Sarah Schramm | Drucken24.04.2012 

Gebrochene Zeltlageratmosphäre

Work in Progress im Lofft: Der australische Regisseur Brendan Shelper zeigt in „Encampment“ Campingisolation statt Lagerfeuergeselligkeit

Foto: Lofft

Eine Frau sitzt in einem Campingstuhl vor ihrem Zelt. Sie scheint glücklich und zufrieden, hört die Vögel zwitschern. Doch allmählich wird der Vogelsang durch ein anderes Geräusch abgelöst, das er nicht zu übertönen vermag: Autolärm – ein in urbanen Gebieten präsenteres Geräusch, als es Vogelstimmen sind.

Ist die Frau zunächst allein, betreten nach und nach sieben weitere Menschen die halbdunkle Bühne. Sie versammeln sich, um die erste öffentliche Kostprobe von Encampment – dem neuen und unfertigen Stück des australischen Regisseurs Brendan Shelper – zum Besten zu geben. Gemeinsam mit den Musikern der schwedischen Band Tula versucht sich Shelpers Company battleROYAL an einer Kombination aus Tanz, Live-Musik und Gesang.

Zu Beginn verbreitet Encampment die Atmosphäre eines Musikfestivals: legere und luftige Kleidung, Zelte werden aufgebaut und dazu wird fröhlich in Lagerfeuermanier musiziert. Jeder sieht den kommenden Tagen, in denen man Abstand vom Alltag der anonymen Massengesellschaft gewinnen und mit der Natur in Einklang leben kann, mit Freude entgegen; den wenigen Tagen im Sommer, die von Musik getragen sind und ein Hippie-Feel-Good-Flair mit sich bringen. Doch das Verhalten der ausgestellten Zeltplatzausflügler passt nicht zu dieser Seifenblase. Sie agieren nicht miteinander. Jeder baut sein eigenes Zelt auf, bereitet sich einen Platz und interessiert sich wenig bis gar nicht für seinen Nachbarn. Keiner hat einen Namen oder kommuniziert mit dem Anderen. Jeder lebt für sich allein an einem Platz, der zwar flächenmäßig kleiner ist als der alltägliche, jedoch nicht minder anonym. Das, was die Individuen verbinden könnte, ist die Musik von Tula. Die Melodien sind angenehm, die gesamte Performance über präsent aber nicht aufdringlich. Sie gehen ins Ohr, laden zum Mitwippen ein und passen perfekt zu den Bildern auf der Bühne, mit denen sie zu einem theatralen Konzert verschmelzen.

Das Bühnengeschehen wird durch Bilder des alltäglichen Krisenwahnsinns ergänzt, die auf eines der Zelte projiziert werden und hastig vor den Augen der Zuschauer ablaufen. Mit den Bildern von sinkenden Aktienindizes und vielbefahrenen Straßen im Zeitraffer schlägt auch die Stimmung der zunächst so unbesorgten Musik um. „Small things“ sind die Worte, die Sängerin Fanny Risberg immer wieder wiederholt. Sie thematisiert die kleinen Dinge, die Details im Leben, die in den Bildprojektionen verloren gehen, im Agieren der Bühnenfiguren jedoch sichtbar werden. Eines davon ist die Geste des Mantelanziehens, die mehrere Minuten der Performance einnimmt. Ein alter Mantel wird grazil und fließend von einer Person auf die andere übergestreift. Dies geschieht wieder und wieder mit zunehmender Geschwindigkeit. Selten achtet man so sehr darauf, wie ästhetisch man sich ankleiden kann. Das Besondere entfaltet sich im Alltäglichen und mit ihm eine hypnotische Wirkung, die durch das Zusammenspiel von Instrumenten, Gesang, Bühnengestaltung, Licht und den Performern entsteht. Kaum zu glauben, dass man hier kein fertiges Stück sieht, sondern eine Art Zwischenbilanz nach der dritten Probenwoche.

Der Zauber des Mantelspiels vermochte das Umschlagen der Stimmung eine Zeit lang zu verschleiern, doch das lodernde Feuer verglüht allmählich. Die Kleidung, die die Subjekte nun tragen, sehen aus, als stammen sie aus der Altkleidersammlung. Wäscheleinen mit Lumpen sind zwischen den Zelten gespannt und der einst so kraftvolle Gesang wird wehleidig und zerbrechlichen. Im schummrigen Licht und im Einklang mit der düstereren, verzweifelten Musik sieht der Zeltplatz nun aus wie in Asylantenlager.

Die Figuren jedoch ergeben sich der trostlosen Atmosphäre nicht kampflos. Zwei von ihnen kriechen zielstrebig aus einem Zelt und versuchen sich aufzurichten. Wieder und wieder werden sie jedoch von Bändern zurück gezogen. Sie hängen an den Schnüren wie Marionetten, die durch fremde Hände gelenkt werden. Zu der wiederkehrenden Songtextzeile „I have swallowed for so long“ werden die Fluchtversuche der Marionetten immer hastiger und kurzlebiger, bis sie schließlich wie sterbende Fische nur noch kurz aufzucken und dann endgültig zurück in ihre Zelte gezogen werden.

Nachdem der Zuschauer und die Figuren für einige Minuten der Hoffnungslosigkeit überlassen werden, wird die Musik wieder kräftiger. Die Figuren rappeln sich auf, um den Platz schnell und energisch zu entmüllen. Sie werfen die Altkleider von sich, stapeln die Zelte aufeinander und kehren zurück zum Alltag – so, als wäre nie etwas gewesen. Anonym sind sie nach wie vor.

Encampment

R: Brendan Shelper

Mit: Susana Beiro, Florian Bücking, Jonathan Buckels, Janine Joyner

Musik: Tula

Work-in-progress-Premiere: 19. April 2012, Lofft


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