Mandy Schaarschmidt | Drucken06.03.2014 

Faust-Marathon zum Frühlingsbeginn

Das Hamburger Thalia-Theater gastiert mit „Faust I + II“ im Schauspiel Leipzig

Fotos: Krafft Angerer

An diesem ersten Märzwochenende wird das Leipziger Theaterpublikum von strahlendem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen zu einem Gastspiel begleitet, dessen man nur selten zu Teil wird. Das Hamburger Thalia Theater gibt mit seiner vielfach ausgezeichneten Produktion Faust I + II sein Stelldichein im ausverkauften Schauspielhaus. Nun kann man von Goethe halten, was man will, doch jeder kennt die Tragödie um den Faustischen Pakt mit dem Teufel. Allerdings beschränkt sich die Inszenierung in den meisten Fällen auf der Tragödie ersten Teil und endet immer mit dem Tod der bemitleidenswerten Gretchen. An diesem Nachmittag soll nun das gesamte Drama aufgeführt werden, dem Publikum steht somit ein (achtstündiger) Faust-Marathon bevor. Also kurz das Gesicht in die Sonne halten, tief durchatmen und los geht’s.

Wie inszeniert man heutzutage den Klassiker deutscher Dichtkunst schlechthin? Hält man sich strikt an die Vorlage: Ein Kammerspiel zwischen Faust als dem edlen und guten Menschen, der für sich ja nur die höchste Erkenntnis beansprucht und dafür vom Teufel um seine Seele gebracht werden soll. Oder wagt man den Sprung in die Moderne, zeigt sich avantgardistisch und setzt sich mit den politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten der Gegenwart kritisch auseinander?

Das Ensemble des Thalia Theater wagt beides: Es ist zugleich modern und doch in der Tradition Goethes. Zumal sie es wagen, dem zweiten Teil des Dramas eine oft verschmähte Aufmerksamkeit einzuräumen. Es endet zwar immer noch mit dem Untergang von Gretchen, nur lebt Faust sein Leben nach einer kurzen Trauerlitanei einfach weiter und widmet sich bald dem schnöden Mammon (eine herrliche Persiflage auf die Krise der letzten Jahre) und der schönsten Frau auf Erden, Helena. Mephistopheles als sein unablässiger Begleiter erträgt seine Launen und sein Gejammer bis zum bitterschönen Ende.

Doch fängt man besser ganz von vorn an: Faust ist ein mit seinem Leben unzufriedener, von Selbstzweifeln und einem schier unerschöpflichen Wissensdurst geplagter Gelehrter. Immerzu stellt er seine eigene und die Existenz der gesamten Welt infrage. Er verlangt vom Leben eine ganze Menge – vor allem Wissen und Macht, aber auch Geld, Liebe und ewige Jugendlichkeit – und zwar alles auf einmal und sofort. Damit ruft er den Teufel in Gestalt von Mephistopheles auf den Plan. Die Aussicht auf Fausts zerrissene Seele lässt ihn frohlocken, eine zuvor mit dem allmächtigen Herrn geschlossene Wette um den „Knecht“ zu gewinnen. Doch wie manipuliert man einen Menschen, der alles und nichts zu wissen glaubt, der sich selbst dem Teufel überlegen fühlt und doch von diesem vorgeführt wird wie ein kleines Kind? Man zeigt ihm, was es bedeutet, abseits vom Wissenschaftsbetrieb und dem Streben nach allwissender Erkenntnis, sein Leben zu genießen und legt ihm die eingeforderte Welt (im Kleinen wie im Großen) zu Füßen.

Das Ensemble des Thalia Theaters geht in dieser Inszenierung in der Darstellung der handelnden Figuren einen neuen Weg. Die einzelnen Personen werden nicht, wie sonst üblich, nur ihren angedachten Rollen zugewiesen. Im ersten Teil der Tragödie lernen wir die Pro- und Antagonisten einmal anders kennen, nämlich aus der Sichtweise der mit ihnen agierenden Personen. Faust verkörpert in den ersten Szenen nun nicht nur sich selbst, sondern ist zugleich der Erdgeist und Mephistopheles. Gretchen zeigt die Zerrissenheit und Abgründe ihrer Figur mal nicht in der immer wieder zur Schau gestellten naiven und religiös geprägten Unterwürfigkeit, sondern als eine Frau, die aus ihrer engen Lebenswelt ausbrechen möchte und für sich ein besseres Leben nach ihren Wünschen und Vorstellungen einfordert. Zugleich stellt sie Fausts verinnerlichtes Frauenbild – demütig, naiv, leicht zu haben, wenn man ihr nur teures Geschmeide schenkt – bloß und verfällt ihm, ob ihrer Zweifel, am Ende doch. Nicht zu vergessen Mephistopheles, der zum ständigen Begleiter des unzufriedenen Gelehrten wird und diesem dabei den Spiegel vorhält, ob der verpassten Lebensträume. Erbarmungslos und immer mit einer gewissen Spitzbübigkeit zeigt er ihm seine Schwächen auf, nicht ohne seinen eigenen Vorteil (Fausts Seele) im Hinterkopf zu behalten. Doch auch der Teufel hat so seine Defizite. Er verliert gern mal den Überblick oder fällt auf seine eigenen schlechten Angewohnheiten zurück: In Auerbachs Keller ergibt er sich ganz der orgiastischen Stimmung und daran ist nicht nur der Alkohol schuld.

