Mathilde Lehmann | Drucken | Kommentare (2)08.11.2010 

World of Warcraft meets Streichelzoo

Schlaffer Wahn und apokalyptisches Hauchen bei der Premiere von „Prophezeiung 20/11“ zur euro-scene Leipzig in der Schaubühne Lindenfels

Aufstehen, Hinfallen, Wälzen, Aufstehen, Hinfallen: „Prophezeiung 20/11“ (Fotos: Jens T. Wagner, Leipzig)

„Stell dir vor, du sitzt in einer Kiste. In dieser Kiste wiederum bist du von einem Kokon umschlossen. Die Kiste ist dunkel. Beginne, dich langsam zu bewegen. Erst einzelne Gliedmaßen, spüre diese so intensiv wie möglich. Nimm dich wahr. Bewege jetzt mehrere Körperteile, dehne deinen Kokon, schäle dich aus deiner Hülle. Du liegst nun am Boden. Bewege dich langsam durch den Raum, versuche, viele verschiedene Fortbewegungsarten auszutesten. Wie neu geboren, nimmst du deinen Körper zum allerersten Mal wahr. Sprich nicht mit deinen Mitspielern. Teste alle Funktionen deiner Gliedmaßen. Nun bist du in der Welt. Willkommen.“ Es ist ein theaterpädagogisches Spiel zum Körperbewusstsein, man findet es im Internet.

Offensichtlich hat Philipp J. Neumann, Regisseur der Inszenierung Prophezeiung 20/11, der Eigenproduktion der euro-scene 2010, bei seiner Recherche dieses Spiel gefunden. Und dachte sich, warum nicht ein Stück daraus bauen?

Warum nicht? Darum: Es funktioniert nicht. Der Premierenabend, der als solcher üblicherweise mit einer ganz eigenen Euphorie und Gespanntheit angegangen wird, schafft Lethargie und Langeweile.

Zuerst stehen vier Tänzer mit dem Rücken zueinander im Kreis. Ein Mädchen, in Weiß gekleidet, sitzt am Boden, sie ist mit Seilen an der Decke befestigt. Die Decke ist aus Luftpolsterfolie und sieht fluffig aus. Langsam bewegt sich das Mädchen und streichelt mit den Armen phlegmatisch die Luft. Wie sich herausstellen wird, ist das ihr ganzer Job für die Inszenierung.

Über den Ton wird das Flüstern einer Frau eingespielt, untermalt von gewaltigem Donnergrollen. Die Frau redet von Körperfunktionen und dem Ausfallen derselben. Sie spricht überartikuliert und hört sich an, als ob sie instruiert worden wäre, eine apokalyptische Stimmung zu verbreiten. Nun gut. Die Tänzer beginnen sich zu bewegen. Instinkttheater nennt sich das große Ganze. Es sieht sich an wie das oben beschriebene Geburtenspiel. Langsam nehmen die Tänzer ihre Gliedmaßen war, welche funktionieren und augenblicklich wieder versagen. Es ist ein Aufstehen und Hinfallen, Wälzen, Aufstehen und wieder Hinfallen. Die Tänzer werden zu Tieren und fallen wieder hin. Sie kämpfen miteinander und – fallen wieder hin. Das Zappeln und Liegen misst an Faszination, zumal das ständige Grummeln und Rauschen über den Ton recht lächerlich wirkt, wenn darüber panisches Atmen und Essgeräusche eingespielt werden. Das Animalische wirkt harmlos, die Kämpfe unter den Darstellern sind zu sanft und ungefährlich.

Als nach einer halben Stunde der Ausgangszustand geschaffen wird und die Tänzer von vorne beginnen, nur in getauschten Rollen, breitet sich Müdigkeit im Raum aus.

Die Tänzer bewegen sich wie schlecht gesteuerte Computerfiguren. Ist die Choreografie von Steffi Sembdner auch sauber, arbeiten die Tänzer (Antoinette Helbing, Lara Russo, Andrea Schiefer, Alessio Castellacci) auch exakt, so fehlt der Sinn, der dramaturgische Bogen. Es wird nicht besser, wenn die Bewegungsabfolge zum dritten Mal beginnt. Ja, jedes Mal wird sie abgewandelt und verknappt, aber: warum?

Das Ende des Abends verwirrt nur noch. Das Mädchen in Weiß nimmt die Perücke ab und zieht den Rock aus, zeigt dem Publikum zum ersten Mal ihr Gesicht. Zum Vorschein kommt ein Junge (Tim Mettke), der sich grinsend an den Rand der Bühne setzt. Die Tänzer bauen aus einem Metallgestell und Luftpolsterfolie ein riesiges Schaf und verschwinden darin. Ein Schaf? Vermutlich der animalischen Instinkte wegen, die sie zuvor versuchten zu etablieren. Dann laufen vier echte Schafe auf die Bühne, die vom Publikum gestreichelt und gefüttert werden. Die Aufmerksamkeit für das restliche Geschehen schwindet dahin, und kaum einer bemerkt, dass ein Kokon, der von der Decke baumelt, zu singen beginnt. Und dann ist das Stück vorbei.

Zurück bleibt: Wieso? Weshalb? Warum? Doch auch, wer fragt, bleibt dumm.

Prophezeiung 20/10

Konzept und Inszenierung: Philipp J. Neumann

Choreografie: Steffi Sembdner

Bewegte Objekte: Hagen Tilp

Mit: Antoinette Helbing, Lara Russo, Andrea Schiefer, Alessio Castellacci, Tim Mettke

Premiere: 3. November 2010, Schaubühne Lindenfels


Kommentare lesen und hinzufügen (2)

FH schrieb am 17.11.2010 um 23:48 Uhr:

Wieso? Weshalb? Warum? Seltsamerweise hat sich bei mir ein Spannungsgefühl etabliert, konstant vorhanden über das gesamte Stück. INSTINKT-Theater. Wer sich hier mit dem Kopf nähert, wer, dem Klischee entsprechend, zeitgenössisch mit verkopft gleichsetzt und zwanghaft interpretieren will, statt in sich zu fühlen, wird scheitern, wie die Autorin der Rezension.

niemand schrieb am 25.11.2010 um 01:20 Uhr:

mein herz sprach zu mir und fands nicht gut

 
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