| Drucken30.03.2001 

Gaetano Donizetti: „Der Liebestrank” (Wolfgang Gersthofer)

30. März 2001

Gaetano Donizetti ?Der Liebestrank?, Opernhaus Halle (Premiere)

Dirigent: Roman Brogli
Inszenierung: Klaus Froboese
Ausstattung: Toni Businger
Choreinstudierung: Dietrich Schlegel
Choreographische Mitarbeit: Helmut Neumann
Adina: Martina Rüping
Nemorino: Tommaso Randazzo
Belcore: Martin Kronthaler
Dulcamara: Lorenz-Stephan Minth
Gianetta: Antje Gebhardt

Ein Quacksalber in der Toscana

vergnügliche ?Liebestrank?-Premiere an der Saale

Er gehört zu den letzten Meisterstücken einer sterbenden Gattung, Gaetano Donizettis unverwüstlicher, melodienreicher ?Liebestrank? aus dem Jahre 1832. Rossini, der Donizetti noch um 20 Jahre überleben sollte, hatte bereits das Opernkomponieren eingestellt. Und nach Verdis zweiter Oper ?Un giorno di regno? (1840), die wenig Anklang beim Uraufführungspublikum fand, sowie Donizettis spätem ?Don Pasquale? (1843), der dem ?Liebstrank? an Popularität nicht nachsteht, wurde es still um die italienische komische Oper, um die opera buffa. Erst ein halbes Jahrhundert später, am Ende von Verdis operistischer Karriere, steht mit dem ?Falstaff? (1893) wieder ein bedeutsamer Beitrag zur Gattung da, die natürlich nun nicht mehr dieselbe ist, sondern durch dieses letztlich singuläre Werk gleichsam in verwandelter Form neugeboren wurde. Einen allerletzten ?Buffa-Nachzügler? wird dann der reife Puccini mit dem genialen ?Gianni Schicchi? (1918) der Welt schenken.

Ein großer komponierenden Zeitgenosse Donizettis wäre, wie wir dem instruktiven und überdies hübsch aufgemachten Programmheft entnehmen können, froh gewesen, hätte er den ?Liebestrank? komponiert. Laut Eduard Hanslick soll sich immerhin Felix Mendelssohn Bartholdy, sonst durchaus ein strenger Richter zeitgenössischer Opern (wie im Falle der damaligen Sensationsoper ?Robert der Teufel?), einst in einer Londoner gelehrten Runde derartig geäußert haben.

Wenn man so will ist Donizettis ?L? elisir d?amore? ein Stück über die Macht des Glaubens. Denn das berühmte Liebeselixier der Königstochter Isolde besteht in unserer Oper aus nichts anderem als ? Aber der Reihe nach: Die reiche und gebildete Pächterin Adina gibt eine Kanzone über den wundersamen Trank, der Tristan und Isolde vereinte, zum besten. Der arme und schlichte Bauernbursche Nemorino, in so aufrichtiger wie scheinbar hoffnungsloser Liebe zu Adina entbrannt, hat sich das gemerkt. Als der Quacksalber Dulcamara in unser toskanisches Dörfchen einzieht, fragt Nemorino diesen nach dem bewußten Tränkl Isoldens (so hofft er, seinen Nebenbuhler Belcore, einen feschen Sergeanten, auszustechen). Der geschäftstüchtige Scharlatan hat selbiges momentan nicht in seinem Sortiment, vielleicht hat er aber auch noch nie etwas von Tristan gehört; wie auch immer: für einen nicht unbeträchtlichen Preis dreht er dem Liebeskranken ein Fläschlein Bordeaux an. Die rote Flüssigkeit tut durchaus ihre Wirkung, Nemorino nimmt alles etwas lockerer, was Adina wundert und auch etwas wurmt. Und tatsächlich kommt der fest an den Zaubersaft glaubende Bauernbursche schließlich ans Ziel seiner Wünsche (seine plötzliche Beliebtheit bei den Dorfmädchen beruht freilich eher auf einer reichen Erbschaft, von der er selber zunächst nichts weiß) ? Felice Romani, einer der gefragtesten Librettisten seiner Zeit, der sowohl für Donizettis Lehrer Simon Mayr (?Medea in Corinto? etc.) arbeitete wie für Donizettis jüngeren Kollegen Bellini (?Norma?, ?I Capuleti ed i Montecchi? etc.), hat hier eine dankbare und wirkungsvolle textliche Vorgabe für einen Buffokomponisten geliefert.

