| Drucken29.03.2003 

Geburtstagsgala im Rahmen des 9. Leipziger Puppentheaterfestes (Babette Dieterich)

Puppentheater Sterntaler, 29.03.03
Geburtstagsgala im Rahmen des 9. Leipziger Puppentheaterfestes


Wenn der Nachttopf zum weiten Meer wird

Als Streifzug durch die Geschichte der Puppenspielkunst kündigt Rosi Lampe diesen Abend liebevoll an. Sie wurde vom Puppenspielvirus vor über 20 Jahren infiziert und strahlt als Conferencier des Abends immer wieder eine große Euphorie aus. Stefan Schippmann am Piano verleiht dem Programm mit Ragtimeklängen und klassischer Klaviermusik einen nostalgischen Charme und leitet elegant von einer Nummer zur nächsten über.

Den Auftakt macht ein Altmeister des Puppenspiels, Kurt Dombrowsky, mit historischen Varieté-Marionetten. An zahllosen Fäden geführt, biegt sich eine Kautschukdame, ein Affe springt durch einen Reifen und man staunt: Wie geht das, ohne dass sich die Fäden heillos verheddern? Ein Jongleur wirft einen Stab und einen Ball. Vielleicht stecken Magnete in seinem Kopf und den Händen, damit der Ball auch sicher landen kann? Doch die Puppe verrät nicht ihre Geheimnisse. Als Höhepunkt der kleinen Varieté-Show vollführen vier Puppen, geführt an einem einzigen Fadenkreuz, Kreistänze. Überraschend die unterschiedlichen Tanzformationen, mal tanzen zwei Paare miteinander, mal halten die Damen Abstand und die Herren drehen sich im Kreis.

Es bleibt nostalgisch. Mit einer alten Laterna magica, die noch aus Stummfilmzeiten stammt, projiziert Kurt Dombrowsky auf das weiße Gewand der tanzenden Randi Kästner-Kubsch Muster, Blumen und Schmetterlinge. Das ist Verzauberung mit einfachsten Mitteln, mit lauten Ahh's werden die farbenfrohen Muster beklatscht.

Horst Günther aus Halle schickt den Kasper auf hohe See. Er selbst steckt in einem tragbaren, runden Gestell, das ringsum mit einem mottenzerfressenen Vorhang bespannt ist und in Gesichtshöhe einen rechteckigen Ausguck ausspart, die Bühne. Links und rechts mit einem roten Vorhang versehen, kann hier der Puppenspieler durchlinsen, das Spiel kommentieren und den Kasper auftreten lassen. Ein Nachttopf wird zum Meer, ein Walfisch taucht in enormen Dimensionen aus den Tiefen des runden Gestells auf. Erstaunlich, was Horst Günther alles in seiner tragbaren Bühne versteckt.

Die Hose des Leporello hat er sich an die Füße geschnallt. Den Körper führt er vor sich mit der einen, die Hand der Puppe mit der anderen Hand. Puppe und Puppenspieler verwachsen miteinander, jedenfalls bei Grischa Kästner-Kubsch vom Theater Firlefanz. Don Juan heißt sein Stück, und jener berühmte Verführer besteht aus einem Trenchcoat, beweglichen Armen und Kopf. Beim Theater Firlefanz ist der Puppenspieler sichtbar als derjenige, der der Puppe Leben und Stimme einhaucht. Übrigens eine Tendenz im Puppentheater der letzten Jahre, dass der Spieler sich nicht länger hinter dem Vorhang versteckt und unsichtbar an den Fäden zieht.

Mit Frieder Simon alias Caspertheater Larifari betritt wieder ein Hallenser die Bühne und lässt durch Handpuppen zwei alte Damen auftreten. Vorstadtgeschwätz, mundartlich geprägter Humor, manchmal nahe am Kalauer: ?Kennen Sie Mazedonien?? ?Nein, nur flüchtig.? Die kurzen Szenen sprühen vor Witz, die eigenwilligen Puppen faszinieren durch ihre moderne Machart.

Bei Stella Jabben und ihrem Stück ?Hans im Glück? spürt man die fließenden Übergänge zwischen Puppen- und Objekttheater. Die Puppenspielerin tritt als gleichwertige Mitspielerin hinzu, belebt die Puppen und Gegenstände, spielt aber auch selbst und kommentiert. Vielleicht sind ihre Kommentare zu Hans und seinem Glück ein wenig zu erklärend, doch Stelle Jabben überzeugt vor allem durch den spielerischen Umgang mit den Dingen.

Viel Beifall gibt es für diese Geburtstagsgala, die wie das ganze Puppentheaterfest unter dem Motto steht: Helden ? Fahrten ? Abenteuer. Wir haben uns gerne entführen lassen, sind mit Kasper übers Meer geschippert und haben Don Juans Verführungskünsten gelauscht. Herzlichen Glückwunsch zum 6. Geburtstag des Puppentheaters Sterntaler und bunte Ideen und viel Erfolg für das nächste Jahr.

(Babette Dieterich)

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