René Seyfarth | Drucken12.11.2008 

euro-scene die Dritte

Alain Platels „pitié!” ist virtuose Meditation über den Schmerz

Es ist schon etwas sonderbar, dass die Matthäuspassion im Centraltheater innerhalb kurzer Zeit in zwei sehr verschiedenen Inszenierungen zur Aufführung kommt. Dies ist zwar mit großer Wahrscheinlichkeit dem Zufall geschuldet, könnte aber trotzdem die Frage aufwerfen, ob dahinter eine spezifisch-zeitgenössische Faszination für genau diesen Stoff steckt. In beiden Fällen handelt es sich schließlich nicht um eine gewöhnliche Aufführung, sondern um ein umfassendes Abarbeiten an der Thematik und den Motiven, das teilweise zur Unkenntlichkeit, zu einer gänzlich anderen Komposition führt.

Es ist kaum zu beschreiben, was Alain Platel mit pitié! geschaffen hat. Zehn Tänzer/innen, sieben Musiker/innen, vier Sänger/innen entfalten innerhalb des Bühnenrahmens ihre je eigene Kunst, ihre Form des Ausdrucks und schaffen als drei Ensembles, die gleichzeitig auf einer Bühne agieren, Parallelwelten. Allerdings greifen die verschiedenen Künste auch kongenial ineinander. Nicht nur im Sinne von Reaktionen, sondern in einer Synthese der Disziplinen. Die Musiker befinden sich nicht in einem Orchestergraben, sondern sind - auch durch ihre Kleidung - in das Geschehen integriert, die Tänzer bilden plötzlich einen Chor und der Countertenor wird ebenso wie die Mezzosopranistin Teil der Choreografie. Diese Verflechtung gelingt weitestgehend so gut, dass sie sich wie die größte Selbstverständlichkeit ausnimmt.

Eine Handlung im Sinne einer Entwicklung sucht man jedoch vergeblich. Eher handelt es sich um eine beinahe schon meditative Wiederholung immer wiederkehrender Motive, insbesondere von Sex und vor allem Leiden. Das irdische Jammertal wird panoramaartig aufgerollt, was in der Musik seinen Widerhall findet: Westeuropäische Folk-Elemente und orientalische Tonreihen spielen neben Jazz in diese ebenso gelungene wie überwältigende Bach-Bearbeitung von Fabrizio Cassol hinein. Gleichzeitig bildet die Musik das wichtigste Bindeglied der Inszenierung und übertrumpft zuweilen ob ihrer atemberaubenden Intensität die Tänzer/innen.

Bei aller Wiederholung und auch einigem motorischen Füllmaterial entstehen dennoch immer wieder überaus intensive Körperbilder, von der flüchtigen Skizze eines Begehrens bis hin zum großen Tableau der Trauer. Das Motiv der Piet?, der trauernden Mutter wie auch die Passionsgeschichte als überaus prominente Themen der bildenden Kunst werden in bewusster Anlehnung an Malerei und Skulptur in klassischen Dreieckskompositionen im Großen wie im Kleinen immer aufs Neue variiert. Dem Ausgangsthema fremde Motive wie Géricaults Floß der Medusa oder Rubens Sturz des Phaeton ließen sich ebenso gut aus der Inszenierung herauslesen und sind scheinbar in die Bildzitate hineingekreuzt; somit öffnet sich der Verständnishorizont über die christliche Leidens- und Erlösungsgeschichte hinaus zu anderen Motiven des Scheiterns, des Untergangs und des Leidens. Platel kombiniert dies mit einem außerordentlich eindringlichen In-Szene-Setzen geschundener Körper, welche vom Spielerischen und Grotesken bis zum Spastischen, zur Geißelung und dem gebrochenen Menschen reichen. Die Körper sind oft gebeugt, von Krämpfen geschüttelt, in zwanghafter Bewegung gefangen. Immer wieder werden die Köpfe geschüttelt, der Tanz von Schreien und Ächzen begleitet, die Kleidung abgelegt und wieder angezogen. Die individuelle Ausdruckskraft der Tänzer/innen kann diesbezüglich kaum genug gewürdigt werden. Doch obwohl Mitleid und Erbarmen in dieser Inszenierung als wünschenswerte Gefühle rehabilitiert werden sollen, ist immer wieder eine Überwältigungslogik des Mitleidheischens zugange, welche das Leid vielmehr ausstellt, als dass sich Einfühlung einstellen könnte.

Völlig ausgeblendet wird hierbei jedoch, dass die Matthäuspassion schließlich Teil einer Erlösungs- beziehungsweise Heilsgeschichte ist (was bei Hartmann negativ in der Verweigerung der Erlösung präsent ist) - es wird ein Trauerspiel aufgeführt. Damit mag zwar die Form der religiös motivierten Passionsspiele und Prozessionen aufgegriffen sein (die meist auch ausschließlich Schmerz und Leid fokussieren), aber sie sind ihres Kontexts beraubt. Pitié! ist in dieser Aufführung ein Stoßgebet an Mitmenschlichkeit und Verständnis und trägt folglich die Anmutung eines gut gemeinten, etwas unbestimmt-esoterischen Appells an alle. Jeder leidet auf seine Weise, oft allein, und Versöhnung? nun ja, vielleicht, und wenn alle mitmachen und ein wenig mehr Verständnis und Mitgefühl hätten, das wäre schon schön. Man kann dies eine zutiefst humane Botschaft nennen, man kann aber ebenso ungerührt mit den Achseln zucken: Bekehrungs- und Erweckungserlebnisse von Zynikern dürften in dieser Vorstellung nicht der Fall gewesen sein. Vom Sinnstiftungskitt abgesehen handelt es sich jedoch um eine wahrhaft grandiose Ensembleleistung, deren Bildgewalt und Formfindung von seltener Qualität ist, überstrahlt von der virtuosen Neuinterpretation des Bachschen Oratoriums.

pitié!

Im Rahmen der euro-scene Leipzig 2008
www.lesballetscdela.be
Konzept & Inszenierung: Alain Platel
Choreografie & Tanz: Lisi Estar?s, Juliana Neves, Rosalba Torres Guerrero, Quan Bui Ngoc, Louis-Clément Da Costa, Emile Josse, Mathieu Dasseigne Ravel, Romeu Runa, Hyo Seung Ye, Elie Tass
Gesang: Claron McFadden, Maribeth Diggle, Serge Kakudji, Magic Malik
Musiker: Fabrizio Cassol, Michel Hatzigeorgiou, Stéphane Galland, Sanna van Hek, Philippe Thuriot, Michael Moser, Tcha Limberger

8. November 2008, Centraltheater

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