Melanie Willmann | Drucken02.02.2009 

"Toxoplasma" - Theater nach einer wahren Begebenheit

Wie ein Parasit Fassaden aufbricht und Spießer enthemmt

Ein Theaterstück über das Leben, inspiriert von echten Tatsachen, infiziert von der Realität. Wer bin ich? Bin ich frei? Was bleibt vom Menschen? Mit solchen Menschheitsfragen endet Toxoplasma, ein sehr komplex angelegtes Drama. Komplex, weil es die Gefährlichkeit von Epidemien mit der Geschichte Tschechiens zur Zeit des Sozialismus und nach der Wende sowie Militärexperimente mit internationalen Verstrickungen (US-Armee kauft Flugzeugfabrik) verwebt und alles im Verhalten der Mitmenschen unter Kapitalismus- und Liberalismuseinfluss münden lässt.

Die Bewohner der tschechischen Kleinstadt K. werden im Jahre 1994 von einer Toxoplasmose-Epidemie heimgesucht. Ein Wissenschaftler aus Prag wird nach K. geschickt, um Verlauf und Auswirkungen der Infektion zu dokumentieren. Der Erreger kommt als kleine Flugbombe heruntergesaust. Vier Darsteller halten eine fünfte, die sechste imitiert mit einer Mappe den Gegenwind. Währenddessen werden die fallenden Höhenmeter angesagt und die Geschehnisse eingeführt. Der Virus ist gelandet, das Spiel kann beginnen.

Der Theaterraum ist weiß, altmodische Krankenhausbetten und Kittel in dunkelgrün, ein Kühlschrank, ein projizierter Computerbildschirm, die Kleidung beschränkt sich auf beige Röcke und Hosen sowie hellblaue Blusen und Hemden. Furchtbar hässlich und praktisch. Über Mikrophone teilen die Schauspieler Wissenswertes mit: Definitionen, Berichte, Kommentare. Mit Referenz aufs Informationszeitalter bekommen die Zusehenden über mediale Technik Erklärungen und Definitionen als Häppchen zugeworfen. Der assoziativen Kraft der Bühnenrequisiten trägt der Kühlschrank Rechnung, der einmal als Pferd, dann als Kirche und schließlich doch als Laborkühltruhe auszumachen ist. Der Bildschirm dient dazu, äußerst anschaulich und witzig die Übertragung des Erregers von der Ratte auf die Katze und durch dieses liebe Haustier die Ansteckung des Menschen zu skizzieren. Der Erreger ist als Komma in die Worte KA,TZE oder RA,TTE eingebaut. Nach einer Reihe komplizierter Prozesse bewirkt er eine paradoxe Umkehr der Emotionen im Nager: RAT"ich hasse Katzen"TE umgepolt zu RAT"ich liebe Katzen"TE. Die befallenen Einwohner legen nun ebenso seltsames Verhalten an den Tag. Die Verkäuferin aus dem Supermarkt begehrt gegen ihren einschüchternden Chef und gegen ihre uniforme Arbeitsbekleidung auf. Denn der Kittel sei nicht nur Symbol der Zugehörigkeit, sondern sei auch zur Hygiene da, damit das Geld nicht schmutzig von ihr wird.

Spaß hat die entfesselte Tanzgruppe bei schrägen Choreographien, um sich daraufhin angeregt in einer Knutschorgie zu ergehen. Eine Mutter kommt eines schönen Tages ihrer fürsorglichen Rolle nicht mehr nach und bleibt einfach im Bett. Ein Unternehmer bezahlt seine Angestellten nicht mehr. Auch sonst ist Mensch in seiner Verlogenheit nicht von schlechten Eltern. Da werden munter Gemeinheiten in der Kleinstadt verspritzt oder der Metzger mit seiner Wurst verleumdet. Woher kam der Parasit? Von geheimen Experimenten des US-amerikanischen Militärs, von der Ratte oder doch von der heimatlichen Wurst?

Das OFF-Theater der Berliner lunatiks Gruppe hat funktioniert und überzeugt. Der Zuschauer wird mit Würstchen verköstigt, denen im Nachhinein nachgesagt wird, Erregerträger zu sein. Direkter Augenkontakt mit dem Publikum beim Darlegen von Fakten, von fiktionalisierten Fakten aus der Realität, hebt die Grenze von Zuschauer- und Spielraum auf. Über die traditionelle Illusion der Wirklichkeit setzen sich mitgesprochene Regieanweisungen hinweg. Abgehandelt werden die brennenden Themen wie Entfesselung der Angepassten, der verklemmten Spießer, Verleumdungen und Gemeinheiten in einer Kleinstadt, Militärstrategien einer Weltmacht, Familie und die Rolle der Frau im Sozialismus, die Invasion des Kapitalismus mit seinen Auswirkungen auf die Gesellschaft, Tradition und Fortschritt, Kunst und Wirtschaft und Außenseiter wie die "Zigeuner". All diese Bereiche erzählen von Fassaden der Kleinbürger, Fassaden aufgebaut im alltäglichen Trott, durch Gewohnheiten und Borniertheiten. Der Parasit erlöst scheinbar die Ferngesteuerten und Verklemmten, indem er zum vorgeschobenen Auslöser für ihr auf einmal so anderes, entfesseltes Verhalten erklärt wird. Der Strudel, der sich aus den Menschheitsfragen zusammenbraut, mündet im großen Dilemma, ob der Mensch an sich überhaupt frei sein kann. Letzten Endes seien wir doch nur Marionetten der Natur, die uns samt unseren Kulturausscheidungen zäh überdauern wird.

Unterhaltsam, spannend, kurzweilig ließen sich die aufgerollten Konflikte an. Zwar machte der Kreisschluss einen etwas zu weit ausgeholten, gewollten Eindruck, doch das Stück begeisterte mit skurrilen Einfällen und ordentlich trockenem Humor. Wie die Toxoplasmose-Opfer so hatte das Publikum - um es mit den Worten einer infizierten Figur zu sagen - eine verrückte, aber total lustige Zeit.

Toxoplasma
Lunatiks Produktion (Berlin)
www.lofft.de
18. Dezember 2008, LOFFT

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