Benjamin Brückner | Drucken10.10.2012 

Wer nicht weiß, wohin er geht,
wird nie dort ankommen

Jürgen Zielinski zeigt im Theater der Jungen Welt Parzivals Irrwege auf der unfreiwilligen Suche nach der Weisheit und dem Glück

Zusammengekauert liegt Parzival, eingemummelt in die von Mama gewobene Decke, auf dem kargen Waldboden. Noch vor dem Einschlafen stellt er mit schwächelnder, ins Traumland driftender Stimme, Fragen nach Gott, dem Leben, und leider auch nach dem Rittertum. Dabei haben doch seine dominante Mutter und ihre Diener so sorgsam an einem unsichtbaren Gefängnis für ihr einziges Kind gebastelt. Seitdem Herzeloyde ihren Mann, einen stolzen Ritter, im Kampfe verlor, klammert sie all ihre Hoffnungen und Sehnsüchte an Parzival und versteckt sich im Wald, weit weg von Burgen und Abenteuern. Parzival jedoch, getrieben von seiner jugendlichen Lebenslust und Neugier, hat ganz andere Pläne und trotz des beherzten Kontrollwahns der Frau Mama. Zufällig stößt er bei seinen Streifzügen im Unterholz auf einen Ritter. Beeindruckt von dessen Erscheinung und Auftreten, macht er sich in die Welt hinaus, um Ruhm und Ehre zu erlangen. Doch alles soll ganz anders kommen.

Wolfram von Eschenbachs Romanvorlage aus dem 13. Jahrhundert wird in Human Being Parzival am Theater der jungen Welt brillant adaptiert und interpretiert. In sowohl schillernden als auch schlichten Kostümen schlüpfen die Darsteller spielerisch in verschiedenste, klar abgegrenzte Rollen. Da wandelt sich König Artus schon mal vom zuvor mit rotem Samt behangenen und gekrönten Leidenskönig zum Mönchskutten-tragenden Einsiedler. Das Ensemble harmoniert, die charismatische Mutter, gespielt von Babette Winter, transportiert ihre Gefühle ebenso glaubhaft wie der von Matthias Walter verkörperte Parzival seine Unbeholfenheit und den inneren Wandel vom Tor zum weiseren und auch verzweifelten Ritter.

Zwischendurch lockern geschickt platzierte Witze das Stück auf, etwa wenn Parzivals herrische Mama ihren Zögling auf die Stufen der Publikumstribüne schleift und ihm den erzieherischen Hinweis „Sei still, wir sind hier schließlich im Theater!“ mitgibt. Das ist gewagt, doch gerade dieses Wagnis, sich an diesen bekannten Stoff zu tasten, ihn mit zeitgenössischen Wandlungen wie dem weitgehenden Verzicht auf die klassische Reimform und der geschickte Einsatz der Lichtinstallation zu beleben, macht das Stück so besonders. So wird Parzivals Name gleich einer mystischen Erscheinung auf das vor Trockeneis dampfende Wasserbecken in der Bühnenmitte gestrahlt. Was für die Inszenierung gilt, trifft auch auf den Inhalt zu.

Human Being Parzival scheut sich nicht davor, mehrere große Themen anzuschneiden, begibt sich damit jedoch an den Rand der Überladung. So werden sowohl das Heranwachsen vom Jungen zum Mann, als auch die Suche nach dem menschlichen Glück, Machtmissbrauch, balzbedingtes Kräftemessen und theologische Probleme verarbeitet. Zwar birgt die Originalvorlage denselben Stoff, allerdings gewährt dieser dem Leser in gedruckter Form Zeit zum Verdauen. In Human Being Parzival hingegen geht es Schlag auf Schlag, der am Rand sitzende Musiker malträtiert die Pauke und unterstützt die Gesamtatmosphäre von Wechsel, Unheil, Mystik und Gnadenschlag befördert die Anwesenden in die Stimmung des Mittelalters des 13. Jahrhunderts. Parzival kauert nicht mehr auf dem Boden, er thront als Gralskönig. Er ist angekommen.

Human Being Parzival

von Bernhard Studlar, frei nach Eschenbach und Wagner 

R: Jürgen Zielinski

Mit: Martin Klemm, Clemens Litschko, Sven Reese, Reinhart Reimann, Matthias Walter, Babette Winter, Anna-Lena Zühlke

Premiere: 29. September 2012


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