Mandy Schaarschmidt | Drucken28.01.2014 

Jeder ist sich selbst der Nächste

Philip Tiedemann inszeniert Brechts „Dreigroschenoper“ am Schauspiel in Kooperation mit Oper und Gewandhauses

Karl-Sebastian Liebich (links) und Dirk Lange (Mackie Messer), Fotos: Rolf Arnold

„Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht …“ Es gibt wohl kaum einen Menschen, der dieses Lied nicht schon einmal gehört hat und sofort weiß, dass damit Mackie Messer, Protagonist der Dreigroschenoper, gemeint ist. Nun gibt die Dreigroschenoper ihr Stelldichein am Schauspiel Leipzig und vereint zugleich die großen Kulturhäuser der Stadt: das Gewandhaus mit seinen hervorragenden Musikern, das Schauspielhaus mit den nicht minder guten Schauspielern und die Oper Leipzig mit ihrer Erfahrung in Fragen der Operninszenierung und musikalischen Leitung. Eine Kooperation, die ihresgleichen sucht.

Unter der Regie von Philip Tiedemann, der die Stücke von Bertolt Brecht durch seine Arbeit am Berliner Ensemble wie kaum ein anderer kennt, wird das wohl bekannteste und erfolgreichste Stück von Brecht wieder einmal in Leipzig aufgeführt. Der neue Intendant des hiesigen Schauspiels, Enrico Lübbe, brachte es von den Theatern Chemnitz mit hierher. So zeigt sich die Inszenierung am 11. Januar zum ersten Mal dem heimischen Publikum, nach der außergewöhnlichen Premiere am Silvesterabend, und dieses ist bis auf den letzten Platz vor der Großen Bühne versammelt.

Die Buchstaben der Dreigroschenoper bilden das Bühnenbild, in denen die Schauspieler und Musiker des Gewandhausorchesters unter der Leitung von Anthony Bramall die Fehde zwischen Jonathan Jeremiah Peachum und Macheath aufleben lassen. Der Konflikt dreht sich um die junge Polly Peachum und die Vorherrschaft in einem Milieu, das geprägt ist durch Kriminalität und Ausweglosigkeit. Der Moritatensänger begleitet das Publikum durch die Szenerie, indem er die einzelnen Bilder der Handlung durch ein Megafon in den Saal hinausruft.

Das Ensemble arbeitet die satirischen Elemente der Textvorlage viel stärker heraus als es sonst von der Umsetzung des Stückes bekannt ist. Die Figuren der Handlung entlarven durch ihre Taten und ihre Rede deutlich ihre eigenen Schwächen. Ein von Dirk Lange mit Augenzwinkern und viel Charme verkörperter Macheath krankt dabei an seinen Frauen- und Lügenschichten, so dass er nur kurz nach seiner Heirat seine alten Gewohnheiten auslebt und sich zu seinen Huren begibt, obwohl er doch Treue gelobt hat. Prompt wird er verraten.

Dem von Andreas Herrmann gespielten Mr. Peachum geht es immer schlecht und niemals wird er müde mittels Leichenbittermine zu betonen, dass er der ärmste Mann Londons sei, obwohl sein Bettlergeschäft ihm ein recht einträgliches Leben ermöglicht. So bemerkt er zu spät, dass sein wohl größter Schatz, seine Tochter Polly (unschuldig und ein wenig einfältig verkörpert von Anna Keil), im Begriff ist das Leben einer Gangsterbraut zu führen. Mrs. Peachum ist, trotz ihrer Vorliebe für den Alkohol, eine Meisterin in der Manipulation ihrer Mitmenschen. So scheut sich Henriette Cejpek nicht, mit eindeutig schwankendem Gang und einer gehörigen Portion Begriffsstutzigkeit Mrs. Peachum darzustellen. Dennoch ist diese in der Lage, kaltherzig mit den Ängsten und Träumen der Huren um Spelunken-Jenny zu spielen, als sie sich weigert für deren Verrat an Macheath zu bezahlen. Und doch bleibt Mrs. Peachum am Ende nur das Anhängsel ihres Mannes. Der Polizeichef Brown, gespielt von Bernd-Michael Meier, kann sich nicht entscheiden, auf welcher Seite der Geschehnisse er stehen möchte: als Freund von Macheath oder als Paradeuniformträger ihrer Majestät, was ihn aufgrund seiner geringen Größe wie eine ausstaffierte Schachfigur wirken lässt.

So nimmt die Handlung in acht Bildern, begleitet von den Einlassungen des Moritatensängers, ihren Lauf und zeigt dem geneigten Publikum, dass der Kapitalismus mit all seinen Ausprägungen auch im kleinen Kosmos der Londoner Diebe, Huren und Bettler große Auswirkungen haben kann. Auch die Angehörigen dieses Milieus streben nach immer Höherem (gesellschaftlicher Anerkennung) und immer Mehr (Geld). So bezahlt der Bettler dafür betteln zu dürfen und muss einen Teil seiner Einnahmen an Mr. Peachum abgeben, da dieser ihn ja ausstattet und beschützt. Bestechungsgelder werden in modernen Zeiten nicht mehr mit Geldscheinen, sondern gleich mit der Kreditkarte beglichen. Ein Hoch auf den bargeldlosen Zahlungsverkehr.

Wer nicht spurt, der wird erpresst, wie Mr. Peachum es unverhohlen Tiger-Brown verdeutlicht: Entweder Macheaths Kopf in der Schlinge oder die Krönungszeremonie der jungen Königin wird getrübt werden durch das Auftauchen des gemeinen Gesindels vor ihrem Palast. Kein schöner Anblick − und so erkennt Macheath zu spät, dass kein Geld der Welt ihn vor dem Galgen retten wird. Die Moral von dieser Geschichte? Noch immer ist sich jeder selbst der Nächste.

Musikalisch begleitet wird die Inszenierung von Gewandhausmusikern unter der Leitung des stellvertretenden Generalmusikdirektors der Oper Leipzig, Anthony Bramall. Das Orchester ist Bestandteil des Bühnenbildes und geht zugleich eine Verbindung mit den Schauspielern ein, indem es auf deren Anweisung hin agiert, so dass es scheint, als hätten die Figuren des Stückes das Orchester unter ihrer Kontrolle. Anthony Bramall hat sichtlich Spaß an dieser Inszenierung. So begleitet das Orchester die Schauspieler manchmal ein wenig zu laut und enthusiastisch, doch schaffen sie es mit Einsatz unter anderem eines Saxophons, Bandoneons und Harmoniums die Klangwelt Kurt Weills wieder in den Gehörgang einzunisten.

Alles in allem ist es ein gelungener, kurzweiliger Abend mit einem gut aufgelegten Ensemble von Schauspielern und Musikern, die so gar nicht auf das obligatorische Happy End dieser Oper hinarbeiten, sondern mit sehr viel Humor und Augenzwinkern das absurde Ende einer fast ausweglosen Situation zelebrieren.

Die Dreigroschenoper

Regie: Philip Tiedemann

Musikalische Leitung: Anthony Bramall

Schauspiel Leipzig, 11. Januar 2014 / Premiere: 31. Dezember 2013


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