Stefanie Mehlhorn | Drucken01.10.2010 

Heute schon den Kopf verloren?

Elefantenköpfe und Scatterbrains: Die Akademie für Darstellende Künste Ludwigsburg hilft mit „Mrs. Scatterbrain und Ganesh“ nie ganz den Kopf zu verlieren – Werkstatt-Tage im Theater der Jungen Welt

Autorin Maja Das Gupta (Foto: Joa van Overstraaten)

Köpfe stehen im Mittelpunkt des ersten Kinderstücks der Jungautorin Maja Das Gupta, die väterlicherseits indische Wurzeln hat. Die Köpfe sind zerstreut, gehen verloren, werden getauscht, durch andere ersetzt und schließlich von einer fiesen hinduistischen Göttin als modisches Accessoire sogar an ihrem Gürtel befestigt. Auch schön.

Man merkt den jungen Schauspielstudenten der Akademie für darstellende Künste

Ludwigsburg ihre Nervosität leicht an, durch zitternde Hände und durch den Text rennende Stimmen. Zu Anfang der Aufführung betreten vier der fünf Darsteller der Reihe nach die Bühne, bemüht um eine aussagekräftige, jeweils eigenwillige Form des Gehens. Man soll trotz fehlender Kostüme sofort unterscheiden können zwischen der Enkelin, der Großmutter und den hinduistischen Göttern – die Gang-Art als Ausdruck ihrer Rollen. Leider wird das höchstens angedeutet.

Was bei diesen so schön gesittet geschieht, sieht bei dem Fünften, der gleichzeitig Erzähler und Ganesh ist, ganz anders aus: plötzliches Auf-die-Bühne-Stürmen, chaotisches Gestikulieren, lautes, unverständliches Gebrüll. Sehr befremdlich, weil so vollkommen unerwartet. Doch nach zehn Minuten legen die Darsteller ihre Aufgeregtheit ab, und es folgt ein ausdrucksstarkes, durch klare Gesten und gute Artikulation gekennzeichnetes Spiel aller.

Ganesh, der Elefantengott mit vier Armen, möchte wissen, ob die Geschichte wie er zu seinem Elefantenkopf gekommen ist, der Wahrheit entspricht. Seine Mutter erzählte ihm, den hinduistischen Mythen getreu, dass sein Vater dem Irrtum unterlag, Ganesh sei ein Fremder, der ihm den Weg zu seinem eigenen Haus versperrte. Deshalb schlug er ihm den Kopf ab. Er bekam einen neuen und zwar den des Lebewesens, welches seinem Vater, nach dessen kopfloser Tat zu erst begegnete. Ein Elefant.

Florian Stamm mimt den Ganesh, auch ohne Verwendung jeglicher Kostüme und Requisiten, überzeugend. Keine vier Arme, kein Elefantenkopf oder Rüssel. Auch im Text tritt er den anderen Figuren als Mensch entgegen. Miss und Mrs Scatterbrain, eine Enkelin und ihre Großmutter sind zerstreut. Denn „Scatterbrained nennen die Engländer Menschen, die zerstreut sind“. Und diese Menschen sind kopflos, wie Ganesh. Also müssten die Scatterbrains, gespielt von Magdalena Wiedenhofer und Frederike Falk, ihm helfen können, die Wahrheit über seinen Kopf heraus zu finden. Hofft er. Mit Hilfe einer kleinen Notlüge bringt Ganesh die Enkelin und ihre Großmutter dazu, ein Schiff Richtung Island zu besteigen. Doch eigentlich geht es mit diesem Schiff nach Indien. Oder doch Island? Indien? Island?

Die Skripte, mit denen die fünf Spieler schon zu Anfang auf die Bühne kommen, dienen als Requisiten – Schuhe werden darauf gezeichnet und provisorisch daraus sogar ein Kopf geformt. In der zweiten Hälfte helfen sie außerdem über die eine oder andere Textunsicherheit hinweg.

Schnelle Dialoge und Wortwitz zeichnen Das Guptas Stück aus. Plötzlicher Köpfe-Tausch, Traumsequenzen und gespaltene Persönlichkeiten erschweren einem das Verfolgen der Handlung – man fühlt sich als Zuschauer selbst leicht zerstreut. Auch wir sind scatterbrained. Wodurch die Inszenierung besticht: Den jungen Darstellern gelingt es immer wieder, das Publikum in die Handlung zurück zu holen. Sie behalten einen kühlen Kopf und helfen den Zuschauern, ihren nie ganz zu verlieren.

Mrs. Scatterbrain und Ganesh

Von Maja Das Gupta

Gastspiel von der Akademie der Darstellenden Künste (Ludwigsburg)

Anlässlich der 17. Werkstatt-Tage der Kinder- und Jugendtheater

29. September 2010, Theater der jungen Welt, Großer Saal


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