| Drucken25.05.2001 

Günter Neubert „Persephone oder der Ausgleich der Welten” (Marcus Erb-Szymanski)

25. Mai 2001 Oper Leipzig

Günter Neubert ?Persephone oder der Ausgleich der Welten?
Oper in vier Akten

Libretto von Carl Ceiss nach einer Erzählung von Werner Heiduczek
Auftragswerk der Oper Leipzig, Konzertante Uraufführung
Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke
Choreinstudierung: Anton Tremmel
Zeus: Roland Schubert
Hades: Wolfgang Newerla
Hermes: Martin Petzold
Demeter: Annelott Damm
Persephone: Cornelia Entling
Chor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

Zurück in die Zukunft? Vorwärts in die Antike!

Persephone als Uraufführungstheater

?Opern konzertant aufzuführen, ist seit Jahrzehnten gebräuchlich geworden. Die Uraufführung einer Oper konzertant zu realisieren, dürfte noch zu den Seltenheiten zählen.?

Aus diesen Worten, geschrieben im Programmheft zur Uraufführung seiner Oper ?Persephone oder der Ausgleich der Welten?, spricht der Galgenhumor Günter Neuberts. Schon zu DDR-Zeiten erhielt er den Auftrag zu einer Komposition für die Leipziger Oper. Dann kam die Wende und in der ?Ära Zimmermann? wurde er immer wieder vertröstet, um nun im buchstäblich allerletzten Moment lediglich noch eine konzertante Aufführung seines Werks zu erleben.

Aber mehr war eben nicht drin in dieser Spielzeit, weil der Großteil des diesjährigen Etats gebraucht wurde, um mit wenigstens einer Produktion wieder in die überregionalen Schlagzeilen zu kommen. Dank eines luxuriösen Gastensembles und auf Kosten anderer Vorhaben ist dies mit der Inszenierung ?Pelléas et Mélisande? von Claude Debussy ja auch gelungen. Die umjubelte Premiere war ein gelungenes Abschiedsgeschenk für den Intendanten (fürs Leipziger Publikum mussten sechs weitere Vorstellungen reichen) und Prof. Udo Zimmermann bekannte gerührt in der Pressekonferenz, dass er am liebsten schon nach dieser Inszenierung seine Amtszeit in Leipzig beendet hätte... Nun bleibt es statt dessen Günter Neuberts Oper überlassen, als Schlusspunkt der ?Ära Zimmermann? in die Historie Leipzigs einzugehen.

Nach einer Erzählung von Werner Heiduczek schuf Carl Ceiss [sic!] mit dem Libretto eine allegorische Geschichte um Hades, Zeus, Persephone, Demeter und Hermes. Hades, der Herrscher der Unterwelt, ist der Gesellschaft der Schatten überdrüssig und sehnt sich nach Luft, Liebe und Leben. Sein Begehren richtet sich auf Persephone, die Tochter des Zeus und der Demeter. Hades erpresst Zeus damit, im Falle einer Weigerung Persephones die Schleusen zur Unterwelt zu öffnen und mit den darin eingesperrten Kreaturen die blühenden Landschaften der Erde zu überschwemmen. So kommt Persephone zu ihm, anfangs gezwungenermaßen, später sogar freiwillig, weil sie Mitleid und Liebe für die ?unteren Schichten? entwickelt.

