| Drucken09.03.2002 

Hommage à Balanchine: Drei Ballette von George Balanchine, Premiere (Juliette Appold)

09. März 2002, Oper Leipzig:

Leipziger Ballett

Gewandhausorchester Leipzig
Gastdirigent: Claude Schnitzler

Hommage ? Balanchine: Drei Ballette von George Balanchine (Premiere)

Die vier Temperamente

Musik: Paul Hindemith
Einstudierung: Patricia Neary
Tänzer

Apollo

Musik: Igor Stravinsky
Einstudierung: Nanette Glushak
Tänzer

Symphonie in C

Musik: Georges Bizet
Einstudierung: Patricia Neary
Tänzer


Klassisch schön in Tutu-Weiß

Weltweit erreichte George Balanchine (1904?1983) Ruhm als Begründer des Neoklassizismus im Ballett. Zwei früher eng mit ihm verbundene Künstlerinnen, Patricia Neary und Nanette Glushak, studierten mit dem Leipziger Ballett drei Werke ein, die in Erinnerung an den großen Bühnentänzer nun am 9. März ihre Premiere in Leipzig erlebten.

Als sich der Vorhang hebt, sticht zunächst der grell-türkise Hintergrund ins Auge ? man gewöhnt sich im Laufe des Abends aber an ihn. Hindemiths neoklassizistische Komposition, die er eigens für Balanchine komponiert hat, zeichnet sich durch klare und kantige, meist kammermusikalisch klingende Momente aus. Zunächst wird das Thema vorgestellt, dem vier Variationen ? ?Melancholisch?, ?Sanguinisch?, ?Phlegmatisch? und ?Cholerisch? betitelt ? folgen. Der Musik entsprechend bewegen sich auch Tänzerin und Tänzer. Die Kostüme sind unauffällig schwarz-weiß. Der Zuschauer sieht die klassische Posen, und doch sind die Bewegungen leicht kantig, wirken mal traurig-melancholisch, mal überschwenglich und freudig, dann wieder lustlos und zum Schluß wirklich zornig. Zunächst wiegt sich das Paar, schmiegt sich aneinander; mal umtanzt sie ihn, mal umwirbt er sie. Zwar kennt man die Haltungen aus dem klassischen Ballett, doch immer ist etwas an den Bewegungen unerwartet, neu, z. B. werden Pirouetten in leichten Plié-Positionen gedreht.

Insgesamt drei Paare tanzen zur ersten Variation ein Pas-de-deux. Im musikalischen Presto eilt ein weiteres Tänzerpaar auf die Bühne, paßt sich den Klängen von Orchester und Klavier an, scheint überglücklich zu sein. Vor der nächsten Variation ist das Paar miteinander ?verschmolzen?. Er trägt sie vor sich haltend heraus, ihre Beine sind zu vielleicht 110° angehoben. Dieses Bild hinterläßt einen merkwürdigen Eindruck. Im ?phlegmatischen? Teil der Musik tritt zunächst ein Solo-Tänzer auf, dessen Phlegma sowohl durch die Musik als auch durch seine Körpersprache deutlich wird. Von den ausgestreckten Armen fallen die Hände herunter, baumeln unwillig herum. Wie ein lustloser Mensch stolpert er mehrmals und steht auf, dann kommen vier Frauen auf die Bühne. Die dazugehörige Musik erklingt in der Besetzung Streichquartett und Klavier. Der Part des Klaviers korrespondiert dem Solisten, der des Streichquartetts den Tänzerinnen. Doch auch hier finden sich Gesten im Tanz wieder, die aus dem Leben gegriffen scheinen, wie z.B. pessimistische Armbewegungen, die sagen: ?Was will man machen?? Die ?cholerische? Variation beginnt mit souveränen und energischen Bewegungen einer Ballerina, die durch einige leichte Änderungen, meist Verkantungen oder bedeutungsträchtigen Haltungen, Interesse gewinnen. Zum Schluß kehren alle Paare nach und nach auf die Bühne zurück und tanzen ihre Variationen nun gemeinsam.

