| Drucken25.10.2003 

Eberhard Esche feiert seinen 70. Geburtstag mit Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen (Johanna Gross)

25. Oktober 2003
Gastspiel im Schauspielhaus Leipzig

Eberhard Esche feiert seinen 70. Geburtstag mit Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen


Ein grandioser Abend!
Eberhard Esche besucht mit Kult-Klassiker seine Geburtsstadt

Schon heißbeklatscht, bevor er überhaupt begonnen hat, versteckt Eberhard Esche seine Rührung hinter einem schmetternden Kuss auf die rotlackierten aus der Bodenlucke hervorgestreckten ansonsten verborgenen Soufleusenhände ? zugleich fragend, ob jeder wisse, was sie da tue, weil es doch in den modernen Theatern heute so etwas nicht mehr gäbe. Und salopp und nüchtern erzählt er weiter, wie er Heines Wintermärchen sieht: ?Machen wir uns doch nichts vor, verehrtes Publikum. Dies sind lediglich die Reisebeschreibungen eines ungezogenen Jungens, der nach 13 Jahren seine Muddi in Hamburg besucht. Das einzige, was vielleicht interessant ist, dass nicht jeder Verwandtenbesuch Weltliteratur wird.?

Seit 30 Jahren ist Eberhard Esches hervorragende, längst zum Kult gewordene Aufführung von Heines beißendem, voll ätzender Ironie steckendem Werk ein Dauerbrenner (Premiere war Oktober 1974 im Deutschen Theater Berlin). Noch immer aktuell, herrlich unverbraucht und voll prickelndem Spott brilliert das Vortragsgenie in der scharfen Polit-Satire.

Hervorragend sein Zwiegespräch mit dem zahnlosen, durch heilige Kyffhäuserhallen watschelnden Barbarossa. Es ist ein einzigartiges Erlebnis, wie er dem Rotbart schnoddrig das Guillotinieren und überhaupt den heutigen Lauf der Dinge erklärt. Und hockend im urdeutschesten aller urdeutschen Wälder, dem Teutoburger Wald, bedauert Esche zutiefst die verdorbene Chance, römisch geworden zu sein: ?Das ist der klassische Moraaast,/ Wo Varus steckengeblieben./ Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,/ Der Hermann, der edle Recke;/ Die deutsche Nazionalität,/ Die siegte in diesem Drecke.?

In bissig spöttelnder Ironie deklamiert er die lustig im anheimelnden Volksballadenton gehaltenen Reime, lächelt nostalgisch über Kölner Scheiterhaufen und deutsche Gänse. Phrasenhaft lobt er mit sarkastischer Gebärde äußere und innere Eiiinheiiit, lässt längere Pausen zum sogenannten ?Abhusten? und gibt sich auch sonst sehr publikumsnah.

Leider wurden die letzten Kapitel durch ein fortwährend donnerartiges Grollen im Hintergrund der Bühne begleitet, das jedoch dem überaus spritzigen und lebendigen Vortrag rein gar nichts anhaben konnte. Frenetischen Beifall, standing ovations und viele Blumen gab es für den Sprachkünstler, der sich begeistert mit mehreren Zugaben bedankte. Selbst Intendant Wolfgang Engel ließ es sich nicht nehmen, dem gebürtigen Leipziger persönlich einen prächtigen Blumenstrauß zu übergeben.

(Johanna Gross)

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