Ilona Schaal | Drucken20.01.2012 

Held der Sowjetunion?

Gyula Molnàr ist mit seinem Stück über Juri Gagarin erneut im Westflügel zu sehen

Gyula Molnàr (Bilder: marotte Figurentheater)

Die Weite des Weltalls zu erkunden und zu überwinden ist seit Anbeginn der Naturwissenschaften ein Ziel der Menschheit. Und Juri Gagarin hatte es 1961 nicht nur geschafft, diesem Traum ein wenig näher zu kommen, in dem er als erster Mensch im Weltall die Erde umkreiste, sondern auch die Sowjetunion im Wettstreit gegen die USA weiter nach vorn zu bringen. Ein Mythos, ein Held waren geboren und Gagarin wurde mit Jubelrufen zurück auf der Erde empfangen.

Ob aber auch alles ganz anders gewesen sein könnte, fragte sich der in Ungarn geborene Objekttheaterkünstler Gyula Molnàr in der kurzweiligen und amüsanten Inszenierung Gagarin, die zum ersten Mal nach fünf Jahren wieder für zwei Abende im Westflügel zu sehen war.

Das Publikum war schon nach wenigen Minuten hingerissen: Mit viel Witz und Charme schafft es der Schauspieler Molnàr, selbst eine bloße Hula-Hoop-Tanzeinlage zum sicheren Lacher werden zu lassen. Von zu viel Interpretation wird direkt abgeraten: „Der ein oder andere von Ihnen hat wahrscheinlich gedacht, der gelbe Hula-Hoop-Reifen symbolisiere einen Lichtkreis. Dabei steht er einfach nur für eine Bananenschale.“ Der Banane, die er leider vor der Aufführung nicht mehr hatte besorgen können – am Ende kommen wir doch noch in das Vergnügen, sie tanzen zu sehen.

Der Lichtkreis wäre beim Kosmonauten Gagarin sicher naheliegender gewesen – möglicherweise aber auch zu verkopft. Denn genau darum soll es gehen an diesem Abend: Nicht darum, zu zeigen, was Gagarin für ein Mensch war, seine Biografie zu erzählen, seine Taten zu rühmen. Sondern nach der Wahrheit dahinter zu fragen, andere Möglichkeiten zu testen, das Naheliegende manchmal auszuschließen, die Details im Banalen zu suchen.

Dass das Wichtige oft im Kleinen zu finden ist, wird herrlich komisch offensichtlich: Gagarin, der zum Kosmonautentestprogramm eingeladen wurde, bekommt dafür seine Ausrüstung zugeteilt, zu der auch überdimensional große Stiefel gehören. „Sie müssen sich das vorstellen wie Ski-Schuhe. Wie Ski-Schuhe nur noch größer und unheimlicher.“ Nach den ersten Gehversuchen mit den neuen Tretern bemerkt er im linken Fuß ein Stechen und fragt: „Ist dieser... ja, es ist schon fast ein Schmerz, ist dieser Schmerz, normal, ich meine, ist er... vorschriftsmäßig?“ Gagarin wandert mit diesen Schuhen drei Jahre umher und das Stechen lässt auch später in der Raumkapsel nicht nach. Im weiteren Verlauf des Abends dann, als Molnàr, der übrigens während des Stücks geschickt und beinahe unbemerkt in verschiedenste Rollen schlüpft, einen Bleistift sucht, wird er – man glaubt es kaum – im Schuh fündig. Das mag zunächst plump wirken, funktioniert aber. Da hatte die Regisseurin Francesca Bettini einfache, schöne Ideen, mit den wenigen Objekten ironisch und humorvoll umzugehen ohne die Pointen überzustrapazieren. Die wenigen Requisiten sollen auch dabei helfen, den Blick einmal ausruhen zu dürfen, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ebenso trägt der sparsame Einsatz dazu bei, dass der Charakter einer Simulation – der Kosmonaut legt den Stuhl mit der Lehne auf den Boden und legt sich darauf, sodass er auf dem Stuhl sitzt; nun braucht es nur noch die wunderbar komische Mimik Molnàrs und fertig ist die Raumkapsel – beibehalten wird.

