René Seyfarth | Drucken11.11.2008 

euro-scene die Zweite

"2nd ID" geht in die Produktion

Wenn man nicht wüsste, dass der Hauptsponsor vor allem sich selbst repräsentieren wollte, könnte von einer interessanten Wahl des Aufführungsortes die Rede sein: Nach einem langen Spaziergang durch gleichförmig aneinandergereihte Maschinen, mitten in den Produktionseingeweiden des BMW Werkes, gelangt man zur kleinen Bühne von 2nd ID. HipHop kommt von der Straße, Autos auf die Straße. Und wo das eine produziert wird, wird das andere produktiv gemacht: HipHop ist längst zu einem wichtigen Impulsgeber für zahlreiche kulturelle und künstlerische Entwicklungen auch jenseits seiner ursprünglichen Reichweite und Zielgruppen geworden. Dies konnte man erst kürzlich im LOFFT bei SKILLZ/NO SKILLZ erleben, ist nach wie vor in der beeindruckenden Dokumentation Rize festgehalten und schwingt selbst bei der ziemlich naiven, aber perfektionistisch choreographierten Hochglanz-Hollywood-Produktion Step up 2 the streets mit, um nur einige, sehr verschiedene Beispiele zu nennen.

Was aber HipHop eigentlich ist, lässt sich nach wie vor schwer beschreiben. So kämpfen auch die Mitglieder der Emotion Crew - die schon seit zehn Jahren zusammenarbeiten - um ein wenig Deutungsmacht über den Begriff. Ihre Definitionen, was HipHop wirklich sei, sind positiv und negativ: Keine brennenden Mülltonnen, keine arschwackelnden MTV-Tussis, keine Ghetto-Gangsta-Sülze, nicht nur Musik und Tanz oder gar nur Mode, sondern ein kommunikativer und offener Lebensstil, das ist HipHop. Diese Offenheit wird als besondere Stärke der HipHop-Kultur herausgestellt und besonders prominent in die Choreographie einbezogen, die zahlreiche musikalische und stilistische Verweise in ein Nicht-HipHop-Außen macht, wobei gleichzeitig die Grenzen verschwimmen. Was ist denn nun schon HipHop, was ist denn noch außen vor? An den Ballettstangen wird gerüttelt und gebattelt, dass man ihnen eine Integrationsdebatte wünschen möchte.

Doch nicht nur Ballett ist mit von der Palette, auch Flamenco, arabische Kalligraphie und japanische Soap-Streifen werden zur Inspiration herangezogen und in die Inszenierung einbezogen. Und es wird mit viel Humor, ja beinahe schon Mut zum Lächerlichen, demonstriert, was HipHop alles kann, wie er sich übersetzen und ausweiten lässt, was in der zweiten Szene am deutlichsten wird, wenn zu zuckrigstem Mümmel-Pop die meist doch eher zackigen Bewegungen einen zarten Schmelz bekommen.

In dieser Hinsicht zeigen sich die Tänzerinnen und Tänzer der Emotion Crew überaus kreativ und experimentierfreudig, loten ihre erste Identität aus, um sie zu ihrer zweiten Identität HipHop in Bezug zu setzen. Die Bilder, die dabei entstehen, sind zuweilen verschwommen oder haben etwas zu starken Revue-Charakter. Dies mag einerseits dem weiten Spielraum geschuldet sein, der für Improvisationen gelassen wird, andererseits vielleicht der zu großen Scheu vor jedweder Festlegung und Grenzsetzung. Erstaunlicherweise entsteht trotz allem eine Inszenierung, die letztlich mehr als nur originell oder unterhaltsam ist, sondern die proklamierte realness eben doch zu vermitteln mag. Die sichtlich verschiedenen Körper und Charaktere finden in der Musik zu einer Harmonie, die über Parallelen der Bewegung hinausgeht, sich vielmehr ergänzen und schließlich eben doch produktiv machen, was versprochen wurde: HipHop als körperliche Ausdrucksform, als Lebensstil, als Kultur.

2nd ID

Im Rahmen der euro-scene Leipzig 2008
www.emotion-crew.de
Choreografie & Tanz: Andrea Böge, Nadia Espiritu, Takao Baba, Niranh Chanthabouasy, Kadir Memis, Lewon Tatewosian
Dramaturgie: Célestine Hennermann

8. November 2008, BMW Werk Leipzig

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