Mathilde Lehmann | Drucken10.07.2014 

Mach mal lauter

Der Theaterjugendclub des Schauspiels Leipzig zeigt fiebrig frotzelndes „Frozen (Eisrauschen)“

Foto: Rolf Arnold

Hinten eine LED-Wand, hell erleuchtet, grelles Gegenlicht, Nebel. 17 Darsteller betreten nach und nach die Bühne, einer mit Saxophon, einer mit Bass, einer mit Gitarre, der Rest mit Stretching. Das Licht im Publikum verlischt, das Licht der Bühne knallt ihm in die Augen, mehr Nebel, laute Musik. Alle zucken frenetisch, hüpfen auf und ab, hin und wieder rutschen sie in eine langsame Körperwelle ab, um dann wieder zu hibbeln. Es entsteht nervöse Energie auf der Bühne, von dieser Masse an Jugendlichen, die auf das Publikum übergreift und meine Herzfrequenz steigen lässt. Es beginnt ein Abend, der den Puls flattern lässt, anderthalb Stunden nonstop. Das Premierenbier danach macht umstandslos betrunken.

Der Theaterjugendclub des Schauspiels Leipzig geht nach einer Spielzeit Arbeit auf die Bühne, 17 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 23 Jahren. „Sorry, eh!“ (der Name der Gruppe soll an dieser Stelle unkommentiert bleiben) zeigen unter der Leitung von Ensemblemitglied Yves Hinrichs eine Stückentwicklung, Frozen (Eisrauschen), eine Kombination aus Falk Richters Theaterstücken „Rausch“, TRUST und Unter Eis.

Falk Richters Werke beziehen sich üblicherweise durch einen starken Zynismus auf das kapitalistische Wertesystem unserer Gesellschaft und halten überwiegend einsame Seelen aus dem Management im Fokus. Erst recht gilt das für die beiden zugrunde liegenden Stücktexte Rausch und Unter Eis. Für den Jugendclub wird die Kapitalismuspolemik auf ein Minimum heruntergefahren und findet nur kurz vor Ende in einem Nebensatz Erwähnung, stattdessen wird das Universum auf Zwischenmenschliches und Absenz von Romantik gelenkt.

Das Ganze ohne auch nur den Versuch eines Körperkontaktes der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Stattdessen mit ganz viel nebeneinander und aneinander vorbei, Licht und Nebel.

Gearbeitet wird mit Livemusik, Sprech- und Bewegungschören, Solopartien, in denen jeder mal zu Wort kommen kann. Die Übergänge sind hektisch und nahtlos, immer passiert etwas, nie herrscht Ruhe. Stattdessen äußert sich die flirrend nervöse Energie, die in Falk Richters Texten herumgeistert, und die hier Alltagsprobleme der Adoleszenz zu Grundsatzfragen werden lassen, die zwischen Leben und Tod oder Schweigen und Schreien entscheiden.

Immer wieder schwappt die Ästhetik eines Musikvideos über, lange Phasen von laut aufgedrehten Bässen und Beats, die mit Livemusik von den Spielern ergänzt werden, Choreographien und ganz viel Nebel und Farben und so. Da wird offenkundig harte Probenarbeit in ihren Ergebnissen präsentiert, das Mittel verliert auf Dauer allerdings an Wirkung und suppt etwas aus. Ebenso die Dauerübersetzung von Wort in Bewegung, Dopplungen, wohin man schaut, verliert an Witz oder Bedeutung.

Die Ansammlung aller Dinge, der Menschen, der Töne, der Lichter, der Worte häufen sich in einen riesigen Nervenball, der drohend über den Köpfen hängt, uns zu erschlagen. Das liest sich beängstigend, ist es auch, aber da geht es dem Leser wie dem Zuschauer wie den Protagonisten von Falk Richter und Yves Hinrichs. Es hat alles seinen Grund, und man nickt und applaudiert stampfenden Fußes.

Frozen (Eisrauschen)

Regie: Yves Hinrichs

Mit: Lydia Gnauk, Rebecca Halm, Sandra Hammermüller, Leane Israfilova, Tim Kranhold, Nadja Lauchstädt, Alban Mondschein, Lois Muth, Georg Nitschke, Luisa Paul, Lena Perleth, Ronja Rath, Robin Rauhut, Lina Schulze, Paul M. Schulze, Jasmin Thesenvitz, Geraldine

Schauspiel Leipzig; Premiere: 21. Juni 2014


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