Nach einer Pause wird Stravinskys Komposition Grundlage für den Tanz. Im Prolog: ?Die Geburt Apollos? ist auf einem hohen, mit einer Treppe verbundenen Podest die Mutter Apollos zu sehen, wie sie sich aus einer verkeilten Haltung heraus streckt und öffnet, ihren Kopf mit dem langen Haar dreht und dreht, bis unter ihr, aus der Podest-Tür, der noch in weiße Tücher gewickelte Apollo geboren wird. Zwei Göttinnen treten hinzu, ziehen nun diese Tücher, die seinen Oberkörper umschlingen, von ihm, indem sie die Tuch-Enden von seinen Schultern nehmen und ihn umtanzen. Apollo kann sich jetzt frei bewegen, ihm wird eine Laute geschenkt. Mit großen kreisenden Armbewegungen bringt er sie zum Klingen (das Lautenspiel wird durch eine Solo-Violine vertreten). Schon kommen die drei Musen, um sich von ihm in der Dichtkunst, der Gebärde und dem Rhythmus unterweisen zu lassen. Die Muse der Dichtkunst (Kalliope) erhält eine Schreibtafel, und mit ihrem Finger zeichnet sie in der Luft die Dichtung nach, wobei ihr Tanz überwiegend klassische Elemente zeigt. Die Muse der Gebärde (Polyhymnia) tanzt ebenfalls zunächst solistisch, einen Finger immer an den Mund haltend. Ebenso ist es mit Terpsichore, der Muse des Rhythmus. Nach den überzeugenden solistischen Tänzen schließen sich die drei Musen zusammen. Apollo führt sie, tanzt mit ihnen, läßt sich von ihnen ziehen. Die Besetzung der Pas-de-deux wechselt. Dabei sind die mal wiegenden, mal hüpfenden Bewegungen in ihrem Einklang schön anzusehen. Man bekommt den Eindruck, als gehören die Musen wirklich zusammen, als würde jede Bewegung einer der Musen die der anderen prägen, beeinflussen. Ihre Gesten verschmelzen miteinander und bilden auch eine Einheit mit Apollo, der sie letztendlich auf den Parnaß (der hier durch das Podest der Geburt dargestellt ist) führt.

Nach einer weiteren Pause tanzte das Ballett zur freudvollen Symphonie in C-Dur von George Bizet. Dabei wurde keine Handlung in diese Musik hineingelegt, sondern die Tänzerinnen und Tänzer bewegten sich der Struktur und Melodik des Werkes entsprechend. So übernahm im ersten Satz das Oboen-Thema eine Ballerina und die Horn-Themen wurden von Männern getanzt. Ein Pas-de-deux, bei dem sich die Ballerina, von ihrem Partner gestützt, von einem Spagat zum nächsten bewegte, wirkte etwas angestrengt; aber selbst das entsprach der musikalischen Gegebenheit.

Das Gewandhausorchester spielte an diesem Abend nicht schlecht, besonders die kammermusikalischen Momente der ersten beiden Werke überzeugten. Im letzten Werk hingegen merkte man sehr wohl, daß an diesem Abend nicht das Auditive, sondern das Visuelle im Vordergrund stehen sollte. Und ?klassisch-schön? bewegten sich auch die Tänzerinnen und Tänzer. Jene trugen ein weißes Tutu und hätten vom Bild her gut in ?Schwanensee? gepaßt. Insgesamt gelang ein ansehnliches Kehraus-Werk, an dem sich das Publikum überaus erfreute. Da störte es auch nicht, daß die Bewegungen in größeren Gruppen nicht hundertprozentig synchron und identisch waren. Schließlich sind wir nicht in Paris oder Moskau. Es gab zu Recht viel und langanhaltenden Applaus, Bravo-Rufe und wohl ausschließlich zufriedene Besucher, die nach dem beglückenden Abend noch zu einem Empfang eingeladen wurden.


(Juliette Appold)

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