Leonhard Viel | Drucken29.11.2013 

Vom Tier zum Blumentopf

Alain Platels Komapgnie les ballets C de la B aus Gent zeigte auf der diesjährigen Euro-Scene Leipzig das intensive Tanzstück „The Old King“

Romeu Runa (Fotos: Viola Berlanda, Turin)

Das Anfangsbild der Tanzperformance The Old King, die im Rahmen der Euro-Scene am 9. und 10. November in der Schaubühne Lindenfels aufgeführt wurde, eröffnete eindrucksvoll das Thema des Abends: Ein Mann sitzt in fleckigem Unterhemd mit dem Rücken zum Publikum auf einer Holzpalette, neben ihm eine fast vertrocknete Blume, ein Buch und etliche Zigarettenstummel. Ansonsten bleibt die Bühne bis auf einen Stapel weiterer Paletten im hinteren Teil des Raumes leer. Der Boden ist mit nass-glitschigem, schwarzem Stoff ausgelegt. Sein Rücken ist so gebeugt, dass man den Kopf nicht sieht. Ein Kopfloser also, einer ohne Verstand und Zentrum, ohne Ich. Den kopflosen Rücken durchzucken seltsame Muskelstöße. Das langsame Zusammen- und Auseinanderziehen der Schultern erzeugt eigenartige Krümmungen und Ausbuchtungen. Das Rückenwesen scheint mehr Tier als Mensch zu sein.

Das Motiv des Tierischen wird sich durch das gut einstündige Tanzstück durchziehen, das unter der Regie des in Mosambik geborenen Miguel Moreira entstand. Sowohl er als auch der einzige Tänzer des Stücks, der Portugiese Romeu Runa, sind Mitglieder Alain Platels Kompagnie les ballets C de la B aus Gent, die in den vergangenen Jahren schon mehrfach bei der Euroscene vertreten war. Bei The Old King wirkte Platel in beratender Funktion mit.

Besonders überzeugt die Leistung Romeu Runas, der mit großer Präsenz und körperlicher Virtuosität immer wieder intensive Bilder entstehen lässt und die Herausforderung eines Solos auch trotz teilweiser dramaturgischer Längen beeindruckend bewerkstelligt. Ob am Boden kriechend, wild gestikulierend oder durch den Raum rennend, weist sein Tanz große Exaktheit auf. Wie schon während der Anfangssequenz des sich eigenartig gebärdenden Rückens lässt Runa immer wieder einzelne Körperteile in den Vordergrund treten, indem er auch kleine Bewegungen mit großer Konzentration ausführt. Zum Beispiel wirken die zarten, fast unmerklichen Tastversuche der Finger in der Luft wie ein Nachhall auf die Zurichtung von Kopf und Körper. Oder es fällt Runas zuckender Mund auf, welcher die Anstrengung des sich während der ersten halben Stunde weitgehend am Boden durch den Raum arbeitenden Körpers entlädt.

Viele Bilder erwecken den Eindruck von sich verselbstständigenden Körperteilen, was das Eingangsthema des zerstückelten, kopf- und selbstlosen Körpers wieder aufnimmt. So rutscht der Kopf wie von selbst unter das Podest oder die Beine durchtasten die Luft, während der Torso regungslos am Boden haftet. Einmal schnellen die Beine derart plötzlich auseinander, sodass dies wie ein überrumpelnder Angriff auf den Körper wirkt: Nicht der Tänzer führt, sondern die Beine zwingen ihn in den Spagat. Das Eigenleben der Körperteile weckt immer neue Assoziationen an Animalisches und Organisches. In einer Passage meint man einen Fisch, in einer anderen einen Hund, in einer dritten einen Vogel zu erkennen.

Zunehmend versucht sich der Mann auf der Bühne den animalischen, ungerichteten Bewegungen zu widersetzen. Dem Auseinanderfallen seines Körpers versucht er, mit dessen allmählicher Aufrichtung zu begegnen. Dabei wehrt er sich nicht nur gegen das Kreatürliche und Natürliche in sich, sondern auch gegen äußerliche Naturgewalten in Form eines mindestens zehn Minuten auf ihn einpeitschenden Wasserstrahls. Der Mann kämpft gegen die Kraft des Wassers; wird von ihr zurückgedrängt; überlistet sie, indem er unter den Strahl schlüpft und hier vor ihm Schutz findet; schließlich hält er stand und steht aufrecht, bis der Wasserstrahl wieder so dramaturgisch überraschend abebbt, wie er gekommen war.

Bis hierhin ist The Old King formal sehr stimmig, danach droht das Stück etwas auseinanderzufallen. Die Bilder wirken nun wie unmotiviert aneinandergereihte, unverbundene Einfälle einer Leistungsschau, etwa wenn Runa seine Faust in den Mund steckt, unvermittelt „Fuck the bad days“ in ein Mikrofon brüllt oder in gurgelnd-pressendem Grammelot eine Rede an das Publikum hält, wodurch er zur unangenehmen Karikatur seiner selbst wird. Einmal steckt sich der mittlerweile fast gänzlich entkleidete Tänzer einen Blumentopf samt Blume in die Unterhose und stolziert mit diesem übergroßen Gemächt durch den Saal.

Insgesamt hätten die Macher gut daran getan, etwas konkreter für sich zu fassen zu kriegen, was sie in The Old King eigentlich erzählen wollen. In den Programm- und Ankündigungstexten werden so verschiedene Inspirationsquellen wie der verlassene König Marke aus dem Tristan und Isolde-Mythos, die Fotografie eines traurigen Mannes oder die Begriffe „Männlichkeit“, „Übergang“ und „Intimität“ genannt. Diese Vielzahl der verwendeten Ausgangsideen und -materialien merkt man der Inszenierung insbesondere in der zweiten Hälfte an. Schwer zu sagen ist, worauf die Bildexplosion in The Old King letztendlich hinaus will. Sie droht deshalb auch kurz nach Vorstellungsbesuch wieder in Vergessenheit zu geraten.

The Old King - Schaubühne Lindefels

Euro-Scene Leipzig

Regie: Miguel Moreira

9./10. November 2013


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