Olav Amende | Drucken13.08.2015 

Die Inszenierung der Rasanz

Mit Sebastian Börngens Billy-Wilder-Adaption „Eins, Zwei, Drei... Na was ist denn schon dabei?“ feiern die Cammerspiele ihre elfte Sommertheaterproduktion − und setzen neue Maßstäbe

Piffl und Scarlett präsentieren ihre Eheringe aus dem „ehrlichen Stahl der Kanonen von Stalingrad“ (Foto: Hannes Fuhrmann)

Im Takt erscheinen nacheinander die Sekretäre auf der Bühne, stellen ihre Hocker ab und tippen, tippen, tippen. Ihr Chef, C.R. MacNamara (gespielt von Christian Strobl) betritt den Raum und alles steht stramm. „Sitzen, machen!“ Mit diesen Worten beginnt das diesjährige Sommertheater der Cammerspiele Leipzig in der galerie KUB.

Billy Wilders Satire Eins, Zwei, Drei erzählt die Geschichte einer ungleichen Liebe zwischen den Fronten der geteilten Stadt Berlin kurz vor der Errichtung der Mauer. Der Film ist eine extrem schnelle Screwball-Komödie: Der Direktor für Coca Cola Westberlin C.R. MacNamara erhält von seinem Vorgesetztem Wendel P. Hazeltine die Order, dessen Tochter Scarlett bei sich zu beherbergen; doch jene verliebt sich in den Ostberliner Jungkommunisten Otto Ludwig Piffl. Schlimmer noch: Sie heiratet ihn. MacNamara befürchtet das Ende seiner Laufbahn, sobald Scarletts Vater davon erführe, sorgt folglich dafür, dass die Ehe annulliert wird und das Paar nicht mehr zueinanderfinden kann. Dies gelingt ihm, indem er eine Intrige einfädelt, durch die Piffl in Ostberlin verhaftet wird; sieht sich dann jedoch, als er erfahren muss, dass Scarlett Piffl nicht nur geheiratet hat, sondern von ihm auch noch schwanger geworden ist, dazu gezwungen, jenen erstens wieder zu befreien, mit ihm zweitens einen Schulterschluss einzugehen und ihn drittens kurzerhand zum kapitalistischen Vorzeigeschwiegersohn adliger Herkunft zu machen.

Man liest diesen Satz und möchte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Wie nur lässt sich solch eine cineastische Maschinerie, deren Geschichte hier ja lediglich skizziert wurde, tatsächlich aber noch weitaus verwickelter und verworrener ist, inszenieren?

Sebastian Börngen stellt sich mit Eins, Zwei, Drei … Na was ist denn schon dabei? der Herausforderung. Und er rückt jenes Moment in den Fokus seiner Inszenierung, welches auch den Reiz in Wilders Werk ausmacht: die Rasanz des Säbeltanzes. In Anlehnung an Wilder zeichnet er völlig überdrehte Karikaturen: Dem Publikum wird so eine vor ständiger Begeisterung förmlich ausflippende und ausladend gestikulierende Scarlett (gespielt von Anuschka Jokisch) präsentiert, einen in einem fort brüllenden, autoritären, gegenüber seinem Vorgesetzten aber kriecherischen und kleinlauten MacNamara, welcher von seiner dauerhaft frustrierten Gattin Phyllis (gespielt von Karla Müller) seit Jahren nur noch „mein Führer“ genannt wird, seinen ständig hackenschlagenden durch und durch devoten Assistenten Schlemmer (gespielt von Josef Weitenbörner), die ebenso „persönliche“ wie käufliche Sekretärin Ingeborg (gespielt von Madeleine Brandt)und schließlich Otto Ludwig Piffl (gespielt von Tim Josefski), der eine höchst interessante Mischung aus einem naiv-heroischen Cowboy und Spartakus abgibt.

Teils cholerisch, teils manisch stehen die Sieben ständig unter Spannung und bieten sich analog zu MacNamaras Schnipsen einander permanent dialogische Schusswechsel − eins, zwei, drei! – und das mit einer Treffsicherheit, die beeindruckend ist: Da verpufft kein Anschluss. Sie selbst schießen über die seitlichen Auf- und Abgänge wie Pfeile über die Bühne.

