Kurt Hinkefuß | Drucken05.07.2012 

Eine Tour, mehr als elf Theaterstücke und unzählige Darstellerinnen

Das Theater der Jungen Welt bietet innovatives Sommertheater und lädt zur Schnitzeljagd durch Lindenau und Plagwitz

Fotos: TdjW

Das Theater der jungen Welt (TdjW) lädt zum diesjährigen Sommertheater nicht ins eigene Schauspielhaus am Lindenauer Markt ein, sondern macht den weiten Leipziger Westen zur Bühne für die „Geocaching Theatertour“. Eine solche kann man entweder mit dem Rad oder zu Fuß erleben. Die zahlreichen und sehr verschiedenen Theaterstücke sind die Belohnung für die unternommenen Wege. Darin zeigt sich die Idee des Geocaching: Hierbei sucht man nach Zwischenstationen, die man entweder durch GPS-Koordinaten und dem dazugehörigem Gerät oder durch andere Hinweise auf der vorherigen Station erhält. Auf der letzten Station trägt man sich dann meist in ein Logbuch ein oder tauscht einen Gegenstand mit einem anderen bereits am Ziel versteckten. Dies ist die Belohnung am Ende und heißt auch „Cache“.

Zu Beginn bekommen die Teilnehmer auch auf dieser Tour ein GPS-Geräte und die ersten Koordinaten. Vom TdjW wird ein Guide mitgeschickt. Er weist in die Geräte ein, passt während der Aufführungen auf die Räder auf und gibt zu den besuchten Orten interessante Hinweise. Denn ohne Hintergrundwissen über den preußisch-sächsischen Eisenbahnkrieg wird man wohl kaum die Rangelei am Plagwitzer Bahnhof verstehen. Und wer noch nichts von den „Leipziger Meuten“ gehört hat, wird auch nicht verstehen, wovor sie Angst haben und flüchten müssen. Die Theatertour ist ein großes Spiel, und das wird leider immer dann verdorben, wenn der Guide einschreitet um zu verhindern, dass man einmal einen Umweg fährt – auch wenn man über Umwege auch zum Ziel gelangen würde. Auch lauern zur Premiere an jeder Ecke die Verantwortlichen des Theaters, um zu sehen, ob die neue Idee funktioniert. So sieht man bereits von weitem, wohin es als nächstes geht. Die eigentliche Spannung einer Schnitzeljagd hinkt daher immer wieder.

Die Hinweise zur nächsten Station bekommt man immer direkt aus dem aktuellen Stück: auf einen Keks geschrieben, als Zettel in die Hand gedrückt oder unter die Kaffeetasse geklebt. Zwischendurch hilft auch mal ein weißes Kaninchen oder ein liebestoller Bär. Neben dem Drumherum der Stadtdurchquerung lässt sich schon erahnen, was hier theatral geboten wird: Alles, und das überall. Dramatisches im Park und im Bunker, Gesang im Bahnhof, Performance auf dem Friedhof, Grusselig-Witziges im Kuriositätenkabinett und vieles mehr. Die zahlreichen Schauspieler des TdjW, der Chor Canta Animata, der Studentenclub und ein Mehrgenerationenprojekt überzeugen alle, so dass selbst nach zweieinhalb Stunden – ohne Pause, aber mit Verpflegung – noch alle begeistert sind. Die aktive Beteiligung der Zuschauer zeigt sich in diesem Theatererlebnis in vielen Facetten, denn immer wieder werden sie direkt angesprochen und müssen sich selbst einbringen. Besonders Dirk Baum überzeugt als durchgeknallter Wissenschaftler, der seinen Besuchern die Augen ausnehmen möchte. Er steht im direktesten Kontakt zu den Besuchern und muss daher am spontansten spielen. Man nimmt ihn ernst und ist daher auch froh wegzukommen.

Die Darstellungen sind authentisch, die Kostüme weitgehend wohl ausgewählt – nur die Bahnreisenden des 19. Jahrhunderts sollten weniger Requisiten der Gegenwart tragen – und die Handlungen und Geschichten sind interessant. Zur letzten Station befindet man sich schließlich doch auf dem Lindenauer Markt und damit nahe dem TdjW. Dort zeigt sich, dass der Cache dieser Tour ein Erinnerungsfoto in einer Gondel ist. Und schließlich geht man mit demselben zufriedenen Grinsen nach Hause, welches man die letzten Stunden durch Lindenau-Plagwitz getragen hat.

Geocoaching Theatertour

R: Marion Firlus

Mit dem Ensemble des Theater der jungen Welt

Premiere: 9. Juli 2012, in den Straßen von Lindenau und Plagwitz


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