Stefanie Mehlhorn | Drucken10.12.2010 

Schauerliche Klänge, schreckensvolle Schatten, gespenstische Gebärden

„Grimms grausiges Gruseln“ in der Reihe „mund & knie“ im Leipziger LOFFT

Eine phantastische Märchenwelt. Oder doch Albtraumwelt? (Bild: Franziska Junge)

Lautes Getöse, Geraschel und Gerumpel ertönt im Off. Sucht da jemand etwas? Der „Geräusche-Geselle“ Alexander Gamnitzer schleift einen alten Reisekoffer auf die Bühne. Der allgegenwärtige, bucklige Igor, den Gamnitzer mimt, begleitet die Zuschauer die nächsten 75 Minuten durch die schaurige Klangwelt der Gebrüder Grimm. Mit beeindruckender Körperspannung und Bühnenpräsenz bis in die Fingerspitzen schafft er eine Welt von Licht und Schatten und vor allem Geräuschen. Dabei verkörpert er alle, in den Geschichten der Gebrüder Grimm auftretenden Charaktere und erzeugt für das Publikum eine phantastische Märchenwelt. Oder doch Albtraumwelt?

Er verschwindet erneut hinter der Bühne, wieder ertönt lautes Gerumpel und er kommt mit einer alten Tür auf dem Rücken zurück. Nach umständlichen Versuchen, diese richtig zu platzieren, wird darauf herum getrommelt, gesprungen, gezappelt und gestampft! In diesen ersten 15 Minuten wird kein Wort gesprochen. Einzig und allein die Geräusche des Gesellen und der auf der Bühne befindlichen Gegenstände hallen durch den kleinen Raum des LOFFT am Lindenauer Markt.

Langsam beschleicht einen der unangenehme Gedanke, der Geselle könnte sich als Einzelkämpfer durch den heutigen Abend schlagen. Und die Befürchtung, dies würde er einzig und allein mithilfe der Klänge und seiner schauspielerischen Ausdruckskraft tun. Diese ist zwar enorm und beeindruckend, doch über eine Stunde hinweg einer wortlosen Vorstellung zu lauschen, beansprucht die Nerven der Zuschauer doch sehr.

Und während man sich schon mit einem mühsamen Theaterabend abfindet, erscheint plötzlich Friedhelm Eberle. Dieser, versteckt in seinem Hochsitz, beginnt nun die Zuschauer als Erzähler fungierend mit auf eine Reise durch die Gruselgeschichten der Gebrüder Grimm zu nehmen. Sein Versteck erinnert, von seiner äußeren Erscheinung her, an E.T. oder einen Nazgul aus Herr der Ring. Ein großer Filzmantel, in welchem er zwischenzeitlich auch wieder komplett verschwindet, umhüllt ihn fast die gesamte Vorstellung über. Eine Leselampe zur Beleuchtung seines Gesichtes macht seine „Auftritte“ noch eindrucksvoller. Erst kurz vor Ende entsteigt er seinem Versteck und tritt in einem urkomischen, durchgekröpften Ganzkörper-Schlafanzug auf die Bühne und aktiv ins Geschehen. Eberles angenehme Erzählstimme durchdringt den kleinen Raum und berichtet von einem eigensinnigen Kind, welches seine Mutter noch aus dem Grab heraus verfolgt, einer leberwurstfressenden Blutwurst, einer von Brei überzogenen Stadt und von einem Menschenfresser, der Kinder jagt. Vier Grusel-Geschichten fanden sich zur Premiere am 26. November neu interpretiert und klanghaft untermalt im LOFFT wieder.

Immer wieder verschwindet der Geräusche-Geselle und kommt mit neuen gruseligen Gerätschaften und Requisiten zurück. Und man glaubt es nicht, wozu die Phantasie mit den einfachsten Dingen angeregt werden kann, noch, was man mit diesen Requisiten für Geräusche erzeugen kann. Ein Koffer, Kieselsteine, ein Eimer, Messer, ein Fleischwolf, Treppen, ein Topf, Wasser. Mit vollem Körpereinsatz, viel Schweiß und am Ende der Vorstellung glücklich, aber merklich außer Puste, erzeugt Gamnitzer Geräusche, die untermalt mit den Geschichten der Gebrüder Grimm und der eigenen Phantasie eine Märchenwelt der Kindertage bei dem vorwiegend erwachsenen Publikum aufsteigen lassen. Immer wieder wundert man sich, zu was man die einfachsten Alltagsgegenstände gebrauchen kann und welch sonderbare Geräusche damit entstehen können.

Rafael Klitzing greift diese, als DJ des Abends im Hintergrund agierend, auf und sampelt sie live, so dass die Zuschauer in einen Klangteppich aus „Tat“-Geräuschen gewebt werden. Alles Poltern, Scheppern, Klirren und Rumpeln des Gesellen nimmt er in seine Konserve auf, vervielfältigt und vermixt es und schafft damit ein harmonisches Klänge-Chaos. Thomas Hertel, an diesen Abend am Klavier, initiierte als Fäden-Zieher und Einsatzgeber 2002 die Reihe mund&knie, welche in Leipzig nicht nur unter Kennern der Neuen Szene einen guten Ruf genießt. Grimms grausiges Gruseln ist die mittlerweile 13. Produktion und fand, in Zusammenarbeit mit dem Societätstheater Dresden statt.

Die Vorstellung ist für Kinder unter acht Jahren nicht geeignet, warnt das Programmheft in dickgeruckten Buchstaben. Doch an dieser phantasievollen Grusel-Geräusche-Welt hätten auch die Kleinsten viel Freude gehabt. Denn dieses Stück gibt den Zuschauern genug Raum für eigene Phantasie und unterstützt mithilfe der Geräusche das bereits Vorhandene. Klanghaftes Gruseln der etwas anderen Art.

Grimms grausiges Gruseln

Eine mund-&-knie Produktion von Thomas Hertel

Regie und Musik: Thomas Hertel

Mit: Friedhelm Eberle, Alexander Gamnitzer, Thomas Hertel, Rafael Klitzing

Premiere: 26. November 2010, LOFFT Leipzig


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