Das Bühnenbild ist schlicht. Alle wesentlichen Bestandteile, seien es Tische, Stühle, Pflanzen oder ein Bett, werden von den Figuren und ihren Helfern in den jeweiligen Szenen auf die Bühne getragen und so ohne viel Aufwand in den Handlungsablauf integriert. Eine große Videoleinwand ist ein weiterer prägnanter Aspekt des Bühnenaufbaus. Auf dieser werden elementare Spielabläufe, wie die Liebesaffäre zwischen Faust und Gretchen, der Tod ihres Bruders oder auch die feierwütigen Szenen in Auerbachs Keller, filmisch umgesetzt. Alles was nicht direkt auf der Bühne dargestellt werden kann, wird so dennoch in das Stück integriert. Faust I wird in drei Stunden komplett durchgespielt und vergeht trotzdem unglaublich schnell. Die Schauspieler leisten hier durchweg Sensationelles. Sie geben nicht nur den Text ihrer eigenen, sondern auch der anderen mitwirkenden Rollen wider und legen dabei immer andere Akzentuierungen auf den Charakter ihrer jeweiligen Figuren. Der Zuschauer sitzt beeindruckt in seinem Sessel und staunt über die Textsicherheit und die offensichtliche Spielfreude. Eine weitere Hilfe für das Publikum sind die elektronisch eingeblendeten Hinweise auf die jeweiligen Szenen und Akte. Auch ohne genaues Textverständnis verliert dieses so nie den Überblick über die Handlung.

In der Tragödie zweiten Teil bedient sich der Regisseur eines künstlerischen Kniffs, der dem Stück nicht nur eine humoristische Wendung, sondern auch neue Aufmerksamkeit seitens des Publikums beschert. Der Dichter höchstpersönlich hat seinen großen Auftritt – als Frau! Mit ihren Helfern gestaltet sie selbst den Verlauf des Dramas und auch der Geist von Gustav Gründgens weht noch einmal kurz über die Bühne. Faust verschläft, nach Berührung eines Trugbildes der wunderschönen Helena die ersten beiden Akte des zweiten Teils. Mephistopheles macht sich, nach vorläufigem Verlust des Gefährten, die Welt am kaiserlichen Hofe so wie sie ihm gefällt. Zwei imaginäre Professoren, die in Form von Pappmasché-Puppen daherkommen, interpretieren die Handlung des Stückes einfach mal nach ihrem eigenen Gutdünken und wirken dabei wie die personifizierten Versionen von Waldorf und Statler aus der Muppet-Show. Herrlich irrwitzig auch die Anspielungen auf Leipziger Befindlichkeiten und der Rolle von Auerbachs Keller im Stück. Aufgelockert wird die Aufführung durch Gesang, Tanz, (Live-)Musik und einer großen Portion Humor. Das ist der Inszenierung insofern zuträglich, als das der Zuschauer auch nach mehreren Stunden immer noch konzentriert der Handlung folgen kann und dabei nicht ständig mit dem erhobenen Zeigefinger konfrontiert wird. Es ist nicht nur das reine Bühnenstück, das hier aufgeführt wird. Auch Elemente der Operette, des Tanztheaters und auch des Puppenspiels fließen mit ein. Den Faust einmal nicht als bierernstes Lehrstück um den Kampf zwischen (wissenschaftlichem) Guten und (religiösem) Schlechten darzubieten, ist der beeindruckende Pluspunkt dieser Inszenierung. Es ist der Mensch selbst, mit seinen Handlungen und seinen Entscheidungen (sowohl für sich selbst als auch für andere), der sein Leben gestaltet. Am Ende entscheidet er allein, ob es ein ausgefülltes war.

Nach über acht Stunden Höchstleistung, sowohl der fulminanten Inszenierung des Ensembles als auch dem geduldigen Sitzfleisch des Publikums geschuldet, endet ein gelungener Theaterabend mit tosendem Applaus.

Faust I + II

Gastspiel des Thalia Theater Hamburg

Regie: Nicolas Stemann

Schauspiel Leipzig, 1. März 2014


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