Alexandra Hennig | Drucken13.11.2011 

Zwischen den Zeiten

Josef Nadjs gastiert mit dem Stück „Sho-bo-gen-zo“ bei der Euro-Scene Leipzig

Fotos: Edvard Molnar, Subotica

Zen ist die Versunkenheit im Sitzen auf einem Kissen. Vereinbarkeit von gegensätzlichen Prinzipien, die dem Leben immanent sind. An diesem Abend im Theater der Jungen Welt soll sich im Zuge der Euro-Scene Leipzig nichts Geringeres auf der Bühne ereignen als die Verhandlung von Ying und Yang.

Der Choreograf Josef Nadj hat eine Choreografie im schlicht gerahmten Bühnenbild erstellt, die Musiker Joёlle Léandre und Akosh Szelevényi mit einem Kontrabass und einem ganzen Instrumentenpool ausgestattet. So stehen sie sich gegenüber – Mann und Frau – hell und dunkel. Ein Bearbeitung, die dem Thema der diesjährigen Euro-Scene Leipzig „Tonstörung“ zweifellos gerecht wird. Das eindringliche Spiel der Bassistin trifft auf ihr Echo – die andere Seite der Bühne, und im Zusammenspiel wird nicht etwa die Harmonie gesucht: Vielmehr sind es Töne der Verstörung, die sich im Duett entfalten.

„Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht“ – Ein japanisches Sprichwort besagt dies zwar nicht und doch ließe sich so vielleicht der Zugang zur teilweise schwierigen Ästhetik beschreiben, die uns gleich begegnen wird. Das puristische Bühnenbild, die Komposition zweier Gegensatzpole, der Einsatz traditioneller Masken und symbolträchtiger Requisiten sollen unseren Blick gen Osten richten, einen Bogen schlagen zur japanischen Philosophie des Zen-Buddhismus, wenn nicht gar bis ins 13. Jahrhundert hinein. Klllllong.

Noch in die erste Hälfte dieses Abend hält die Welt des japanischen Nô-Theaters Einzug, oder wenigstens einer europäischen Adaption davon: Cécile Loyer – eine Frau in weißer Tracht – betritt die Bühne, sie trägt eine Maske, von deren authentischer Beschaffenheit wir ausgehen können. Ihre Gesten scheinen permanent zwischen erdachter Spiritualität und grotesker Verneinung zu schwanken. Und, wenn wir schon fast glauben wollen, in einem traditionellen Stück gelandet zu sein, öffnet sich der große viereckige Vorhang des Bühnenbildes – ein schwarz-weißer Rahmen, vor dessen Hintergrund das Spiel stattfindet und der gleichzeitig ein Übergang zwischen den verschiedenen Szenen zu bilden scheint. Dort heraus tritt die Figur des Samurai, der auf seine Dienerin trifft und vielmehr auf einer Empore wie von Zauberhand auf die Bühne gezogen wird. Im Aufeinandertreffen ist der spezielle Humor der Ästhetik Nadjs zu spüren, deren Zugang vielleicht lohnenswert, jedoch nicht einfach ist.

Auch der Einsatz der vielen symbolischen Mittel bleibt schier unübersichtlich – es entsteht ein ungleiches Puzzle der Gegenstände, die in dieser Inszenierung zusammen kommen und alle in Bezug zum Ring des Zen zu stehen scheinen. Der Tanz von Loyer und Nadj – neben den Musikern das zweite Gegensatzpaar – allerdings nimmt nicht unbedingt mit auf die Reise, die vermutlich auf der Bühne unternommen wird. Zwischen der Vergangenheit soll die Philosophie belebt und erfahrbar gemacht werden – die Choreografie als Ausführung dessen, was in der japanischen Weisheit als das Erleben im Moment gelesen wird und doch finden sie, als sie zum zweiten Mal ohne Masken durch den Vorhang des Bühnenbildes erscheinen, kaum eindringliche Momente, die eine meditative Kraft außerhalb des Bühnenrandes entfalten würde.

Gleichzeitig treten die Stilelemente der Choreografie so vielseitig auf, beinhalten viele Brüche, dass es verwundert, warum die einzelnen Sequenzen doch kaum ineinander greifen können. Das Tempo, der Wechsel der einzelnen Szenen und Choreografien lässt eher vermuten, dass sie miteinander etwas anderes erleben als ein Zuschauender wahrnehmen kann. Im Gegenteil transportiert ihr Tanz eher eine Schwerfälligkeit, die kaum Spannung zu erzeugen vermag. Auch wenn die Bewegungen Cécile Loyers zweifellos Präsenz besitzen und Josef Nadj an sich eine irgendwie eindrucksvolle Erscheinung ist, bleiben ihre Bewegungen eher formal und es fällt schwer, ihnen nachträglich eine Lebendigkeit zu verleihen. Vielleicht ist generell auch fraglich, wie und ob eine solche Philosophie überhaupt auf einer Theaterbühne erfahrbar gemacht werden kann.

Wo es aus dem Nichts heraus Holzstäbe, Tannenwipfel und Plastiksäcke von hinten auf die Bühne regnet, wird gleichzeitig auch ganz bewusst mit skurrilen Momenten gearbeitet. Diese wirken zudem so stark akzentuiert, gleichzeitig stark gesetzt, so dass im Grunde etwas von ihrer Überraschung oder performativen Qualität verloren geht.

Eindringlich jedoch kommt ein Moment daher, wo Josef Nadj hinter einer Miniatur des schwarzen Vorhangs erscheint – ein Puppentheater wie das „Spiel im Spiel“ kündigt sich an. Bevor wir wirklich darüber nachdenken können, was genau es mit dem aus Ton gekneteten Einhorn auf sich hat, wird es schon von seinen Händen zerquetscht – obendrein gibt er ein Knurren von sich, das in seiner Intensität kurzzeitig mit den Darbietungen der Musiker mithalten kann. Bis er schließlich das übrig gebliebene Horn mit einer ausladenden Geste seines Daumes zerstört, tut sich so etwas wie eine Ahnung auf, worum es gehen könnte: Das aufblitzen eines wahrhaftigen Augenblicks, wobei nicht klar ist, ob man lachen oder weinen möchte.

Dem folgen wieder stille, harmonische Bewegungen, als wollten sie ein Gefühl von Innerlichkeit vermitteln – immer wieder halten sie gleichzeitig inne – die beiden Pole sollen noch zueinander finden. Schließlich sitzen sie nebeneinander auf zwei Stühlen und der Anblick ihrer zerzausten Haare erscheint zum Teil doch komischer als einige der Szenen davor. Als hätte man nicht darauf gewartet, halten sie sich an den Händen und erscheinen wie ein japanisches Brautpaar am Ende der Geschichte, wenn man vom debilen Lächeln der beiden absehen mag. Fast beschämte Gänsehaut erbebt noch einmal zum Abschluss dieses Abends, wo bis zuletzt nicht eindeutig bleibt, wo genau sie eigentlich herkommt.

Sho-bo-gen-zo

Deutschlandpremiere

Im Rahmen der euro-scene Leipzig 2011

Choreografie: Josef Nadj
Komposition: Joëlle Léandre und Akosh Szelevényi

9. November 2011, Theater der Jungen Welt


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