Etienne Flaccus, haben also nicht besonders viel Platz – den brauchen sie aber auch nicht. Mit ausdrucksstarken Gesten und kleinen Choreografien füllen sie die Bühne perfekt aus und lassen das Publikum so über das Spiel ihrer Körper in die Gefühlswelt der Schwestern eintauchen. Problematisch ist allerdings der Text: Die schlecht gealterten Dialoge liegen den beiden Darstellerinnen wie Fremdkörper im Mund. Was an körperlicher Präsenz da ist, fehlt bei den Stimmen, und so will es nicht gelingen, die Sprache glaubhaft ins Hier und Jetzt zu transportieren. Es entsteht der Eindruck, als würde der Originaltext zwar die ganze Zeit mitlaufen, die Handlung sich aber unabhängig von ihm vollziehen. Zumindest in der ersten Hälfte des Abends sind die stärksten Stellen deshalb diejenigen, in denen die Darstellerinnen sich ohne Worte ausdrücken.

Diese Fremdheit des Textes führt dazu, dass der mörderische Plot bloß behauptet wird, sich aber nicht glaubhaft erzählt. Stattdessen sieht man auf der Bühne zwei jungen Frauen dabei zu, wie sie sich spielerisch mit ihren Ängsten und Fantasien auseinandersetzen, ihre Beziehung zueinander ausloten und Lebensentwürfe probieren. Trotz des engen Raums baut sich dabei keine klaustrophobisch angespannte Stimmung auf, im Gegenteil: Das Ganze hat etwas sanftes, teilweise berührend Zärtliches. Dazu trägt auch die Entscheidung der Regisseurin bei, konsequent auf Musik zu verzichten und der Stille Platz zu geben. So hört man das Tapsen der Schritte, das Rascheln der Kleider, gelegentlich Atemgeräusche – und sonst eben nichts. Dass eine solche Stille weder mit Spannung überladen noch peinlich ist, passiert im Theater eher selten. Hier geht die Rechnung auf. Die Atmosphäre der Geborgenheit, die sich im Laufe des Abends mehr und mehr ausbreitet, lässt die Boshaftigkeit und Verzweiflung aus der Vorlage in weite Ferne rücken. Es wirkt vielmehr so, als wäre das eskapistische Spiel-im-Spiel der Schwestern zum eigentlichen Modus der gesamten Inszenierung erhoben.

Auf interessante (und vielleicht unbeabsichtigte) Weise gelingt hier eine radikale Umdeutung des fast 70 Jahre alten Stoffes: Genets Text wird um seine Bedrohlichkeit gebracht, die Worte verlieren ihren bösen Sinn und werden zum Beiwerk eines Spiels. Was dann noch bleibt sind zwei Körper und eine beruhigende Stille. Und das ist doch auch mal ganz schön.

„Die Zofen“

Regie: Anna-Karoline Schiela

Mit: Jennifer Demmel und Isa Etienne Flaccus

Cammerspiele Leipzig, Premiere 24. März 2016


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