Günter Neubert hat im Programmheft vorgesorgt, dass das Allegorische des Sujets nicht falsch verstanden wird: ?Als ich meinen Opernstoff wählte, gab es gerade noch die DDR. Viele, die in ihr lebten, fühlten sich wie ausgegrenzt, geographisch eingezwängt, wirtschaftlich ohne Perspektiven. Wer kümmerte sich um sie? [...] In Persephone fand ich eine Persönlichkeit, die sich schließlich noch von dem Leid und der Hoffnungslosigkeit beeindrucken ließ und ihnen helfend zu begegnen versuchte. [...] Hades, Herrscher des Schattenreichs, kann seiner Forderung nach Hilfe und Aufmerksamkeit für die Ausgegrenzten nur damit effektiv Nachdruck verleihen, indem er droht, die Elenden in die Wohlstandssphären eindringen zu lassen, den egoistisch Reichen so den Genuss am Wohlstand zu nehmen. [...] Erst der nachhaltige Wandel Persephones aus der inneren Überzeugung des Helfenwollens kann ein erster Ansatzpunkt für ein Lindern der Not sein. Mit der Verwendung eines antiken Stoffes bin ich den umgekehrten Weg vieler heutiger Inszenierungen gegangen, die klassische Opernstoffe in ein modernes Gewand kleiden. Ich wählte eine antike Vorlage für eine neue Oper mit Aussageabsichten auf unsere Zeit. Ich vertraue damit der Wirkung der Allegorien des Stoffes und dem Scharfsinn des Publikums.?

Letzteres ist Dank solcher einführenden Worte nun gar nicht mal mehr so vonnöten. Außerdem finden sich im Textbuch, auch wenn die Worte ?Begrüßungsgeld? oder ?Buschzulage? nicht fallen, ebenfalls zarte Andeutungen zu möglichen Aktualisierungen des Stoffs. So besteht das Heer der Unterwelt aus ?Schatten?: ?totgesagt, aber nicht wahrhaft gestorben?, Siechenden: ?abgeschoben, alt und schwach, entmündigt?, Irrsinnigen: ?voll wirrer Träume, heißer Gefühle, wahnsinnig erklärt, behindern die Wirtschaft? und Titanen: ?staatsgefährdend, in Vorbeugehaft?. Persephone bewegt sich auf einer ?Wiese, wie im Glashaus?. Hades dringt in die Oberwelt durch eine gläserne Wand und bringt eine ?Lawine aus Müll und Kälte? mit sich. Hermes, der Götterbote, spielt eine zwielichtige Rolle als Doppelagent, indem er einerseits Hades rät, wie er Persephone für immer an sich binden kann, andererseits aber dann für diese als Fluchthelfer agiert. Demeter, die aus Trauer um Persephone die Erde vernachlässigt, antizipiert Worte aus einem zukünftigen Ökokurs an der Volkshochschule: ?Jede Stunde stirbt diesem Planeten / eine Pflanze, eine Tierart. / Der Mensch bringt seine Mitwelt / aus ihrer natürlichen Balance, / zerstört nicht bloß aus Versehen, / sondern mit äußerster Willkür. / Er wird verhungern, wenn ich verkümmere.?

Solche tagespolitischen Äußerungen finden sich neben philosophischen Ausführungen wie dem Gleichnis des Hermes: ?Diese Welt gleicht einer Spirale: / Vom Tag zur Nacht und wieder zum Tag. / Vom Blühen zum Welken und wieder zum Blüh?n. / Begrüßung, Abschied und Wiedersehen. / Von Geburt bis Tod und wieder zum Leben. / Wie eine Spirale: Diese Welt, / aufwärts in Kreisen, doch brüchig!?

Das regt zum Nachdenken an! Vor allem, wenn man die poetisierende Schlusswendung unkommentiert auf sich wirken lässt: ?Dem Zähen folgt Eile, die zäh wird. / Der Bitterkeit folgt die Süße... / Ja.?

Von seiner Musik erhofft sich Neubert, sie möge nicht nur ?problemlos rezipiert werden?, ?sondern auch das ihrige zur Umsetzung des Anliegens der Oper für einen verständnisvolleren menschlichen Umgang der ?Bewohner? unterschiedlicher Welten miteinander? leisten. In diesem Zusammenhang steht es wohl auch, dass sich Neubert für die ?Persephone? von einem ?steiferen, mathematisch orientierten Strukturdenken? löste, um ?der Inspiration wieder mehr Raum zu geben?.

