Christopher Köhler | Drucken13.11.2011 

„I’ll take my place in illusion“

Euro-Scene: Gisèle Vienne inszeniert mit dem Solostück „Jerk“ ein verstörendes Portrait eines Serienmörders

Foto: Mathilde Darel, Grenoble

The truth is rarely pure and never simple.
Oscar Wilde

Ein junger Mann (Jonathan Capdeville) sitzt in der Mitte eines kahlen Raumes auf einem Stuhl. Zu seiner Linken ein Kassettenspieler, zu seiner Rechten eine geschlossene Tasche, die auf ihren Auftritt wartet. Er bittet höflich herein und blickt erwartungsvoll ins Publikum. Texte werden verteilt und Capdeville fordert die Zuschauer auf, den ersten Teil dieser zwei Szenen zu lesen, während er sich und seine Puppen vorbereitet. „Times’up“. Das Spiel kann beginnen.

Der kalifornische Autor Dennis Cooper verfasste 1994 die Kurzgeschichte Jerk basierend auf der wahren Begebenheit eines Serienmordfalls in Texas. Dean Corll tötet und vergewaltigt 1970 unter Mithilfe der zwei Teenager Wayne Henley und David Brooks 27 Jungen im Alter zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren. Sie vergraben die Leichen in Corlls Bootsschuppen und in ländlichen Gebieten der Umgebung. Gisèle Viennes gleichnamige Inszenierung – von Dennis Cooper selbst für die Bühne textlich adaptiert – erzählt die fiktionale Geschichte Brooks‘ aus dem Gefängnis. Brooks präsentiert einer Gruppe Psychologiestudenten die grausamen Begebenheiten dieser Serienmorde „spielerisch“ an seinen Puppen.

Vienne inszeniert ihren Jerk in zwei Teilen und hebt jeden Teil besonders hervor, nämlich mit Hilfe des Publikums, das „Fanzine“-Texte durch die Aufforderung des Schauspielers lesen soll. Das aktive „Lesen“ trennt beide Teile der Inszenierung sichtbar voneinander und schafft Raum für nötige Gedankenpausen. Jonathan Capdeville verkörpert Brooks. Im ersten Teil erscheinen die Protagonisten Wayne und Dean als Puppen zu seiner Seite. Die doppelte Maskierung der Puppen geht auf. Henley und Dean wirken mit Pandabärchen- und Seerobbenplüsch-Kopfmasken süß und harmlos. Vielmehr sind es die unterschiedlichen Stimmen, mal hoch und geisterhaft oder tief psychopatisch, die durch den Darsteller heraustreten und die Geschichten, die sie erzählen, zu einer verstörenden, grausamen Erfahrung erzeugen. Nach dem Mord eines weiteren Jungen vergewaltigt Dean den leblosen Körper, missbraucht ihn, zerfetzt ihn unter den voyeuristischen Augen des Spielers und dem Zuschauer als Zeugen dieser Tat.

Der Einsatz der Puppen ermöglicht die Auseinandersetzung mit diesen Grausamkeiten. Es ist die Distanz zum Objekt, die es erträglich macht, wenn Dean die Leichen zerstückelt, sie missbraucht während er philosophiert, ob die Morde einen Wert hätten, da er diese Jungs nie „wirklich“ besitzen konnte. Die Unbeweglichkeit der Puppen öffnet die Lücke zwischen Realität und Fiktion, in die sich der Zuschauer gemeinsam mit Capdeville platziert. Diese Lücke schafft sogar lustige, ironische Momente, wenn beispielsweise Wayne und Brooks miteinander schlafen und Dean sich als masturbierender Panda an das Publikum richtet.

Der zweite Teil beginnt. „Times’ up“ ertönt es erneut, nachdem der Darsteller den Raum mit einem Bier verlassen hat. Dean ist tot. Erschossen durch seinen eigenen Komplizen Wayne, der den Tod eines weiteren Schulkameraden nicht ertragen hatte. Sie melden die Morde telefonisch bei der Polizei und verschwinden im Cadillac. Hier setzt nun die Inszenierung zum zweiten, weitaus stärkeren Teil an.

Die Puppen sind verschwunden. Der Darsteller sitzt alleine auf dem Stuhl. Er blickt ins Publikum und erzählt seine Geschichte weiter. Erzählt von der letztmaligen Rückkehr mit Wayne zu Deans Haus und dem Jungen Brad, auf den sie treffen. Wayne spiegelt Dean, indem er seine Rolle als Mörder einimmt. Die Lust hat sich übertragen, zeigt sich in ihm wider. David hält einmal mehr die Super-8-Kamera und mischt sich nicht ein. Der Mord und die Erzählung darüber erfolgen einzig durch Stimmen im Raum, die der Darsteller bauchrednerisch erzeugt. Er blickt ins Publikum und verzieht keine Miene, bis er sabbernd und mit hallender atmospherischer Musik im Hintergrund die Szene in und an seinem Körper erweckt. Die „Stimmen des Todes“ bauen sich um ihn herum auf und markieren die stärkste Szene des Abends.

Gisèle Viennes Stück funktioniert dank Jonathan Capdevilles starkem Spiel. Es ist die intensive Verbindung des Darstellers mit seinen Zuschauern, die Manipulation des Blicks und der Geschichte, die das Stück vorantreiben. Was ist Fakt? Was ist Realität? Was ist die Motivation und die Lust nach Tod und Grausamkeit? Wie ist der Blick des zeitgenössischen Menschen? Wo hält er inne und realisiert das Gesehene, das Erzählte? Fragen über Fragen. Es ist eine interessante und gute Inszenierung geworden. Sie lässt einen verstört zurück, in der Lücke zwischen Fakt und Fiktion.

Jerk

Im Rahmen der euro-scene Leipzig 2011 statt.

R:Gisèle Vienne

Mit: Jonathan Capdeville

Gastspiel: 9. November 2011, Lofft


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