| Drucken18.09.2007 

Gelungene Eröffnung der Tanzoffensive: „Schmetterlingsdefekt” (René Seyfarth)

Schmetterlingsdefekt
LOFFT - Tanzoffensive
Wee dance company
Tanz: Dan Pelleg, Marko E. Weigert, Nora Hageneier, Kathinka Sonneborn, Anne Schmidt
14. September 2007
www.wee-dance-company.de


Need for navigation: Eröffnung der Tanzoffensive mit Schmetterlingsdefekt

Selig, wer sie nicht kennt, die Navigationssysteme des zeitgenössischen Kraftverkehrs: "Jetzt links abbiegen, 3km dem Straßenverlauf folgen, demnächst rechts abbiegen, ?" und macht man einen spontanen Abstecher werden sie kratzbürstig und ermahnen immer wieder "Bei der nächsten Gelegenheit wenden!" Trotzdem hat mittlerweile ein Großteil der Kraftfahrer dieses gar nicht dezente Stimmchen in seinem Wagen und lässt sich davon durch die Landschaft lotsen. Karten, Hinweisschilder oder Intuitionen verlieren zunehmend an Bedeutung. Und gäbe es den "Navi" für's Leben, die Absatzzahlen wären enorm.

Um Orientierungslosigkeit und die Sehnsucht nach einem Stimmchen, welches den Weg flüstert und Handlungsanweisungen gibt, dreht sich das Stück Schmetterlingsdefekt von der wee dance company aus Berlin. In einer losen Aneinanderreihung von Szenen, die jedoch galant verknüpft sind, werden Situationen der Einsamkeit, Zweisamkeit und Gruppendynamik dargestellt: die Suche nach Wegen, der Streit an Gabelungen, das Aufeinanderrauschen an Kreuzungen der menschlichen Beziehungen. Einprägsam zum Beispiel eine Szene zwischen drei Tänzerinnen, wobei eine dritte in die intime Gemeinschaft der anderen beiden einzudringen sucht: erst durch Handreichungen, dann durch immer vehementeres Anschmiegen und schließlich durch Anspringen.

Die im Verlauf des Stücks sich fortlaufend steigernde Ausstrahlung der Tänzerinnen und Tänzer, minutiös abgestimmte Choreographien und vor allem der Witz der Verhandlung machen dabei die besonderen Qualitäten dieses Stücks aus. Völlig unerwartet platzen komische Szenen in das Pathos hinein und irritieren das Tanzpublikum durch den unerwarteten Bruch, der die Anspannung und Begeisterung für die technische Perfektion in Lachen auflöst. Verblüffend ist dabei vor allem, dass selbst der tänzerische Kalauer nicht plump daherkommt. Was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass man spätestens in diesen Szenen eines überdeutlich erfährt: Hier machen nicht nur versierte KunstarbeiterInnen "ihr Ding", sondern sind selbst mit großem Spaß bei der Sache, ohne unkonzentriert oder albern zu wirken. So erfährt das Stück immer wieder neue Brüche im Verlauf, wendet sich der Charakter des Ganzen szenisch und von einem Gesamteindruck am Ende kann keine Rede sein. Schwüle Erotik, lyrische Melancholie, hektische Betriebsamkeit und selbstironisches Spiel sind nur einige Stimmungen, die einander stetig ablösen, sich wiederholen und variiert werden.

Verbunden wird diese Heterogenität durch Pappkartons und meterhohe Kisten, mit denen erstaunliche Effekte erzielt werden - nicht zuletzt dank einem hervorragenden Zusammenspiel von Choreographie und Lichttechnik - und in permanent neuen Kombinationen zum Einsatz kommen. Teils bilden diese Kisten bedrückende, schwere Kulissen, aber immer wieder auch dynamische Elemente. Vor allem die Szenen, in welchen die TänzerInnen auf, um, über und unter den fallenden Kisten - ja, wie soll man es sagen - "herumwieselten", haben das Publikum gefesselt. Die Übergänge zu Zauberschau und Zirkus waren hier im allerbesten Sinne fließend und wurden mit stürmischem Applaus vom vollbesetzten Haus gewürdigt. Fraglos auch ein Kunstgriff des LOFFT zu einer überaus gelungenen Eröffnung der Tanzoffensive.

(René Seyfarth)

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