| Drucken07.04.2001 

Giuseppe Verdi: „Falstaff” (Premiere) (Wolfgang Gersthofer)

07. April 2001, Oper Leipzig

Giuseppe Verdi: ?Falstaff? (Premiere)

Dirigent: Michail Jurowski
Inszenierung: Uwe Wand
Ausstattung: Wolf Münzner
Licht: Michael Röger
Choreinstudierung: Anton Tremmel
Sir John Falstaff: Alberto Rinaldi
Ford: Tomas Möwes
Fenton: Mario Zeffiri
Doktor Cajus: Victor Sawaley
Bardolfo: Martin Petzold
Pistola: Hidekazu Tsumaya
Mrs. Alice Ford: Romelia Lichtenstein
Nannetta: Snezana Stamenkovic
Mrs. Quickly: Alexandra Durseneva
Mrs. Meg Page: Cornelia Entling

?Tutti gabbati?
Alberto Rinaldi als dickbäuchiger Sir John am Augustusplatz

Es war die letzte richtige Opernpremiere einer über 10jährigen Ära. Mit Verdis singulärem, altersweisen Opernschlußwerk hatte Hausherr Udo Zimmermann keine üble Wahl getroffen. ?Tutto nel mondo ? burla? ? Alles ist Spaß auf Erden ? heißt es bekanntlich am fugierten Ende dieser hochkomplexen Partitur. Ein (Intendanten-)Abschied mit einem lachenden Auge?

Man hatte mit Alberto Rinaldi, der zum ersten Mal an der Oper Leipzig sang, einen der international renommierten Interpreten des Ritters von der dickbäuchigen Gestalt gewonnen. Und Rinaldi drückte der Aufführung durchaus seinen Stempel auf. Ein alter buffoerprobter Haudegen, der genau weiß auf welches Partiturdetail man welchen Handgriff anbringen kann. Der auch manches (einem liebgewordene) Falstaff-Klischee genüßlich zum besten gab. Der einen amüsanten Auftritt als Galan im zweiten Akt hinlegte. Rinaldi, in früheren Jahren ein gefragter Ford, ist inzwischen auch stimmlich ins Falstaff-Fach hineingewachsen. Stellenweise gibt er vielleicht einen etwas helleren Sir John ab, was freilich bei einem so vergleichsweise hell timbrierten Ford wie Tomas Möwes als Partner wohl ganz in Ordnung geht.

Das Stück ereignete sich großteils auf einer schiefen (gerüstgestützen) Hochebene über dem Bühnenboden. Die Bewandtnis jenes Arrangements blieb Rezensentem etwas unklar (auch auf das die Eiche des dritten Aktes vorstellende schmale Stahlgerüst hätte R. verzichten mögen). In der Massenszene der von Ford veranstalteten ?Jagd? auf Falstaff im Finale des zweiten Aktes dünkte einem das Leiterklettern jedenfalls etwas unglücklich. Auch nicht ganz überzeugen mochte die szenische Umsetzung der ?dramatischen Pointe? jenes Finales, der Entdeckung des jungen Liebespaares (das man für Falstaff und Alice gehalten hatte). Ansonsten setzte Uwe Wand, der, wie er in der Pressekonferenz gestand, einiges von seinem Hauptdarsteller ?gelernt? hatte, die Geschichte gekonnt in Szene, ohne besondere konzeptionelle Akzente zu liefern. Vielleicht wurde ein bißchen ausgiebig die alte Buffa-Technik der ad spectatores-Wendung auf dem Laufsteg vor dem Orchester zelebriert. Aber insgesamt konnte man durchaus, wenn beispielsweise Falstaff Meg Page gleich mit in den Wäschekorb hineinzieht, seinen Spaß haben am Bühnengeschehen.

Großteils auch daran, was aus dem Graben herauftönte ? und Falstaff ist ja, wie etwa auch der ?Pelléas?, eine der großen Orchesteropern. Das Gewandhausorchester unter Michail Jurowski spielte nicht schlecht auf. Schwungvoll gleich der Beginn; gestochen-leichtfüßig kamen später die Streicherläufe daher, wenn Falstaff den jungen Pagen bemühen muß, da seine gestandenen Diener das niedere Kupplerwerk eines Liebesbrief-Austrägers aus Ehrgründen von sich weisen. Manches freilich im Graben geriet auch ein wenig derb: die Trompeten müßten bisweilen schlanker schmettern, eben mehr witzig-(vor)laut als kräftig-laut. Denn der alte Verdi hat hier eine ungemein spritzige, stellenweise gar bis ins Krass-Groteske reichende Partitur geschaffen. Auch hätte Jurowski einige schroffe Kontraste bzw. extreme Partiturdetails für des Rezensenten Geschmack ruhig noch schärfer auskosten können. Zum Beispiel sollte sich dem gnadenlosen chromatischen Posauenengepolter kurz vorm Ende des ersten Aktes der stehende ppp-Klang der Hörner, aus dem sich dann der große, parodistische (auf die Brieflesung zurückgreifende) Meloediebogen der lustigen Weiber von Windsor entwickelt, blitzartig, ganz ohne ?Atempause? anschließen. (Wenn es mal eine schöne Melodie in diesem ?Falstaff? gibt, ist sie am Ende nicht einmal ernstgemeint ? das mag, in nuce, verständlich machen, warum dieses grandiose Werk es in der breiten Publikumsgunst nie mit dem Verdi des ?Rigoletto? und der ?Traviata? aufnehmen konnte.) Der Fortissimo-Tuttiausbruch nach Quicklys Abgang in der ersten Szene des zweiten Aktes (bei Falstaffs ?Alice ? mia?) könnte heftiger noch erfolgen Oder es sollten die fast schon janaceksch anmutenden chromatischen Hornbewegungen im Monolog zu Beginn des dritten Aktes (?L?acqua mi gonfia?) vielleicht noch deutlicher herausgearbeitet werden.

