Alexandra Hennig | Drucken15.11.2011 

BA-ROCK*!

Euro-Scene: Andrea Miltnerová hinterfragt als Regisseurin und Künstlerin Bewegungskonzepte

„Pentimento“ (Fotos: Vojtěch Brtnický, Prag)

Das graublaue Kleid wirft einen Schimmer gegen die kahlen Wände der Lofft-Bühne. Als hätte jemand geradewegs ein verziertes Schmuckkästchen geöffnet, erscheint seine Trägerin im weit ausgestellten Rock und schmaler Taille, den Rücken uns zugewandt. Die Bewegungen ihrer Arme lassen Schatten über den Boden gleiten.

Eine zweite Tänzerin tritt hinzu und das Duo beginnt, ganz im klassischen Stil oder einer Vorstellung davon, gleichsam über die Bühne zu schweben. Synchrone Drehungen einer Choreografie erinnern daran, dass es einmal einen Tanz gab, der ohne Spitzenschuhe und gestreckte Füße nicht denkbar gewesen wäre.

Was durch einen allmählichen Lichtwechsel zum Vorschein kommt: Ganz so klassisch ist es um die Erscheinung der beiden Tänzerinnen nicht bestellt. Bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass die pompösen Kleider aus schlichten Oberteilen bestehen – glänzende Stoffe sind zu Röcken gewickelt, die zeitlos daher kommen. Auch die Gesichter der Frauen erheben nicht den Anspruch auf historische Wiedererkennung – in ihren Blicken liegt etwas Ironisches, wenn sie ihre Pirouetten drehen und dabei zweifellos sehr schön anzusehen sind. Auch wenn wir nicht wissen können, wie die Tänzerinnen im Barock gelächelt haben, hier wird nicht das „Klassische“, sondern sein Anschein erweckt.

Das Stück der Choreografin Andrea Miltnerová tritt somit zunächst als eine Zeitreise in die Welt des Barocks auf, die ihre Beweggründe nicht verhüllt. Eine Sehnsucht nach Anmut und Geschlossenheit wird vorstellig, deren Illusion gegenwärtig ist, wo uns die Hingabe an das Bild jedoch nicht verwehrt bleibt.

Pertimento – Der Titel des Stücks verspricht Veränderung und so ist es nur folgerichtig, wenn das Duo durch drei junge Tänzerinnen ergänzt und im gewissen Sinne abgelöst wird. Die goldenen Stoffe, die wie Tutus um ihre Hüften gebunden sind, trügen übrigens nicht die Ansehnlichkeit der drei Ballerinas, die hinzugetreten sind, um ihrerseits Interpretationen der Verbindung von Klassik und Moderne – Gegenwärtigkeit einer vielleicht verloren geglaubten Ästhetik zu zeigen. Ihre Bewegungen entwickeln sich von runder Harmonie zu abrupteren Formen – subtile Störmomente im Ensemble, das jedoch auch in der Folge seine Einheit nicht aufzugeben wagt.

Noch immer sind ihre Haltungen an die klassische Bewegungssprache angelehnt, über deren Rahmen sie nicht hinausgehen. Dort, wo die Position jeder Einzelnen immer schon Teil eines Bildes ist, dessen Choreografie ein klares Muster ergibt, verbleiben die Abwandlungen in gewohnten Strukturen. Umwege, die zwar formuliert, aber nicht konsequent gegangen werden. Trotz der Zugeständnisse an eine offene Form – etwa, dass wir deutlich hören können, dass sie außer Atem sind – keine tanzt hier aus der Reihe.

Alle Elemente ergeben ein großes Ganzes, das in seiner Perfektion auch dann nicht gestört wird, wenn die Tutus fallen.

Der Cut ist nicht zu übersehen, doch es bleibt ein sauberer, wo es dunkel wird, Rockmusik ertönt – fünf schöne Frauen tanzen und werden darüber niemals vergessen, ihre Beine akkurat zu strecken. Wenn sie dann in einer Reihe vor dem Publikum stehen und zuckende Impulse durch ihre Körper fahren, gehört es doch nicht wirklich zu ihnen – rückt die Moderne in weitere Ferne als die Sonate von Jean-Baptiste Barriere (Komposition: Jan Komárek), die sie im ersten Teil des Stücks begleitet hat.

Nicht zu unterschlagen bleibt dennoch die eigentliche Subversion des Stückes, wenn man es als Statement zu gängigen modernem Tanz zu lesen entscheidet. Fünf Tänzerinnen stehen in einer Reihe um ihren Applaus zu empfangen – eine letzte Showeinlage, die sie sich nicht nehmen lassen: nochmal eine elfengleiche Bewegung der Arme, denn sie wissen, dass wir das sehen wollen. Schön, dass etwas hinter dem steht ist, was einfach nur schön ist.

Fractured

„Fractured“

Ein „Dahinter“ hat sich auch das darauffolgende Tanzstück zum Gegenstand gewählt, wenn Andrea Miltnerová selbst auf der Bühne erscheint. Ein fast unbedeckter Körper befindet sich vor unseren Augen – wir können nur vermuten, dass er (noch) zu ihr gehört. Ein Gebilde, geformt durch menschliche Muskeln und Knochen auf einem erleuchteten Viereck – die begrenzten Quadratmeter ihrer Spielfläche. Alle Gliedmaßen berühren den Boden, die gespreizten Beine hinter den Armen, die vorne aufgelegt sind und in deren Mitte sich etwas befindet, das wir als ihr Kopf identifizieren können. Den Tanz eröffnen Schulterblätter, Nackenmuskulatur und Rippen – sie haben sich zu einem Ensemble zusammengefunden – die Künstlerin wird zur Regisseurin ihres Körpers. Es folgt das Duett ihrer Handflächen, die auf den Boden gestützt, bald in der Bewegung ihre Gestalt verlieren und eine andere Identität annehmen werden. Die Tonkulisse als atmosphärische Collage unterstützt noch die hohe Intensität dieser Darbietung, der etwas von einer Vorstellung des Ursprünglichen anhaftet, selbst dort, wo klar ist, dass es sich um eine Illusion handelt – die präzise Lichtarbeit trägt großen Anteil daran.

Neben dieser überhöhten Ebene aber tritt die Choreografie vor allem als Fragmentierung des Körpers auf – als Grenzreise dorthin, wo Vorstellungen von geschlossenen Identitäten und Mensch-Sein (ihr Gesicht wird die ganze Zeit verborgen bleiben) aufgehoben sind. Wo auch immer das sein soll – an diesem Ort nimmt ihr Körper fast schon die Gestalt eines Insektes an, dessen Kopf wie an einem seidenen Faden hängt. Auch sonst befinden wir uns in einem zeitlosen Zustand: Es gibt nur die Bewegungen im Raum, die in keinem bestimmten Kontext verortet scheinen.

Bis Klaviermusik ertönt und Jan Komáreks Interpretation von Johann Sebastian Bach die finale Sequenz begleitet: Noch immer blickt der Körper Andrea Miltnerovás nach unten, ihre Arme sind jetzt weit ausgebreitet, als wollte sie zum Flug ansetzten. Wohin geht dieses Stück? Ist es doch ein „Davor“ geworden?

Pentimento

Choreografien: Andrea Miltnerová

Mit: Lenka Bartůnková, Romana Konrádová, Tereza Lenerová-Hradílková, Andrea Miltnerová, Lea Švejdová

Fractured

Choreografien und Tanz: Andrea Miltnerová

Im Rahmen der Euro-Scene Leipzig 2011

Deutschlandpremiere: 11. November 2011, Lofft


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