Carmen Orschinski | Drucken22.03.2013 

Dispensierung in Weiß

Sebastian Hartmanns Versuch, das Publikum mit seinem Festspielkonzept aus seiner Unmündigkeit zu befreien

Bilder von Ronny Arnold/Centraltheater

Nicht wir spielen und ihr schaut zu, sondern wir alle sind gemeint. Die Symbolik der Festspielarena im Centraltheater ist klar. Selbstbewusst, inmitten des Theatersaals thronend, sagt sie: Zurück zu den Anfängen. Weg mit verklärender Eitelkeit. Es ist Hartmanns ganz persönliches „Großreinemachen“ vor seinem Abgang. Erschlagend weiß steht sie vor einem. Da ist kein Raum, sich zu verstecken. Es sich im dunklen Ecklein bequem zu machen. Sondern sehen und gesehen werden. Nur eben nicht in einem sozialen, sondern einem ganz diskursiven Sinne. Jeder ist vereinzelt und klar erkennbar. Jeder ist sein Standpunkt. Der Einheitsbrei wurde einverleibt. Man ist dazu angehalten, das Gesehene zu seiner Sache zu machen, da man räumlich schon Teil dessen ist. Bei so viel ambitionierter Architektur ist das Eröffnungsstück kein beliebig gewähltes. Hartmann startet die Leipziger Festspiele mit seiner Trilogie Entscheide dich für die Liebe – Drei Russen, bestehend aus #1 Traum, #2 Der Schneesturm und #3 Nostalghia. Dostojewski, Sorokins Roman Der Schneesturm, sowie Nostalghia des Filmregisseurs Tarkowski, werden dabei in adaptierter Form in die Arena gebracht.

Der Traum eines lächerlichen Menschen von Dostojewski, als ein heute gültiges „Jeder-Ist-Für-Alles-Und-Für-Jeden-Schuldig“-Statement, macht hierbei den Anfang der Trilogie und ist zugleich ein Appell gegen Resignation und Eigenliebe.

Der Welt entrückt und sich für lächerlich befunden, beschließt ein Mensch zu sterben. Doch vor vollbrachter Tat schläft der Lächerliche ein und träumt von einer Parallelwelt mit einer Menschheit im paradiesischen Urzustand. Allein seinem immanenten Menschsein folgend, übernimmt der Neuankömmling die Rolle des Verführers. Die Einwohner lernen schnell. Auf die Sinneslust folgt der Streit, auf den Streit folgt die Absonderung in Mein und Dein. „Ein jeder wurde so eifersüchtig auf sein Ich, dass er das Ich des Nächsten mit allen Mitteln zu erniedrigen, zu unterdrücken und zu verkleinern trachtete; und nur darin glaubte er sein Leben zu sehen.“ Das Ende des Paradieses.

So weit, so biblisch. Aber auch heute ist die Eigenliebe – die egoistische, die eitle Liebe zu sich selbst – dem Menschen wichtiger geworden als sein wirkliches Sein. Nicht nur das Bild, das er sich von sich macht, sondern vor allem sein Bild durch die Anderen. Die Sucht, eingebildete, von einem Markt oft konstruierte Bedürfnisse, immer raffinierter zu befriedigen, die Anhäufung von Reichtum – finanziellem, sowie sozialem – auf der Basis der Unterscheidung von Mein und Dein, von Ich und Du, von besser und schlechter, führt zu einer kapitalistischen aufwärtsgerichteten Spirale des Marktes, zu einer abwärtsgerichteten des Individuums und zu einer Schaffung eines Rechts, welches das Eigentum schützen soll. Und schließlich zur Errichtung einer dieses Recht erzwingenden Macht. „Als sie Verbrecher wurden, erfanden sie die Gerechtigkeit und schrieben sich Kodexe vor“. Die Angst des Menschen vor Verlust und die Resignation gegenüber der Sinnlosigkeit seiner Veränderung anstrebenden Mühen lässt ihn sich leichtfertig diesen Institutionen unterwerfen.

Missgunst und Schwäche verstärken sich gegenseitig und die wachsende Leistungskraft der Maschinen entspricht der abnehmenden des eigenen Organismus. Der Mensch schafft sich selber ab. Nutzlosigkeit stellt sich ein. Statt Nächstenliebe hat sich stillschweigend ein Jeder-Ist-Sich-Selbst-Am-Nächsten eingestellt.

Und so ist Hartmanns Inszenierung vielleicht ein Appell, sich aus der eigenen Lethargie zu befreien. Die eigene Mitschuld anzuerkennen. Denn so klar die Missstände auch sind, die uns umgeben, so gern schieben wir Verantwortung und Lösung all dessen anderen in die Schuhe und beschäftigen uns lieber mit Wundenlecken und der Pflege unseres Egos.

Hartmann äußerte sich in einem Interview mit der LVZ zur neuen Spielsituation, dass diese weniger eine Herausforderung sei als vielmehr „eine Konzeption, geleitet von dem Gedanken, den Schauspieler ins Zentrum zu stellen, vergleichbar mit der antiken Agora. Das ist der Platz, auf dem man öffentlich verhandelt, streitet, sich unterhält. Für mich als Künstler ist es immer wichtig, mit dem Zuschauer ins Gespräch zu kommen – natürlich im übertragenen Sinne –, ihn im besten Sinne nicht zu berieseln, sondern mündig zu machen.“ Dies konsequent weitergedacht, zwingt Hartmanns Form der Umsetzung sich somit auf. Verzicht auf Bühnenbild. Reduziertes Lichtkonzept. Ein Schauspieler ins Zentrum gestellt. Zweistündiger Monolog. Und an diesem teilzuhaben, ist ein wahrer Rausch. Steht Benjamin Lille mit knabenhaft reiner Gymnasiastenvisage anfangs noch vor einem, kann man ihm nun in den nächsten 120 Minuten bei seinem physischen und psychischen Verfall zum Lächerlichen zusehen.

Auch bei der Musik wird an Metaphorik nicht gespart. Über Zuschauer und Protagonist sich erhebend, tönt es aus einem sechsköpfigen Posaunenchor. Diese bringen dann auch – wie einst in der Bibel die Stadtmauern Jerichos (auch wenn es sich hierbei um Schofarhörner, nicht Posaunen handelte) – am Schluss den Lächerlichen zu Fall. Am Ende minutenlanger Applaus. Ein glücklicher Hartmann vor seinem zufriedenen Publikum. Und die Frage: Warum dieses Stück? Dieser Text sei ein Vorschlag.

Entscheide dich für die Liebe. 3 Russen #1 — Traum

Regie: Sebastian Hartmann

Bühne: Sebastian Hartmann

Kostüme: Adriana Braga Peretzki

Musik: Nackt

Dramaturgie: Michael Billenkamp

Licht: Carsten Rüger

Mit: Benjamin Lillie, Nackt; Antonia Hausmann, Mathias Hochmuth, Ludwig Kociok, Julian Schießmeyer, Andreas Uhlmann, Stephan Krause

Centraltheater Festspielarena

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