Das Wort Simulation kommt eigentlich vom lateinischen „simulare“, das heißt so etwas wie „vortäuschen, heucheln“. Was könnte denn bei dieser allzu schönen und tragisch endenden Heldengeschichte vorgegaukelt sein, nicht so ganz der Wahrheit entsprechen? Molnàr gibt darauf – nun wieder in der Rolle des kritischen amüsierten Beobachters – verschiedene Antwortmöglichkeiten: 1. Die Aufzeichnungen der Weltumrundung waren nur eine Simulation, 2. Niemand war in der Raumkapsel, 3. Jemand anderes als Gagarin war in der Kapsel. Bei der dritten Möglichkeit werden wunderbar banale Gründe gefunden: Zum Beispiel, dass der eigentliche Kosmonaut zu schüchtern für den ganzen Rummel gewesen sei, er sei einfach nicht hübsch genug gewesen, oder er hätte eine Menge an medizinischen Tests mitmachen müssen und hätte deshalb zunächst nicht an die Öffentlichkeit treten dürfen. Dieser Logik kann man sich als Zuschauer durchaus anschließen.

Hinterfragt wird mit spielerischen Mitteln und wiederum auf heitere Weise auch die ominösen Todesumstände Gagarins. Der Kosmonaut und ausgebildeter Kampfpilot war bei einem Flugzeugunglück gestorben, die genauen Ursachen konnten nie geklärt werden und auch das Abschlussprotokoll zeigte Missverständlichkeiten auf. Während ein Kollege Gagarins zunächst in seiner Aussage erläutert hatte, er habe zwei laute Knalle im Abstand von nur ein bis zwei Sekunden gehört, musste er feststellen, dass diese Aussage im Protokoll auf 15 bis 20 Sekunden geändert worden war. In der Inszenierung erzählt nun einer der auftretenden Charaktere, wie ihm einst während eines sehr kalten russischen Winters ein Ohr abgefallen wäre und das doch gerade zu dem Zeitpunkt, als er die Möglichkeit gehabt hätte, zwei russische Soldaten zu belauschen. Er holt ein Notizbuch heraus, in das ein Loch gebohrt ist, und hängt es sich übers Ohr. Er berichtet, wie er in dieses Buch Aufzeichnungen von dem Ereignis gemacht und auch das wiedergefundene Ohr eingeklebt habe. Als er das Buch wieder in die Hände nimmt, hält er es noch einmal in die Höhe und bemerkt: „Sehen Sie, jetzt fehlt das Ohr!“

Die Geschichte wird durch diese kleinen Anspielungen lebendig und erinnert den Zuschauer immer wieder daran, diese großen Mythen und die – teilweise selbsternannten – Helden nicht zu ernst zu nehmen. Welch einfache und, obgleich schon mehrmals gehört, doch aussagekräftige Metapher wenn Gagarin einem amerikanischen Reporter auf die Frage, was er aus der Raumkapsel heraus gesehen habe, erzählt: „Also, die Vereinigten Staaten von Amerika habe ich von dort oben zumindest nicht gesehen.“

Daneben lebt das Stück von der wunderbar selbstironischen Art Molnàrs, Geschichten zu erzählen und einer Komik, die aufgrund seiner Gestik und Mimik zustande kommt: die weit aufgerissenen Augen, die verspielten Finger, dieser Hüftschwung, dieser Akzent mit den kleinen Versprechern, die ihn nur noch sympathischer erscheinen lassen, seine Wandlungsfähigkeit. Dabei zuzusehen macht Spaß.

Große Themen werden aufgegriffen in Gagarin, diese kommen aber alle spielerisch leicht daher. Man mag dem Stück mangelnden Tiefgang vorwerfen, vielleicht kann man das Ganze aber auch einfach als einen schönen Abend sehen, der den Zuschauer glücklich und befreit entlässt. „Sie schauten nach oben und blieben so stehen.“ Teilweise vielleicht nicht mehr, ganz sicherlich aber auch nicht weniger.

Gagarin

Mit: Gyula Molnàr

R: Francesaca Bettini

12. Januar 2012, Lindenfels Westflügel


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