Mathilde Lehmann | Drucken15.11.2014 

There is an elephant in the room

Ibsens "Gespenster" zeigt sich im Neuen Schauspiel Leipzig formschön, mit minimalistischer Livemusik und enervierender Liebe zum gesprochenen Wort

Foto: Neues Schauspiel Leipzig

Der Kontrabass wabert, ruhig, entspannt. Das Publikum nuschelt, auf der Bühne sitzt eine Frau an einem hölzernen Tisch auf einer kreisrunden Bühne. Vor sich: Papiere, Wein. Hinter sich: ein von LED-Leuchten umrahmtes Kreuz, an ihm hängt ein Torso, bein-, arm-, kopflos. Auf dem schwarzen Bühnenpodest steht in großen roten Lettern geschrieben „Du sollst deine Mutter ehren“. Freilich wird weder das eine noch das andere im Laufe des Abends wesentlich thematisiert und ist wohl mehr stimmungsstützende Deko als tatsächlicher Sinnträger. Ein entsprechender Auftakt für ein kurzweiliges Kammerspiel, das sehr formstark, aber inhaltlich schwächelnd daherkommt.

Bei der Premiere von „Gespenster“ im Neuen Schauspiel Leipzig zeigt sich die Bühne in einer sauberen, aber aufwendigen Konstruktion in neuem Glanze. Die Textfassung ist Ibsens Drama nachempfunden, Regie führte Lisa Byl, deren Arbeiten bereits in den Spielzeiten zuvor am Neuen Schauspiel zu sehen waren.

Aber jetzt, ein leiser, hoher Ton vom Flügel, das Licht im Publikumsraum erlischt, auf der Bühne stattdessen nun bläuliches Licht, kalt und düster, der Pianist (Alex Röser) schaut zur Bühne, auf die ein wenig Schnee fällt. Er hat die Live-Musik des Abends komponiert. Diese ist unaufdringlich, aber stimmungsstark komponiert und instrumentiert. Erwähnenswert ist auch das minimalistisch gehaltene Bühnenbild mit Anleihen bei alt und neu, das destruiert und rekonstruiert wird, je nach dramatischem Potential der szenischen Vorgänge. Die Musiker ergänzen die Szene zu einem abstrakten Flügelaltar. Die Formfragen sind inszenatorisch schlau gelöst, das Ensemble erhält mit vier SchauspielerInnen eine kompakte, aber komplexe Größe, mit einer atmosphärisch wirkungsvollen Licht- und Musikdramaturgie.

Bereits in der ersten Sekunde entspinnt sich der Konflikt, die Dialoge sind ausschweifend, aber hektisch gespielt, innerhalb weniger Minuten erfahre ich also von der schwierigen Situation aller Beteiligten. Ganz voran der Sohn (David Wolfrum), der wie ein Destillat aller Rosamunde-Pilcher-Filme daherkommt: ein gefeierter Künstler, etwas wahnsinnig, mit inzestuösen Trieben, Husten, Schwächeanfällen, irrem Fieber, Impulsstörungen, ein bisschen sehr pervers ist er sowieso; wo ist die naturverbundene Blondine mit Pony und Strickjacke, die ihn aus all seinen Nöten befreit und dann mit ihm gemeinsam auf einem fetten Pferd an den Küsten Englands spazieren geht? Nicht hier, so muss der gepeinigte Oswald notgedrungen das Dienstmädchen, seine Schwester (Julia Kragh), vergewaltigen, später kontextfrei auf den Boden sinken und leidend seiner Mutter (Kristin Siegert) wie ein Werther entgegenhauchen: „Ich bin sehr krank – ich werde nie wieder arbeiten können!“ Das komische Potential dieses „Künstlers“ ist sehr groß. Entsprechend lapidar und ermüdend verbleibt dann leider all das Melodrama, das hier mit Willen, notfalls mit Gewalt Platz finden muss, weil, wir sind ja nicht zum Spaß hier.

Das ist wohl auch der Knackpunkt, wo die sorgfältig gebaute und stark bebilderte Inszenierung schwächelt. Die Textfassung kann mit der bildlich etablierten Inszenierung nicht mithalten. Die Worte liegen den Schauspielern nicht so im Mund, wie ihnen die Zunge gewachsen ist. Da leiden hervorragende Szenen, wie das Gespräch zwischen Mutter und Priester (sehr stark: Uwe Schütz) um die Ausfälle des verstorbenen Ehemannes. Eine aufregend anzusehende Tempochoreographie auf einer Drehscheibe, die mit innerer Unruhe geschickt umgeht, jedoch leider mit schwerfälligen Worten in Proklamationsmanier versehen. Da sabotieren die Dialoge die Kraft der Bilder und die Menschen darin, und so verbleibt das Theaterereignis ansehnlich und unterhaltsam, mit vielen attraktiven Bildern, aber mangelndem Tiefgang.

Gespenster

Regie: Lisa Byl

Mit: David Wolfrum; Kristin Siegert, Uwe Schütz, Julia Kragh

Komposition & Klavier: Alex Röser

Kontrabass: Philipp Rohmer

Neues Schauspiel Leipzig; Premiere: 08. November 2014


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