Janna Kagerer | Drucken12.09.2011 

Der Mythos vom Hochfliegen

Florian Feisel kämpft sich im „Fall Ikarus“ durch die Materie

Der Mythos des übermütigen Ikarus, der abstürzt, weil er zu nah an die Sonne gelangen will (Foto: K. Tiefensee)

Es ist nicht unbedingt originell, was der Berliner Figurenspieler Florian Feisel, jüngst zu Gast im Westflügel, in seiner Soloperformance Der Fall Ikarus darbietet. Zumindestens, wenn man schon öfter Inszenierungen der Figurenspielschulen Stuttgart und Berlin gesehen hat. Stilelemente ähneln sich, und auch die Art und Weise, eine Geschichte zu präsentieren.

Davon abgesehen ist Der Fall Ikarus (Regie: Thomas Schiffmacher) faszinierendes Theater, einfach schon deshalb, weil Feisel durch seine unglaubliche Gelenkigkeit beeindruckt. Wie ein Akrobat kämpft er sich in einer skurrilen Konstruktion, einem Vehikel voller Musikinstrument-Fragmente, buchstäblich durch, klettert aus Trommeln rein und raus, steckt Blechtrichter ineinander oder lässt sie scheppernd zu Boden fallen. Am Ende bewegt er sich schwerfällig mit dem Gefährt in die Dunkelheit.

Auch die Atmosphäre, die geschaffen wird, begeistert. Das Spiel mit dem Licht zum Beispiel: ein großer Kopf, von innen beleuchtet, in dem der Spieler irgendwann gänzlich verschwindet, die überdimensionierten Schatten an den Westflügelwänden – ein Wechsel von Hell und Dunkel. Und die Musik: Christoph „Mäcki“ Hamann zaubert mit einer Vielzahl an Instrumenten von der Geige über die Flöte bis zum Akkordeon eine akustisch hochfliegende Klangwelt.

Um das Hochfliegen geht es auch inhaltlich in dem Werk. Verhandelt wird der „Fall“ Ikarus – im doppelten Sinne zu verstehen. Der Mythos des übermütigen Ikarus, der abstürzt, weil er zu nah an die Sonne gelangen will, ist aber mehr Aufhänger und Ausgangspunkt für das Bühnengeschehen und wird mit ironischen Brechungen gespickt erzählt. Ein kleiner Puppenkopf auf dem Zeigefinger des Spielers gibt den Ansager und kommentiert das Geschehen. Gelegentlich ist die Ironie zuviel, mitunter von wundervollem Humor, wenn zum Beispiel Feisel etwas erzählt, während er einen Grammophontrichter ans Ohr hält, und dann ein Wort endlos wiederholend den Sprung in der Platte andeutet.

Wenn auch vordergründig intellektuelle Symbolik und stellenweise wahllos wirkendes Krachmachen die Stringenz des Spektakels schmälern, ist der Fall Ikarus insgesamt doch ein spannendes Bühnenexperiment.

Fall Ikarus

Gastspiel

Regie: T.H. Schiffmacher

Mit: Florian Feisel

Musik: Christoph Hamann

2. September 2011, Westflügel


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