„Napoleon hat versagt, Hitler hat versagt – Coca Cola wird’s machen!“ – Von links nach rechts: Peripetschikoff, Ingeborg und C.R. MacNamara (Foto: Dorothea Wagner)

Gesteigert wird das Tempo noch dadurch, dass fast das komplette Ensemble in mehreren Rollen auftritt. Am extremsten ist dies bei David Wolfrum der Fall: Er hat insgesamt zehn Figuren zu spielen. Hat man ihn eben als russischen Funktionär Peripetschikoff gesehen, mit welchem MacNamara versucht, Geschäfte zu machen (und man versteht sich dabei ausgesprochen gut…), tritt er sogleich auf als Pilot, dann als Chauffeur, als ostdeutscher Polizist, Friseur, Schuhhändler, Reporter… − man wird völlig konfus! Es gelingt ihm, jede Figur souverän, das heißt nicht nur überzeugend, sondern auch als für sich stehende, abgeschlossene Einheit zu spielen. Damit kommt das Publikum in den Genuss einer Technik, die für den Film selbstverständlich, auf der Bühne jedoch knifflig ist: die Technik des Filmschnitts. Das Spiel wird somit noch schneller. Wolfrum springt aus einem Kostüm ins nächste, die Dinge überschlagen sich und stellen sich am Ende ganz anders dar, als man eigentlich gedacht hat.

Prägnant für diese Wandlungen ist auch eine derjenigen Szenen, die Börngen in Wilders Plot als V-Effekt einmontiert hat: Piffl wird von drei russischen, schwarzgekleideten Ballerinos umtanzt, die Ballons mit der Aufschrift „Russki go home“ aufblasen und ihm in die Hand drücken. Eh er sich versieht, haben sie sich plötzlich in ostdeutsche Polizisten verwandelt und ihn verhaftet.

So geschieht alles in diesem Stück Schlag auf Schlag: McNamara schlägt Peripetschikoff ein Schnippchen, indem er Schlemmer sich als Ingeborg verkleiden lässt, um Piffl aus der Haft zu befreien; Peripetschikoff kommt dem auf die Schliche und schlägt nun Piffl eine Flasche auf den Kopf (zur Premiere schlug just in diesem Moment der Hagel auf das Wellblechdach der galerie KUB ein).

Zu spät: Piffl ist wieder in Westberlin, wacht benommen in MacNamaras Büro auf und wird einen Moment später, im Zuge einer äußerst eiligen Verwandlungsaktion, in der man ihn frisiert und neu einkleidet, ihm nebenbei das Einmaleins des guten Tuns lehrt, zum nun wohl perfekten Gatten Scarletts umfunktioniert.

Doch die Dinge verlaufen eben anders und das ist es, wodurch die brillante Adaption eine eigene Handschrift trägt: In einem eigens produzierten Film wird zum Schluss gezeigt, was im Prolog der Aufführung bereits angedeutet wurde. Die Geschichte münde nicht, wie bei Wilder, in die friedliche Koexistenz aller zugunsten des kapitalistischen Systems. Jenes Ende sei ja lediglich durch eine imperialistische Sabotage, durch das Ausschneiden entscheidender Szenen aus dem Streifen, zustandegekommen. Am Ende triumphiert aber auch nicht die Diktatur des Proletariats. In Wahrheit sei man dem Streben nach Macht und Gewinn schlicht überdrüssig geworden, und so stellen sich die Großen Sieben nun fortan in den Dienst für die Vielen. Was für eine herrliche Vorstellung! Und was für ein grandioser Abend!

Eins, Zwei, Drei … Na was ist denn schon dabei?“

Regie: Sebastian Börngen

Mit: Madeleine Brandt, Anuschka Jokisch, Tim Josefski, Karla Müller, Christian Strobl, Josef Weitenbörner, David Wolfrum

Cammerspiele Leipzig; Aufführung vom 6. August 2015 (Premiere: 22. Juli)


Nächste Vorstellungen: Freitag und Samstag, 14. und 15. August, um 19.30 Uhr in der Galerie KUB, Kantstraße 18. Kartenreservierung unter Telefon 0341/3067606.


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