Und es sind vor allem große Gedanken, die diese Musik inspiriert haben. Trotz eines kleinen Sängerensembles, mit dem durchaus eine Kammeroper hätte konzipiert werden können, tendiert das Orchester zum Erhabenen und Gewaltigen. Hades, dessen anstrengend angestrengte Stimmlage ihm unablässig ein Äußerstes abverlangte, wird musikalisch durch gewaltiges Schlagwerk, schrille Tutti und häufigen Hageleinschlag von Trommel oder Pauke charakterisiert. Das rhythmische Übergewicht seiner Musik gibt dieser geordnetere Strukturen, als man von dem Chaos, das er unentwegt besingt, erwartet hätte. Weniger klar strukturiert erscheint dem Ohr dagegen die Musik des Zeus, der, stimmlich nicht weniger gefordert, Freiheit und Ordnung verkündet, aber durch die Orchesterbegleitung eher im dissonanten Nebel verhangen bleibt.

Ansonsten ist die Musik oft illustrierend, mitunter fast wie eine Kulisse. Aber das ist bei einer konzertanten Aufführung ja nicht das Schlechteste. Zerknirschte Trompetenseufzer begleiten die Erinnerungen von Hades an Persephone, sein Liebesdurst äußert sich in triebhafter Rhythmik. Melodien der Holzbläser begleiten dagegen Worte, die von Sehnsucht reden. Und gewaltige Ausbrüche lassen fast jede Szene mit maximaler Phonzahl enden. Das gibt der Oper eine Bedeutungsschwere, die ein Text besitzt, bei dem hinter jedem Satz drei Ausrufezeichen stehen.

Hinsichtlich der psycho-physiologischen Ausdeutung des Librettos durch die Musik war auffällig, dass die Gesänge der Protagonisten Zeus, Hades und Demeter fast immer dem Schema einer zackig-unregelmäßigen Schwingungskurve folgen. Wie in einer Berg- und Talbahn fahren die Stimmen auf und nieder mit regelmäßigen Eruptionen im höchsten Frequenzbereich. Das erinnert nicht wenig an eine Herzfrequenz-Messung und die zeigt gerade bei den Männern oft genug eine maximale Belastung an.

Wie anders gestaltete Neubert dagegen die Rollen der Persephone und des Hermes. Hier dringt das Ohr ins Schattenreich der Nuancen ein. Sehr differenzierte, leise und poetische Wendungen zwingen auch das Orchester zu verhalteneren Klängen. Schon in der vierten Szene des zweiten Akts, wo Hermes in sprunghaftem Gesang auf die Bühne hüpft (bzw. hüpfen würde, wenn er es denn in einer konzertanten Aufführung dürfte), beschreibt das Orchester sein faszinierendes Wesen durch geheimnisvolle leise Töne von Fagott, Flöte und Schlagwerk. Überhaupt ist die Rolle des Hermes mit liebevollem Humor kreiert. So hatte Martin Vogel eine dankbarere Aufgabe zu lösen als seine Kollegen und strich am Ende folgerichtig auch den meisten Applaus ein. Ähnlich hob sich auch Cornelia Entling als Persephone durch ihr reicheres musikalisches Profil von den anderen ab.

An Stelle eines Fazits sei noch einmal Günter Neubert zitiert, der im Programmheft seinem Auftraggeber die Nachteile einer fehlenden Inszenierung ins Stammbuch schreibt: ?keine Aufwertung durch Licht, Farbe, Kostüme, Kulissen, Bewegung, darstellende Elemente, keine Überhöhung der Aussage durch eine intelligente Regie?. Mehr ist dazu in der Tat nicht zu sagen.

PS: Außer einer Vorstellung am 26. Mai sind laut dem Spielplan der Oper keine weiteren Aufführungen zu erwarten.

(Marcus Erb-Szymanski)

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