Veronika Pilch | Drucken27.09.2011 

Wenn Opfer zu Tätern werden

„Die Gunst des Überlebens“: Wie Abhängigkeitskranke in der naTo ein Stück über die Tücken des Strafrechts auf die Bühne bringen – Einsendung zum Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011*

Foto: naTo

Wie ein Häftling getrieben von seinen immer wiederkehrenden Gedanken geht Jörg Dittebrand auf und ab. Der innere Widerspruch zeigt sich nicht nur in seiner Gangart, sondern auch in seinen Gesichtszügen, die die Jahre des Zerdachten in seinen tiefen Falten widerspiegeln.

Auf einmal bleibt er stehen, doch seine innere Unruhe erscheint jetzt exponiert und offensichtlicher als zuvor. Sein Schweigen erreicht das Ausmaß der Unerträglichkeit für das Publikum.

Plötzlich bricht seine feste und laute Stimme dieses Schweigen mit den Worten „Unserer Strafrecht ist ein Schuldstrafrecht“. Er und ein Teil der anderen Darsteller wissen ganz genau was es heißt vor Gericht schuldig gesprochen zu werden ohne nach menschlichem Ermessen schuldig zu sein.

Die Gunst des Überlebens heißt die Inszenierung nach der Erzählung Der Äthiopier von Ferdinand von Schirach. Es ist eine Produktion von Regisseur Carsten Ludwig in Zusammenarbeit mit dem Verein zur sozialen Rehabilitation von Abhängigkeitskranken (VRA).

Im Rahmen der Therapie gab es Theaterworkshops und -proben, die die Inszenierungen in der naTo ermöglichten. Das Stück ist eine Mischung aus Videoinstallation und Theaterelementen.

Auf fünf versetzt hängende Streifen einer Leinwand ist der Film zu sehen, in dem die Darsteller die Geschichte nacherzählen.

Der Äthiopier ist ein Versuch, anhand einer wahren Begebenheit die Ursache einer Straftat auf moralische Weise zu erklären: Denn Verbrechen ist nicht gleich Verbrechen. Manche werden unschuldig verurteilt und haben keine Möglichkeit auf ein normales Leben ohne aufgrund ihrer Vergangenheit diskriminiert zu werden. Das Stück zeigt die Hilflosigkeit und Verlorenheit der Menschen, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Die Beifallsbekundungen des Publikums haben jedoch das Gegenteil gezeigt.

Da die Bezüge der Erzählung zu den Lebensverläufen der einzelnen Darsteller gut zu erkennen sind, ist auch der mitreißende Grundtenor des Stückes dementsprechend emotional. Manchen Gast rührte die Inszenierung sogar zu Tränen.

Der Regisseur Ludwig hat es geschafft, das prekäre Thema „Wenn Opfer zu Tätern werden“ in ein Theaterprojekt umzusetzen und das gewisse Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Darstellern und deren Abhängigkeitskrankheit bewiesen.

* Der Text wurde für den Schreibwettbewerb „Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011“ eingereicht, der jährlich vom Leipzig-Almanach auslobt wird. Die Almanach-Redaktion veröffentlicht im Nachgang des Wettbewerbs ausgewählte Einsendungen in unredigierter Fassung.


Rückblick auf die Verleihung des Friedrich-Rochlitz-Preises für Kunstkritik 2011

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