Einen Sängerdarsteller zu haben, der die Titelgestalt mit prallem Leben zu füllen vermag, ist gewiß nicht wenig. Aber es ist nicht alles. In der Alice, einer der großen Partien des Sopranfachs, muß dem genießerischen Sir John eine echte Gegenspielerin erwachsen. Romelia Lichtenstein kam mit dieser Aufgabe wohl nur bedingt zurecht. Weder konnte man ihr so ganz die gewiefte Drahtzieherin abnehmen noch war es ihre Sache mit (verführerischem) Schönklang in höheren Lagen zu bestechen.

Mehr Format zeigte da Tomas Möwes als ihr über alle Maßen eifersüchtiger Gemahl. Aber auch er stieß mitunter an seine Grenzen; im unnachahmlichen Eifersuchtsmonolog ? einem der Meisterstücke der Opernliteratur (mit der schönen, große Übertitel-Heiterkeit erzeugenden Stelle: ?Lieber überlasse ich mein Bier einem Deutschen, ? als meine Frau sich selber?) ? vermißte man ein wenig die kernig-heldische Attacke.

Auch die Mrs. Quickly, der Verdi eine der herrlichsten musikalischen Verbeugungen (?Reverenza?) zuteilte und die den die Zeit des Stelldicheins mit Alice bezeichnenden ?Ohrwurm? ? einen der wenigen des Werkes ? ?dalle due alle tre? einführen darf, ist keine unwichtige Rolle, deren Gestaltung man sich etwas profilierter hätte vorstellen können. Das junge Liebespaar (welches in dieser Oper eigentlich ja nur Beiwerk ist) war ansprechend, aber nicht glänzend, besetzt.

Unter den kleineren Partien ragte der Bardolfo von Martin Petzold hervor. Es macht immer wieder Freude, zu sehen, wie dieser Künstler und Erzkomödiant sich auch um unspektakulärere Rollen mit größtem Einsatz bemüht ? viele Leipziger Opernbesucher werden ihn vielleicht noch aus seiner köstlichen Dienerverkörperung in der ?Nase? oder auch von seinem berührenden Auftritt zu Beginn des dritten Tristan-Aktes her in Erinnerung haben. Von besonderem Reiz in der Anfangsszene des ?Falstaff? war es nun, wenn Petzold, der gestandene Evangelist, beim Rausschmiß von Dr. Cajus sein Amen, natürlich ein paroditisches, anstimmt. Geradezu halsbrecherisch dann Bardolfos Ankündigung von Ford alias Fontana in der ersten Szene des zweiten Aktes, in wahrhaftem Recitativo Prestissimo (wie es die Partitur fordert) schnurrte Petzold hier seinen Text herunter. Leid tun konnte einem der arme Bardolfo, wie er nach der Aufdeckung des Mummenschanzes im 3. Akt ? Falstaff hat ihn an seiner rotglühenden Nase erkannt ? hin- und hergeschüttelt wurde. Neckisch schließlich Petzold als falsche Braut im weißen Kleidchen.

Fazit: Ein Starsänger im Zentrum des Geschehens. Aber hätte man insgesamt für diese letzte Leipziger Premiere der Ära Zimmermann nicht etwas mehr sängerischen Glanz erwarten dürfen? Ohne dem Ensemble der Oper Leipzig ? man weiß, daß viele Sängerinnen und Sänger nun, nach dem Ende dieser Spielzeit, schwierigeren Zeiten entgegengehen ? zu nahe treten zu wollen: Der Opernfreund mag sich fragen, ob in einem Opernhaus, das einige Wochen zuvor für die kleine Partie der Genevi?ve im Debussyschen ?Pelléas? sich einen ? gewiß nicht billigen ? Gast leistete und nun eine große Fachpartie wie die Alice aus dem Ensemble heraus besetzt, alles zum besten bestellt ist.

(Wolfgang Gersthofer)

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