Alexandra Hennig | Drucken02.03.2011 

Dreimal Trotzdem

Die Schaubühne Lindenfels erinnert mit „Heymweh – eine konzertante Performance“ expressiv an den Dichter Georg Heym

Ambra Pittoni, Carsten Clemens, Miles Perkin (Foto: PR)

Unsere Krankheit ist unsere Maske.
Unsere Krankheit ist grenzenlose Langeweile.
Unsere Krankheit ist wie ein Extrakt aus Faulheit und ewiger Unrast.
Unsere Krankheit ist Armut.
Unsere Krankheit ist, an einen Ort gefesselt zu sein.
Unsere Krankheit ist, nie allein sein können

Georg Heym


Ein Kontrabass hat sich erhaben auf der Bühne platziert, erleuchtet vom Goldstaub, der ihn umgibt. Eine Frau und zwei Männer treten mit leisen Bewegungen hinzu – sie kippen kaum merklich nach vorn und wieder zurück, ihre Arme und Hände finden einen behutsamen Tanz.

„Meine Seele ist eine Schlange, Die ist schon lange tot.“

Es sind die Stationen im Leben Georg Heyms, die hier in einer Komposition von Schauspiel, Tanz und Neuer Musik versinnlicht werden. Das Zusammenspiel dreier Choreografien, die sich auf ihre Art dem Werk eines Künstlers nähern, der quer zu und in seiner Welt gestanden hat. Er wurde nur 24 Jahre alt, verunglückte während eines Eislaufunfalls beim Versuch, einen Freund aus dem eingebrochenen Eis zu befreien. Ein Bruch mit seinem bürgerlich-konservativen Elternhaus sollte sein Schaffen bestimmen; die juristische Laufbahn hatte er auf Gebeten seines Vaters eingeschlagen, scheiterte jedoch so zielsicher daran, wie die Worte der Stagnation seiner Welt entgegen poltern:

Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen.“

In seinem Werk spiegeln sich Sehnsucht nach Ehrlichkeit und Neuanfang. Dass er seinen Lebensunterhalt mit der literarischen Arbeit hätte bestreiten können, hatte er nicht geglaubt und stattdessen eine Offizierslaufbahn in Augenschein genommen. Die alte Ordnung hinwegfegen, und sollte es im Krieg enden.

Heymweh- eine konzertante Performance stellt sich der Herausforderung, drei unterschiedliche Elemente der Darstellung nicht nur nebeneinander bestehen zu lassen, sondern zu einem Bild zusammen zu fügen. Carsten Clemens eindringliche Interpretationen der Worte, Lyrik und Tagebucheinträge, treffen auf den Bewegungsapparat Ambra Pittonis und leiten jeweils neue Episoden ein. Miles Perkin Geräuschkulisse entstammt Keybord, Gitarre, Klavier und Kontrabass, die zu Hilfe gekommen sind, den Worten ein Bild aus Tönen zu verleihen. Zuweilen ist die Musik Rauschen der Dunkelheit, Quietschen des Unbehagens - ein leiser Schatten.

Allein, die Elemente stehen nicht fein säuberlich voneinander getrennt. Vom Tanz sind alle drei Performer befallen, es ist eine Choreografie in Raum und Zeit, die auch vor Instrumenten nicht halt macht. Ambra Pittoni bringt so nachdrücklich Worte hervor, wie Carsten Clemens die konzentrierten Bewegungen in sich aufnimmt. Szenen und Stimmungswechsel enden so abrupt, wie sie gekommen sind. Licht und Ästhetik denken nicht an Konstanten, auch die Musik nicht. Düsternis wechselt sich ab mit frischer Verwirrung, ein Tanz, der eben noch dynamisch war, liegt schweigend auf dem Boden; der aufbegehrende Sprecher steht nun im schüchternen Lichtkegel, um die Worte herauszustottern.

Und ein Mensch ist auf einmal so nahe ins Publikum getreten: „Guten Tag. Mein Name ist Georg Heym. Haben sie vielleicht eine Möglichkeit, meine Arbeit zu veröffentlichen?“ Das Weh‘ an diesem Abend in Vorahnung der Wende. Im November 1911 schließt Heym einen Vertrag mit seinem Verleger Ernst Rowohlt über die Veröffentlichung eines Novellenbandes ab – ein Jahr vor seinem tragischen Tod. Die Synthese der Künste löst sich zu letzten Solis auf. Nach ihrer Zusammenkunft schmettert Miles Perkin ein berührendes Stück mit dem Kontrabass, um sich schließlich ans Klavier zu setzen. Ambra Pittoni zeigt abschließend Mary Wigmans „Hexentanz“ – die Wigman: ihrerseits stellvertretend für ein Aufbegehren, dem Tanz nicht mehr länger der Musik unterzuordnen. Ja – wir stehen in der Kraft des Frühexpressionismus.

KünstlerInnen am Anfang des vergangenen Jahrhunderts, wollten den Zwängen der Vergangenheit, ihrer Väter und Mütter lärmend ein Ende bereiten. Georg Heyms Werk, sein Aufbruch, wird in dieser Performance erfahrbar. Das zunächst strittig wirkende Miteinander von klassisch anmutendem Sprechtheaterelementen, Tanz und Neuer Musik erscheint wie der Blick in ein Kaleidoskop, ist manchmal holprig und vor allen Dingen ungestüm. Jedoch: Es endet nicht im Zuviel. Hier wird Stellung bezogen zu einem künstlerischen Werk, das nie rund hat sein wollen. Ein verhängnisvolles Absagen allen Alten und ein Blick nach Vorn, der genauso hilflos ist. Mary Wigman tanzt, Georg Heym dichtet – am Vorabend des ersten Weltkrieges, der alles Vorangegangene überschatten sollte. Heymweh ist ein Abend voll Intensität und Düsternis, der dem Skurrilen nicht abgeneigt ist.

„Aber etwas gibt es, das ist unsere Gesundheit. Dreimal „Trotzdem“ zu sagen, dreimal in die Hände zu spucken wie ein alter Soldat, und dann weiter ziehen, unsere Straße fort, Wolken des Westwindes gleich, dem Unbekannten zu.“

Endlich haben sie sich so denn auf die glitzernde Eisfläche begeben. Die Schlittschuhe hängen gut geschnürt an den Füßen. Auf, auf – der Einbruch steht bevor!

heymweh – eine konzertante performance

Lyrik, Texte von Georg Heym

Regie und Konzept: Carsten Clemens

Mit: Ambra Pittoni, Miles Perkin, Carsten Clemens

Premiere: 17. Februar 2011, Schaubühne Lindenfels


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