Sarah Schramm | Drucken25.11.2010 

ich du er sie WIR?

Allein, allein: „we are blood“ in der Skala fragt, wohin all der Chor-Geist hin ist

Melanie Schmidli, Hagen Oechel (Foto: R. Arnold / Centraltheater)

Eine riesige Mauer aus braunem Packpapier mit der Aufschrift „Sa 19.07.1985“ verwehrt den Blick auf die Bühne. Wie von wild Gewordenen wird sie zertreten, in Stücke gerissen. Jeder Papierfetzen wird gründlich beseitigt und prompt aus dem Bühnenraum getragen. Wir befinden uns nun im Jahr 2008, in der Freiheit – irgendwo in Brandenburg.

Die DDR ist tot. Sind es auch ihre Hoffnungen und ihr Gemeinschaftgefühl? Das zumindest lässt Fritz Katers Stück we are blood, inszeniert von Sascha Hawemann, verlauten. Im heutigen Deutschland findet man an Stelle von Einheit Geschichten, die vor Individualismus nur so strotzen: ein krebskranker Teenager; eine fürsorgliche aber frustrierte Krankenschwester, die permanent auf der Bühne auf und ab hastet; ein hyperventilierender Umweltaktivist; eine unerfüllte Femme fatale; ein Richter und verzweifelter Familienvater, der nicht selten den Kopf hängen lässt. Jeder geht seinen eigenen Weg, kämpft für sich allein – und doch stehen sie alle gemeinsam am Abgrund. Ihre Lebensgeschichten sind dichter ineinander verwoben, als man es auf den ersten Blick zu erkennen vermag…

Der junge Professor Zwerenz begibt sich auf die Suche dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält – Goethes Faust lässt grüßen. Das Chor-Werden, ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit DDR-Flair zu erzeugen, scheint die einzige Lösung in dieser morbiden Welt voller Individualismus und Machtgier. Den fleischgewordenen Kapitalismus erkennt man in Architekt Tom. Er verkörpert den Verführer, einen modernen Mephisto, der im Zuge unersättlicher Geldgier der Rücksichtslosigkeit verfällt. Kurzum: Einem Arzt, der in Gedanken die Welt verbessert, fehlen die Mittel um etwas zu bewegen. Ein Architekt, der die Welt kapitalistisch zu entarten versucht, verfügt über das entscheidenden Mittel: Macht. Was läuft schief in dieser Welt? Wer unterstützt hier wen? Welche Figur vertritt welche Meinung? Wer ist einfach nur Mitläufer? Die Charaktere gehen in der Masse unter. Wer ist wichtig, wer unwichtig? Wer entscheidet darüber, ob ein Individuum mehr wert ist als ein anderes?

Sarah Franke, Benjamin Kiesewetter

Wenn auf der Bühne hektisch auf und ab gerannt wird, der krebskranke Justin seinen Tropfständer hinter sich her schleift und Umweltaktivist Rafael Affenschreie ausstößt, fühlt man sich wie im Irrenhaus. Willkommen, Realität! Wie in einer Soap-Opera hat jeder seine Problemchen, ist unzufrieden mit Gott und der Welt. Entscheidende Unterschiede: die schauspielerischen Leistungen sind brillant, die Charaktere realitätsnah und die aufgetanen Konflikte vielschichtig. Die Zerstörung von Ökosystemen zu Gunsten des Straßenbaus ist Toms Kapital – Rafael hält mit Herzblut dagegen: Eine gegenwärtige Kontroverse, deren Ausgang in we are blood nicht anders als in der Realität offen bleibt.

Justin, Rafael, Tom, Yves, wieder Rafael: Handlungssprünge sorgen für Verwirrung. Einen Weg durch den Wirrwarr könnte die mütterliche Krankenschwester Yves bahnen. Sie ist das Kontinuum, die Person, die schon zu Beginn des Stücks in den zu knapp geratenen Ausführungen zur DDR auftaucht. Yves könnte den Bogen schlagen, der rote Faden sein. Schade, dass auch ihre Rolle in der Masse untergeht und der große Wurf misslingt.

Die ungeheure Textfülle zieht die Inszenierung endlos in die Länge. An die Stelle eindeutiger Aussagen tritt ermüdendes Palaver. Zu viele Probleme, Gedankengänge und Motive werden aufgegriffen. Vielleicht sind die Charaktere einen Tick zu vielfältig, zu individuell. Jeder für sich und doch gemeinsam stehen sie am Ende des Stückes an der Grenze des Verblassens. Die Rufe nach einem Gemeinschaftsgefühl enden in elendem Rabenkrächzen. Die leeren Hüllen werden allein gelassen; der Zuschauer wird allein gelassen. Ich bin allein! Du bist allein! Er sie es ist allein!

we are blood

Von Fritz Kater

Regie: Sascha Hawemann

Dramaturgie: Johannes Kirsten

Mit: Sarah Franke, Manuel Harder, Benjamin Kiesewetter, Christian Kuchenbuch, Paul Matzke, Hagen Oechel, Emma Rönnebeck, Melanie Schmidli

Premiere: 19. November 2010, Skala, Schauspiel Leipzig


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