Moritz Arand | Drucken14.06.2012 

Die Geschichte eines Briefes, erzählt von seinem Verfasser

Mit „Hilbig lesen #2“ gelingt am Centraltheater eine großartige Odyssee

Andrej Kaminsky (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

Es ist der 2. Juni 2012, der fünfte Todestag von Wolfgang Hilbig, dessen Text Er, nicht ich an diesem Abend im Centraltheater gelesen werden soll. Nachdem die Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft tagsüber eine Wanderung durch Meuselwitz, der Geburtsstadt des Autors veranstaltet hat, begibt sich der Zuschauer der zweiten Hilbig-Lesen-Veranstaltung auf einen ähnlichen Gang. Gemäß dem Untertitel, in dem von einer Exkursion durch einen Text von Wolfgang Hilbig die Rede ist, wird das Publikum lesen-hörend durch den seinen Text geführt. Zusätzlich begibt sich der Besucher auf einen realen Gang durch verschiedene Räume des Theaters. Entlang dieser Stationen erzählen Andrej Kaminsky und Manuel Hader die Geschichte von C. und dessen Brief an die regierende Verwaltung, den er zugestellt wissen will.

Der Rundgang beginnt im Kartenfoyer des Centraltheaters. Von dort aus wird der Zuschauer vom Theaterpersonal auf den Lutherring geführt. Vor einem Schaufenster steht ein Lautsprecher aus dem die Titelmelodie vom Sandmännchen ertönt. Andrej Kaminsky, im kurzen Schwarzen und rothaariger Perücke, und Manuel Hader, der einen schwarzen Anzug mit Krawatte trägt, nehmen auf Hockern in diesem Schaufenster Platz und tragen die ersten Zeilen chorisch vor. Im Hintergrund erklingt die Sirene eines Krankenwagens, ein Motorrad saust lärmend vorbei, Passanten bleiben kurz stehen, gehen dann aber weiter. Nach kurzem Lesevortrag fordert eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher die Zuschauer auf, den Anweisungen des Personals Folge zu leisten. Der Zuschauer wird nun in das Innere des Raums der alten Diskothek Schauhaus geführt, in den er zuvor nur durch das Schaufenster blicken konnte. Die fulminante Rauminstallation aus Bauzäunen, Schildern, die vor Lebensgefahr und Hochspannung warnen, vermittelt den Eindruck einer Industriebrache, die schon lange nicht mehr genutzt wird. Kaminsky und Hader sitzen in einem Raum, von dem der Zuschauer durch ein Absperrband ferngehalten wird. Eine Leinwand ermöglicht dem Besucher, das Agieren der Figuren besser zu verfolgen. Die Protagonisten tauschen die Kostüme, drängen in den Fokus der Kamera, die sie filmt. Etwas wüst und strukturarm, geradezu verfallen wirkt die Szenerie, in der gelesen wird.

Eine Stewardess (Jennifer Ressel) beendet die Szene. Die Zuschauer werden durch den Personaleingang des Centraltheaters in den zweiten Stock der ehemaligen Disko geführt. In diesem Raum liegen, auf einem Tarnnetz verteilt, viele Hirschköpfe, wie sie schon im ersten Teil der Lesereihe zu sehen waren. Endstation der Reise ist die Raucherinsel, die sich in einem hochaufstrebenden Lichthof des Hauses befindet. Dort sitzt der Zuschauer auf Stühlen an einem Tisch, der ein Kreuz beschreibt und verfolgt auf einer Leinwand die Übertragung des Lesevortrags aus dem Untergeschoss, bis zuerst Andrej Kaminsky und wenig später Manuel Hader im Lichthof erscheinen. Die Tuchfühlung zu den Protagonisten, die durch die Enge des Hofs hergestellt wird, ist unglaublich angenehm. Die Nähe erlaubt es dem Zuschauer, die Adern auf Kaminskys Hand zu zählen, sein geschminktes Gesicht in Augenschein zu nehmen. Als Glanzpunkt der beachtlichen Leseleistung des Duos muss die Wutrede Manuel Haders hervorgehoben werden. In aufbrausender und sich überschlagender Art und Weise stimmt dieser den Abgesang auf eine Welt an, die nur auf Funktion und Verwaltung beruht, in der es deshalb nur tote Funktionäre gibt, leere Gesichter. Die Triaden sind die grundlegenden Formulierungen der Unruhe, Bezugs- und Beziehungslosigkeit von C.s Irrgang. Vom Ende des Humanismus ist da die Rede, der bereits durch die Schornsteine von Treblinka, Sobibor und Auschwitz verraucht ist. Der Tod Gottes, das damit verbundene Ende der Theologie und der Theodizee, der Leichenschmaus der Metaphysik wir hier beschrien. Der durch Mark und Bein gehende Vortrag erfasst die Grundfesten einer verfallenen Welt, die hier nie mit Namen genannt wird, die allerdings auf der Grundlage der Geschichte des Autors die DDR sein muss. Und in dieser Unbestimmtheit liegt der Gewinn dieses Textes. Er legt sich fest, in dem er sprechend verschweigt. Das ist große Literatur im Stile Hilbigs.

Kritisch anzumerken ist, dass durch die vielen Stationen und die häufigen Wechsel die Aufmerksamkeit vom Vorgelesenen abgelenkt wird. Mitunter führt das zu einer Desorientierung im Zuhören und zum Verlust des Zusammenhangs. Es scheint unumgänglich, den Text Hilbigs zu kennen, will man nicht, wie C. umherirren und suchen. Und trotzdem entsteht dadurch das Gefühl, was der Text herzustellen scheint. Bei genauer Betrachtung scheint die Darbietung das zu unterstützen, was die Erzählung Hilbigs intendiert: Verwirrung und Suche.

Dieser Leseabend im kleinen Kreis (19 Personen können teilnehmen) ist absolut empfehlenswert. Am Ende der Vorstellung wird der Zuschauer sogar selbst aufgefordert mitzuwirken. Diese surreale limited edition à la Hilbig bietet dem Zuschauer eine Welt, die einem subtilen Alptraum nahe ist, durch den zu gehen, dem zuzuhören, sich lohnt. Kafka schrieb in seinem kurzen Text Eine kaiserliche Botschaft, die der Geschichte C. nicht unähnlich ist: „Niemand dringt hier durch und gar nicht mit der Botschaft eines Toten. – Du aber sitzt an diesem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.“ Durchdringung des Dickichts träumend am Fenster – so könnte man diesen Abend umfassend beschreiben. Die Botschaft kommt an!

Hilbig lesen #2

Leitung: Andrej Kaminsky

Mit: Manuel Harder, Andrej Kaminsky

Special Appearance: Jennifer Ressel

Premiere: 2. Juni 2012, Centraltheater


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