Ilona Schaal | Drucken28.03.2013 

Den Schnee noch nicht leid

Hartmann inszeniert Sorokins #2 – „Der Schneesturm“ als zweiten Teil seiner Russen-Trilogie

Szene mit Ensemble und Freundeskreis (hinten) (Foto: R.Arnold/CT)

Die Arena bleibt zunächst fast leer. Einem Herrn mit russischem Akzent, der über Avantgarde, Moderne, Postmoderne und das, was danach noch folgen könnte, monologisiert, folgt man schmunzelnd. Auch die ersten Momente der Erzählung Der Schneesturm – der Landarzt Garin ist auf der Suche nach Pferden, die ihn ins Dörfchen Dolgoje bringen, das von einer Epidemie ergriffen wurde – spielen noch im weitestgehend leeren Raum. Dies ändert sich schlagartig, wenn die Schauspieler Unmengen an Plastiksäcken voll Kunstschnee an das Publikum verteilen, das dazu beitragen wird, die Arena in eine Winterlandschaft zu verwandeln. Durch diesen Schnee müssen sich nun sowohl Sorokins Protagonisten kämpfen, als auch ganz praktisch das elfköpfige Ensemble dieses Abends. Alle mit mehr oder weniger großem Erfolg.

Garin, ganz in Hartmannscher Manier verkörpert durch das gesamte Ensemble, wird auf seiner Reise durch eine aufwendig inszenierte Traumwelt immer wieder durch die seltsamsten Kreaturen und Objekte aufgehalten. Da ist zum Beispiel ein Zwerg, an dessen Mühle Garin aufgrund einer kaputten Achse Halt machen muss und dessen Frau er schlussendlich verfällt. Relativ schnell muss sich selbst der „Gott in Weiß“, ganz den Launen der Natur und diesen Wesen ausgeliefert, mit seinen menschlichen Grenzen und Unmöglichkeiten auseinandersetzen. Als Symbol dafür steht eine kleine Pyramide – seit jeher als Versuch des Menschen nach einer Annäherung an das Göttliche zu deuten –, die Garin auf dem Weg gefunden aber schlussendlich liegengelassen hat. Von nun an werden immer wieder einzelne Monologe eingestreut, die die Frage nach der menschlichen Schuld in den Mittelpunkt rücken: „Können die Menschen vom Töten lassen?“. Schön, wie hier die Anknüpfung an #1 – Traum der Trilogie funktioniert. So interessant und gut dargestellt diese Einschübe auch sein mögen – schade, dass sie die eigentliche Geschichte, der man gern noch ein wenig länger gefolgt wäre, ins Unverständliche zerstückeln. Die Balance zwischen Beidem zu halten, war beim ersten Teil der Russen-Serie besser geglückt.

Überhaupt stellt sich – gerade im Rückblick auf #1 – die Frage, ob man sich mit einer derartigen Inszenierung in der Arena einen Gefallen getan hat: Die Rollenwechsel sind zwar humorvoll inszeniert, aber wenig begründet. Der Umgang mit dem Kunstschnee gelingt in einigen Szenen, beispielsweise bei der Begegnung mit den Zwergen. Zu großen Teilen hätte man sich jedoch – wenn nach zwei Stunden immer noch nicht viel mehr geschieht, als dass sich vorranging SchauspielerInnen lasziv darin herumwälzen und vergraben – einen kreativeren Umgang mit dem Material, das man sich nun mal auf die Bühne geworfen hat, gewünscht. Der häufige Einsatz der Technik funktioniert im Falle des Lasers, der in der Mitte über der Arena schwebt und sowohl als „Sonne der Zukunft“ als auch als Feuerspender fungiert, und lässt sich mehr als vertreten. Wenn es aber darum geht, in den letzten Minuten noch einen Kameramann mit auf die Bühne zu holen um gleich vier Mal die Gesichter an den oberen Rand der Arena zu werfen, muss sich die Frage nach einem tieferen inszenatorischen und dramaturgischen Sinn zumindest stellen lassen dürfen.

Hartmann schafft es zwar mit präzise eingesetzten Mitteln über weite Strecken des Abends hinweg eine Zauberwelt zu erschaffen, der man als Zuschauer gerne verfällt. Eben diese Mittel stellen sich nach einer Weile jedoch auch als Problem des Abends heraus und überladen den Raum. Das Spektrum, das in dieser Arena möglich ist oder eben auch nicht, hat Hartmann mit dieser Inszenierung auf jeden Fall aufgezeigt. Man darf gespannt sein, was er sich für #3 einfallen lässt.

Entscheide dich für die Liebe. 3 Russen # 2 — Der Schneesturm

Regie und Bühne: Sebastian Hartmann

Kostüme: Adriana Braga Peretzki

Video: Voxi Bärenklau, Kai Schadeberg

Licht: Carsten Rüger

Dramaturgie: Michael Billenkamp

Mit: Rosalind Baffoe, Artemis Chalkidou, Edgar Eckert, Günther Harder, Manuel Harder, Carolin Haupt, Andreas Keller, Christian Kuchenbuch, Benjamin Lillie, Linda Pöppel, Birgit Unterweger, sowie Susan Haubner, Christian Hübel, Mike Lange,

Mathias Meinke, Enrico Merkel, Nicole Merkel, Egon Voigtsberger

Balalaika-Quartett: Eduard Funkner (Leitung, Prim-Balalaika), Valeri Funkner, Robert Katschinka, Madin Adeniyi Ogunlade

Ensemble der russisch-orthodoxen Kirche St. Alexej, Leipzig: Konstantin Kosakevich (Leitung), Vitali Aleshkevich, Elizaveta Antipova, Ilia Foiguel, Igor Gryshyn, Svetlana Vedernikova

22. März 2013, Centraltheater Festspielarena


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