Benjamin Brückner | Drucken27.09.2011 

Geschichten aus dem Mutterbauch

In ihrer Darbietung prolog ergründet das Figurentheatertrio Meinhardt & Krauss die vorgeburtliche Existenz – und eröffnet damit die elfteilige Westflügel-Reihe „Vom Dasein und Fortgehen“ – Einsendung zum Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011*

Foto: Andreas Meinhardt

Lautes, hämmerndes Pochen eine Etage höher. Unheimliches Grummeln und Rumpeln, gluckernde Flüssigkeiten und dumpfes Gebrabbel von außen – ein 60 Dezibel starkes Geräuschgemenge, was der Lautstärke eines eingeschalteten Föns entspricht. So gruselig hört sich das Leben im Mutterbauch an – ein Leben, welches wir alle teilten, bevor wir diese Welt kennenlernten.

In diese dem Bewusstsein entschwundene Realität, die man zugegebenermaßen nur versuchsweise ergründen kann, führt das Stuttgarter Figurentheatertrio Meinhardt & Krauss den Besucher in der Darbietung prolog. Dazu bedienen sich die Künstler einer sphärisch-elektronischen Soundkulisse, in der echte Akteure und Figuren symbiotisch dem Urgrund des Daseins Ausdruck verleihen.

So demonstriert das ungelenke Bewegen einer Neugeborenen-Puppe die Unbeholfenheit des Menschen zu Beginn seiner Lebensreise. Parallel führen Videofragmente auf einer Leinwand durch die Evolution vom Fisch zum Homo sapiens. Das Auge huscht über Renaissanceeindrücke, wetteifernde Spermien und wabernde Eizellen. Zwischendurch, ganz in schmuckvolles Schwarz gehüllt, wirft Darstellerin Iris Meinhardt lyrisch existenzielle Fragen in den Raum und interagiert mit moderner Technik. Mittels eines Tablet-PCs, dessen Begrenzungen an den geschützten Raum im Mutterleib erinnern, wird eine stets nur fragmentarisch dargestellte Frau von Meinhardt beharrlich aus ihrem Hort gelockt.

Doch dies ist nicht das einzige Stilmittel, mit dem der geschlossene vorgeburtliche Lebensraum auf der Bühne Gestalt annimmt. Manngroße Tüten, mal mit Mensch und mal mit Luft gefüllt, bewegen sich tranceartig durch die Kulisse. Dadurch erlangt das Stück einen meditativen Charakter, der in der Absicht, eine Rückbesinnung auf die eigene Herkunft zu unterstreichen, bisweilen überstrapaziert. So interagiert Meinhardt ausgesprochen lange mit einer umherfliegenden Plastiktüte, was manchem Zuschauer ein amüsiertes Schmunzeln entlockt.

Allerdings macht die geschickte Verschmelzung von Animation, Musik, Figurenaktion und akrobatischer Bewegung prolog zu einer lebensbejahenden und die Faszination des vorgeburtlichen Daseins anpreisenden Reise hin zu einem Ort, der uns allen wohlbekannt ist.

Mit der schlichten, bröckelnden Fassade des Lindenfelser Westflügels und seinem künstlerisch dezent ausstaffierten Inneren entsteht die passende Atmosphäre für ein derartiges Stück. Die gesamte Reihe „Vom Dasein und Fortgehen“, in die prolog eingebettet ist, wird von aus ganz Deutschland anreisenden Künstlern getragen.
In den kommenden Monaten setzen ihre Aufführungen das Thema Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tode fort.

prolog - expedition in verlorene sphären

Spiel und Figurenbau: Iris Meinhardt
Musik: Thorsten Meinhardt
Technik und Figurenspiel: Katharina Muschiol, Antje Töpfer
Kostüm: Fee Heartfelt
Regie und Video: Michael Krauss

19. und 20. August 2011, Lindenfels Westflügel


* Der Text wurde für den Schreibwettbewerb „Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011“ eingereicht, der jährlich vom Leipzig-Almanach auslobt wird. Die Almanach-Redaktion veröffentlicht im Nachgang des Wettbewerbs ausgewählte Einsendungen in unredigierter Fassung.


Rückblick auf die Verleihung des Friedrich-Rochlitz-Preises für Kunstkritik 2011

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