Torben Ibs | Drucken27.04.2013 

Atomkatastrophe wird Pop

Zwischen Gorleben und Spiderman changiert „Fall Out Girl“, die letzte Arbeit der Hamburger Compagnie Mass & Fieber Ost, die im Lofft gastierte

Copyright: Maß & Fieber Ost, Foto: Joachim Dette

Kann man aus Hiroshima, Tschernobyl und Fukushima einen unterhaltsamen Theaterabend gestalten? Ja, man kann, wenn man das Ganze nicht zu ernst nimmt, ohne die Ernsthaftigkeit aus den Augen zu verlieren. Und es gelingt sogar hervorragend, wenn man dazu ein Format findet, das sich nicht nur respektlos an diversen Genres zwischen Road-Movie, Musical und Agitprop bedient, sondern auch über gute zwei Stunden ernsthafte Unterhaltung liefert.

Mit „Fall Out Girl“, untertitelt als radioaktive Road-Show, hat die Hamburger Gruppe Mass & Fieber Ost einen solchen Abend geschaffen. Antonia Labs gibt das comichaft agile Fall Out Girl und zieht den verkrachten Comic-Händler Bartleby, gespielt von Johannes Geißer, durch eine irgendwie postapokalyptische Welt, in der es vor Mutanten und merkwürdigen Geschäftsmodellen nur so wimmelt. Sie ist auf der Suche nach ihrem Freund Peter Parker, der einstmals eine ziemliche Größe im Mutantenbusiness war, aber dann irgendwie verschwunden ist.

So weit so schräg, die Anleihen der Truppe an die mit verstrahlten Superhelden bevölkerte Comicwelt sind mehr als deutlich und die Ästhetik orientiert sich daran: Alles ist bunt, trashig und hin und wieder richtig laut. Wichtigstes Requisit ist ein Multifunktionsparavant aus Pappe, der mal Kulisse, mal Leinwand, mal Auto ist, und Antonia Labs verwandelt den Abend in eine wahre Kostümorgie: Erst erscheint sie in skeletthaften Halloween-Look, dann als Neo-Punk Pippi Langstrumpf und schlussendlich in einem Pikachu-Kostüm aus der beliebten Pokemon Reihe. Sie ist der Motor, während Bartleby sich am liebsten auf seinen Berg in Thüringen zum Räsonieren zurückziehen will. Aber Stillstand? Nein Danke!

Während die beiden also post-atomares Gelände erkunden, präsentieren sie einen wahren Strauß aus Themen aus der radioaktiven Wundertüte. Von den Radon-Frauen aus New Jersey, die mit radioaktiver Farbe Uhren bepinselt haben, über eine Liste der zehn verstrahltesten Orte der Welt – von Fukushima bis Mittelmeer – bis zur unausweichlichen Endlagerproblematik („Scheiß Erbe“) ist alles dabei. Aber verpackt in Visionen, in denen Lewis Carolls Grinsekatze mit Schrödingers Katze zusammen auf Mutantenjagd gehen könnten, wenn sie nicht gerade zu müde wären. Alles wird mit allem kombiniert und nie wird es nie belehrend oder langweilig. Dafür sorgt das ungleiche Duo Infernale, wo sie immer drei Schritte nach vorne stürzt, während er noch die letzte Kurve durchdenkt. Dabei schwingt er auch gerne die Gitarre, ist er doch für die zahlreichen musikalischen Beiträge verantwortlich.

Regisseur Niklaus Helbing und Autorin Brigitte Helbing konstruieren hier eine unterhaltsame Tour de Force, die zwar auf Inhalte Wert legt, aber auf Pädagogik einen Scheißdreck gibt. Stattdessen darf die Videokünstlerin Elke Auer ran, die im dramaturgischen Zweifelsfall (und nicht nur dann) einfach das nächste Ass aus dem Ärmel zaubert. Madame Curie bekommt so ebenso ihren Auftritt wie Orson Welles, die besagten Radium Girls und natürlich jede Menge Mutanten. Sprechtheater wird zum intermedialen Genre-Mix und gen Ende sogar richtig pompös, wenn das Bühnenbild (ebenfalls Elke Auer) buchstäblich in die Luft geht. Sozialkritisches Theater mit relevanten Themen geht also auch im 21. Jahrhundert. Das Medienzeitalter hat nur die Ausdrucksmöglichkeiten erweitert und das Tempo angezogen. Ein Brecht hätte wohl aus jedem vorkommenden moralischen Dilemma ein ganzes Stück gemacht, hier reicht ein Abend für alle – und der ist auch noch kürzer als ein durchschnittliches Brecht-Drama.

Fall Out Girl

Regie Niklaus Helbling

Video/Bühnenbild Elke Auer

Musik Johannes Geißer, Michael Semper

Text Brigitte Helbling

Lofft, 22. März 2013


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