Tobias Prüwer | Drucken20.06.2014 

Libido und Pubertät

In Dresden kommt „Doing it“ als schamlos-fröhliche Heranwachsenden-Suche nach dem ersten Sex daher

Fotos: Klaus Gigga

„Ich!“, „Oh nö!“, „Bäh!“: Beim Pinkelgespräch der Puppen übers Flirten und Fummeln stoßen ein paar Zuschauer offenkundig an ihre Grenzen. Dann aber wird schon wieder gelacht in den Publikumsreihen. Füße wippen zum aus sturmfreier Bude wummernden Disko-Takt. Man schüttet sich über pubertäre Witze aus und schüttelt die Köpfe, wenn sich eine Figur zu dick findet.

„Feixt du noch oder fickst du schon“ könnte der Subtext der locker- hemmungslosen Inszenierung lauten, die sich den Jungendlichen nicht anbiedert. Darum macht die Produktion des Dresdner Theater der Jungen Generation (TJG) auch älteren Semestern einfach Spaß. Denn wer kennt sie nicht, die Probleme mit dem Heranwachsen? Die Protagonisten stecken mittendrin. Schulschwarm Dino hat sich in die schöne Jackie verliebt, die aber nicht leicht zu haben ist. Während seine beiden besten Freunde Ben und Jonathon ihre eigenen amourösen Erfahrungen sammeln, vergnügt sich Dino schließlich hinter Jackies Rücken mit einer anderen – bis beide das spitz kriegen und süße Rache üben.

Knapp zehn Jahre nach dem kontrovers diskutierten Coming-of-Age-Film „Kids“ hat Melvin Burgess mit dem Roman „Doing it“ 2004 Diskussionen ausgelöst. Dabei stellt sich die Frage eigentlich nicht, ob man jugendliche Sexualität zum Thema machen darf, sondern wie. Regisseurin Ivana Sajevic hat bei ihrer Bühnenadaption alles richtig gemacht. Zum einen zielt ihre Inszenierung mittenrein in die Bauch- und Leistengegend, ohne all zu viele Brechungen oder Filter einzusetzen und den hübsch unverkrampften Text als solchen zu geben. Ziemlich schnörkellos lässt sie die Tatsachen des Lebens verhandeln, denen das Publikum zwischen Giggeln und Verlegenheitsgefühl unmittelbar ausgesetzt ist. Für Schulklassen allerdings hat das TJG einen Schutzmechanismus eingerichtet: Lehrer dürfen die Klassen nicht begleiten, sondern verfolgen die Inszenierung am Bildschirm: Die Schüler brauchen sich in ihren Reaktionen nicht zurückhalten.

In unschuldigem Weiß sind die Kostüme der vier Spieler und die Bühne gehalten. Links und rechts türmt sich jeweils ein Aufwurf aus weißen Polygonen, die ebenso wie der leere Raum ringsum zur Spielfläche für die sehr realistischen Puppen – ein Dresdner Markenzeichen – werden. (Bühne und Puppen: Rita Hausmann) Eine dahinter befindliche Leinwand dient als Fläche für Videoprojektionen (Video: Franz Ehrenberg), in welche auch die weißen Kulissenkörper einbezogen werden. Das schafft neben dem Spiel eine weitere Ebene, die mal zur Illustration, mal zur Abstraktion benutzt wird. So führt eine Alptraumszene filmisch auf die urologische OP-Bank, Kussszenen aus „Titanic“, „Spiderman“, „Herr der Ringe“ untermalen große Gefühle, stöhnende Gesichter aus Spiel- und Sexfilmen füllen mit (vorgegebener) Lust den Raum. Und wenn Dino wütend das Bühnenbild zerhaut, zeigen sich projizierte Risse und zerspringendes Glas.

Als Spielfläche erscheinen auch die Figurenspieler, die jeweils zumehrt eine Puppe in gewohnt perfekter Figurenführung fast hyperrealistisch animieren. Wenn sie nicht gerade wie Statisten – analog zu den Nicht-Spieler-Charakteren in PC-Rollenspielen – etwa als tanzendes Partyvolk auftreten, dann sind sie bespielter Grund. Nur eine Spielerin wird zur Schüler verführenden Lehrerin und damit aktiver Charakter. Und im Schlussbild verschmelzen Puppen und Spieler zum Knäuel libidinöser Leiber.

Alle Geräusche werden von den Spielern am Rand selbst erzeugt, Musikeinsätze schaffen schnelle Szenenwechsel und erhalten das Tempo. Zwischen Onanie und erster Liebe, Kastrationsangst und verkrampften Handgelenken beim Fummeln wird mit Unsicherheiten im Körpergefühl und Fragen der Freundschaft so ziemlich das ganze Pubertätspaket geschnürt. Die Jugendlichen werden direkt angesprochen und wunderbar auf ihre Reaktionen hingespielt. Bei einer Knutschorgie kommt ein „Phillip, guck weg“ aus den Zuschauerreihen. Einen Bühnenwitz über dicke Mädchen, kommentiert ein Junge: „Der war schlecht.“

Doing it

Regie: Ivana Sajevic

Mit: Patrick Borck, Manuel de la Peza, Anna Menzel, Annemie Twardawa

Theater Junge Generation; Premiere: 17. Mai 2014


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