| Drucken20.11.2007 

euro-scene die Fünfte: „Hell” (Alessa Paluch)

Hell
Emio Greco; PC, Amsterdam
Tanzstück inspiriert durch Die Göttliche Komödie von Dante
Im Rahmen der 17. eurocene
Schauspielhaus, Schauspiel Leipzig
Konzeption & Choreografie: Emio Greco &, Pieter C. Scholten
Mit: Ty Boomershine, Vincent Colomes, Sawami Fukuoka, Emio Greco, Marta Lopes, Nicola Monaco, Marie Sinnaeve & Suzan Tunca
10. und 11. November 2007


Gute Tänzer, schlechtes Stück: Hell

Der Abend Hell von Emio Greco| PC, Amsterdam beginnt laut und wild und energetisch: Während das Publikum noch Platz nimmt, gibt das Ensemble wie zur Aufwärmung erstklassige Diskoformationen zum Besten. Richtig laut werden Hits gespielt wie "Beds are Burning", "Tell it to my heart" und "The beautiful people" von Marilyn Manson. Getanzt wird wie man es aus Musikvideos kennt, nur mit dem Unterschied, dass diesen Tänzern in jeder Bewegung ihre klassische Ausbildung anzusehen ist, was den "profanen" Schrittfolgen etwas sehr
Kraftvolles verleiht. Mit einem Schlag ist dieser verführerische "Zirkus" jedoch vorbei. Erster Szenenapplaus. Langsam kommen die Tänzer mit Notenständern in der Hand, die sie dann vor sich aufstellen, aus der im Hintergrund der Bühne stehenden, leuchtenden Pforte. Die erinnert an den Eingang einer Stripteasebar oder eben einen Clubs, stellt wahrscheinlich aber das dantesche Höllentor dar. Die Stille und die minimale Bewegung, die nun folgen, werden allerdings schnell langweilig. Jeweils einer der Tänzer gibt einen Bewegungsablauf vor, der wie im Zwang von den anderen wiederholt wird. Dabei wechseln sich schnelle, gehetzte Kraftausbrüche mit langsamem, die Spannung gleichzeitig unterdrückendem und steuerndem Warten auf die nächste Vorgabe ab. Der Auftritt eines weiteren Tänzers, ganz in schwarz gekleidet, bricht diesen Teil ab und leitet über zum nächsten: Das Ensemble nimmt mit großen Formationen den Raum ein.

Das Ensemble ist ausgesprochen gut, zudem wird diesem in den eineinhalb Stunden keine einzige Verschnaufpause gegönnt. Die Idee kann aufkommen, es handele sich um ein Stück über den Tänzer an sich und über seinen Körper. So werden die klassischen Ballettexercisen immer wieder mit größter, spannungsgeladener Präzision wiederholt. Das Ensemble scheint sich selbst zum Äußersten zu treiben, da brechen auch schon mal Tänzer zusammen, aber es wird weiter gemacht, keiner will auf der Strecke bleiben. Teilweise wirken diese Übungen wie Zwangshandlungen, in den Tänzerkörper eingeschrieben seit dem er Tänzerkörper ist. Diese Bewegungen sind auch dem Publikum vertraut, aber hier werden vor allem die Präzision, der Wille zu Perfektion und die Körperspannung ausgestellt. Dabei wirken die Tänzer allerdings nicht als Unterwerfer, sondern als Bewältiger ihres Körpers. Doch schützt diese Umcodierung der klassischen Bewegungsabläufe leider nicht vor deren ästhetischen Selbstgenügsamkeit. Wie noch meistens beim Ballett genießt das Auge und der Rest schaltet ab. Ist ja auch mal angenehm.

Wäre da nicht die Frage, wo denn nun die Bezüge zu Dantes Göttlicher Komödie zu sehen sind, die als Inspiration für Tanzstück geltend gemacht werden. Im Programmheft heißt es, die Inszenierung suche nach dem, was Hölle in der heutigen Zeit sein könnte und würde verschiedene "höllische" Situationen durchspielen. Vielleicht erklärt sich dadurch die Nacktheit, wie sie gen Ende des Tanzstückes vorgeführt wird. Hoffentlich. Denn ohne die Vermutung, hier würde nun der Versuch unternommen, die Verletzung der Scham und das Ausgeliefertsein des ungeschützten Körpers zu behandeln, wirken die nackten Körper deplatziert. Nacktheit auf der Bühne braucht einen Grund, sonst bedeutet sie "nur" den Einbruch des Realen in einen mehr oder weniger definierten Illusionsraum. Die Nacktheit ist an dieser Stelle nicht zwingend. Es bleibt unklar, warum der Choreograph und Tänzer Emio Greco nicht auf diesen Regiegriff verzichtet. Weiterhin unklar bleibt der unmotiviert erscheinende Auftritt des Dramaturgen Pieter C. Scholten. Auch ein Einbruch des Realen, aber doch irgendwie ohne die Konsequenzen, die normalerweise durch solche Aktionen gezogen werden müssen.

Nach dessen Auftritt, der darin bestand am Bühnenrand zu stehen, dann über dieselbe zu laufen und die von einem Tänzer vorher heraus gedrehten Glühbirnen am Höllentor wieder einzusetzen, bäumt sich das Ensemble noch einmal auf. Die Tänzer geben nicht auf, sie tanzen. Und am Ende applaudiert das Publikum, lang und leidenschaftlich. Die Gruppe und ihre Leistung haben diesen Applaus auf jeden Fall verdient, das Stück leider nicht.

(Alessa Paluch)


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