***

Hausherr Klaus Froboese hatte selbst das Regieheft in der Hand bei dieser gelungenen, zu Recht deutsch gesungenen Produktion. Dankenswerterweise verzichtete er darauf, das Werk irgendwie zu aktualisieren oder mit konzeptionistischen Mätzchen zu befrachten. Er erzählte einfach gekonnt die vergnügliche Geschichte und gab somit dem Stück, was des Stückes ist. Immer wieder erfrischend, wenn Regisseure in deutschen Landen auf ein Stück vertrauen.

Vielleicht präsentierte sich die Inszenierung manchmal ein bissl klamaukig, z. B. beim Auftritt der Soldaten; freilich war es anschließend dann doch eine hübsche Idee, wie Belcore, der Typus des prahlerischen, sich für unwiderstehlich haltenden Offiziers, aus jedem Gewehrlauf seiner Truppe eine Blume zog und am Schluß seines Solos Adina einen vollen Blumenstrauß überreichen konnte. Demgegenüber wirkte Nemorino im folgenden Duett mit seinem einzelnen gelben Blümchen etwas verloren. Effektvoll in Szene gesetzt wurde daraufhin der Auftritt Dulcamaras, der auf einem dampfenden und funkensprühenden Wundermobil einfahren durfte.

Für die Ausstattung konnte immerhin der international renommierte Schweizer Bühnenbildner Toni Businger gewonnen werden. Und er zauberte eine äußerst geschmackvolle, luftige Architektur mit balustergefaßten Treppenläufen auf die Bühne; in der Mitte wird der Blick freigegeben auf einen statuenbekrönten Brunnen und grazile Pinien, die südliches Kolorit erzeugen. So wird ein angenehmer Rahmen geschaffen für die Geschichte um das vermeintliche Liebeselixier.

Die jungen Liebenden Martina Rüping und Tommaso Randazzo entfalten, etwa im neckisch inszenierten ?Streitduett? des 1. Aktes, als Nemorino sich nach Leerung der Bordeaux-Flasche betont lässig gibt, mit beweglicher, schlankgeführter Stimme veritable belcantistische Fähigkeiten. Ein sympathisches Paar.

Den tieferen Männerstimmen kommt in bestimmten Duett-Passagen eine buffatypische Funktion zu, die des Parlando: schon im köstlichen Duett zwischen dem dankbaren Nemorino und Dulcamara mit dem briogesättigten, klarinettendurchglühten Refrain ?Sehr verbunden? ist schön zu beobachten, wie die tenorale Melodielinie vom raschen Baß-Geplapper des Quacksalbers akkompagniert wird. Ähnliches läßt sich im zweiten Akt studieren, sowohl im Duett Belcore ? Nemorino wie im Duett Adina ? Dulcamara : die höhere Gesangsstimme ist in den entsprechenden Passagen jeweils für die Melodie zuständig. Die Tenor-Sopran-Duette sind dagegen musikalisch andersgeartet.

Auch die Vertreter der tiefen Männerrollen, Martin Kronthaler und Lorenz-Stephan Minth, machten ihre Sache gut, sodaß insgesamt unter der kundigen Leitung Roman Broglis eine geschlossene, ansprechende Ensembleleistung gelang (ohne daß herausragende sängerische Glanzlichter zu verzeichnen wären). Erwähnung finden soll auch der ausgezeichnet einstudierte, prägnante Frauenchor im 2. Akt, da das Getuschel um Nemorinos Erbschaft losgeht.

Die Liebhaber schöner Melodien, Bühnenbilder und Kostüme sowie einer vergnüglichen Bühnenaktion dürften in der Hallenser Donizetti-Produktion auf ihre Kosten kommen.

Und für den am Augustusplatz nicht gerade verwöhnten Belcantofreund ist dieser ?Liebestrank? allemal eine Fahrt in die Nachbarstadt wert.


(Wolfgang Gersthofer)

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