Steffen Kühn | Drucken15.11.2011 

Geschichtsbewältigung auf Russisch

Euro-Scene: Wladimir Pankow „Ich – das Maschinengewehr“ beweist Subtilität, verliert sich jedoch in Ungenauigkeiten

Fotos: Denis Anoufriev, Moskau

„Keiner will sterben, das ist doch klar, wozu sind dann Kriege da? Herr Präsident, du bist doch einer von diesen Herrn, du musst das doch wissen, kannst mir das mal erklären?“ – Udo Lindenbergs Song aus den 70er Jahren hat das Thema Krieg auf eine naiv-kindliche Art verarbeitet. Auch in Juri Klawdijews Text Ich – das Maschinengewehr finden sich solch einfache Passagen: „Krieg ist das, was niemand braucht.“ Sein Stück wurde 2004 in St. Petersburg uraufgeführt, ein Stück, das sich mit dem Horror des Zweiten Weltkriegs beschäftigt, wo cirka 26 Millionen Menschen der damaligen Sowjetunion ihr Leben ließen. In der Außenwahrnehmung wird vom heutigen Russland oft das Bild vermittelt, den Zweiten Weltkrieg, den Sieg über das Naziregime als großes nationales Ereignis zu verherrlichen. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich einige Regisseure wie Juri Klawdijew gegen solch offizielle Eindimensionalität zur Wehr setzen. Was erstaunt und erfreut ist, dass solche Themen in Russland auch ein Publikum/einen Diskurs finden.

Wladimir Pankow hat sich den Stoff über Angst, Tod, Verlust und Leid auf sehr emotionalem Wege angenähert. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der die vom Großvater erzählten Kriegserlebnisse in seine jugendliche Gang projiziert. Da wird geprahlt und gewütet, Gefühle werden unterdrückt, das Thema Frauen dient der kraftmeierischen Selbstidentifikation. Die jugendliche Gang säuft und tanzt, die Inszenierung versucht aber auch Ambivalentes. Dem Grölen von Schlagern wie „California“ werden (Live-)Klänge der Balalaika entgegengesetzt. Zarte Akustik gegen Musikwellen vom Band. Die Inszenierung lebt vom Drive der Musik. Die Choreografie gibt den Schauspielern einen dichten Plot vor, immer getrieben, hin und her rennend: So legt sich eine Atmosphäre der Angst über die Bühne.

Wladimir Pankows SounDrama Studio arbeitet auf der Grundlage der individuellen Improvisation verschiedener Kunstrichtungen, die Synthese von Musik, Schauspiel und Tanz ist das Ziel. Diese heutige Inszenierung ist laut, das muss man mögen, mögen muss man ebenso dialektische Regieeinfälle wie die Gruselmasken oder die Verwendung des Porträts von Saddam Hussein und anderen Apologeten des Staatsterrors. Hier wird die Inszenierung leider auch ungenau, schießt über das Ziel hinaus, im Programmheft dazu exemplarisch „[…]auch andere Kriege unserer Vorfahren, wie den Vietnamkrieg oder Irakkrieg, werden aufgegriffen.“ Unsere Vorfahren können sich glücklich schätzen diese Kriege nicht erlebt zu haben, wie auch, rein zeitlich gesehen? Solche kleinen Ungenauigkeiten finden sich leider auch in den deutschen Übertiteln, das zerstört zum Teil die Subtilität des Themas. Man fühlt sich da ein wenig mit dem Holzhammer behandelt. Konzept vielleicht?

я, пулеметчик,(Ich – das Maschinengewehr)

nach Juri Klawdijew

Deutschlandpremiere

Im Rahmen der Euro-Scene Leipzig 2011
R: Wladimir Pankow

Mit: Alisa Estrina, Alina Olschanskaja, Anastasia Sytschewa, Pawel Akimkin, Alexej Tschernych, Seseg Chapsasowa, Andrej Samojlow, Jewgeni Sangadschijew, Andrej Sawodjuk

9. November 2011, Schaubühne Lindenfels


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