Marie-Louise Monrad Møller | Drucken01.11.2011 

Selbstfindung auf High Heels

Maria Cabrera Rivero inszeniert „Ich wollte schon immer eine chica Almodóvar sein“ im Lofft

Fotos: Thomas Puschmann

Erotisch, emanzipiert, liebend, mordend, leidend, hassend. Die chicas Almodóvars sind keine leichten Frauenzimmer. Als Protagonistinnen in den Filmen des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar stolzieren sie seit den 1980er Jahren auf ewig hohen Absätzen geradewegs in den Kultstatus hinein. Zuweilen geht etwas Unnahbares von diesen Charakteren aus, auf der Leinwand und im echten Leben.

Nur wenige Schauspielerinnen bekommen tatsächlich die Ehre eine echte chica Almodóvar zu spielen. Eine davon ist zum Beispiel Penelope Cruz. Cruz hat an derselben Schauspielschule studiert wie die Regisseurin der Performance Ich wollte schon immer eine chica Almodóvar sein: Maria Cabrera Rivero. Trotzdem hat Letztere es bisher nicht geschafft in einem Film des spanischen Starregisseurs aufzutreten. Obwohl sie es, dem Titel entnehmbar, doch schon immer wollte. Auch jetzt noch. Aber geht das überhaupt, mit fast 30 und einem Leben in Deutschland? Der Abend soll es zeigen. Hat Maria Cabrera Rivero tatsächlich das Potenzial einer chica Almodóvar oder ist sie die Einzige die sich selbst für geeignet hält? In einer sogenannten „Theaterperformance mit Show-Charakter“ geht die auf Gran Canaria geborene Künstlerin diesen Fragen nach.

Selbst steht sie nicht auf der Bühne des Loffts, dafür sieben Vertreter ihrer Person. Sechs Frauen (alle im bunten Stil der chicas Almodóvars gekleidet) und ein Mann geben in vielen verschiedenen konzipierten Sequenzen Einblicke in das Leben der „MCR“. Durch Monologe, Videos, Trinkspiele und andere, teilweise etwas hektisch auftretende Aktionen entsteht ein schrilles, buntes Geflecht aus Erinnerungen, biographischen Angaben, subjektiven Meinungen und möglicherweise erfundenen Fakten. Auf einer Videoleinwand erscheinen etwa abwechselnd Titel der verschiedenen Almodóvar-Filme, wie zum Beispiel High Heels. Die Schauspielerinnen des Abends tragen allesamt mehr oder weniger exzentrische Absatzschuhe und berichten nacheinander jede für sich über MCR. Zum Beispiel erzählt die blau kostümierte Caroline Rohmer, alias MCR, dass ihr Vater früh an Krebs gestorben ist. So wuchs sie allein unter Frauen auf (typisch Almodóvar?), und schiebt eine auf Männer bezogene Verlustangst auf diesen frühen Schicksalsschlag zurück. Diese Szene ist vielleicht der berührendste Moment des Abends, wenngleich er Gefahr läuft ins Sentimentale abzudriften.

Ein anderes Mal erscheint Alles über meine Mutter auf der Leinwand. Ein Abseits stehendes Telefon wird nun als Requisite herbeigezogen. Es klingelt. Jennifer Demmel, alias MCR, geht ran. Es ist ihre Mutter. An den Almodóvar-Film erinnernde Szenen vermischen sich mit dem Leben MCRs, mit der Performance, mit Jennifer Demmel. Plötzlich setzt diese sich in einen Sessel und erzählt über ihre Mutter. Aber ist hiermit nun die Mutter MCRs gemeint? Hat diese auch in Moskau gelebt?

Dann erzählt auch die urkomische Angelika Waniek von ihrer Mutter und ihren Kindheitserfahrungen. Nun hat sie selber ein Kind und befürchtet, dass dieses ein it-Girl werden will. Während sie dies berichtet, bereitet sie Gazpacho zu das sie anschließend mit mütterlicher Geste den Schauspielern serviert.

Spätestens hier ist die Performance zu einem Verwirrspiel geworden: Haben sich wirklich alle Äußerungen auf MCR bezogen oder auf den Schauspieler oder gar auf das Publikum? Große Identitätsfragen schwirren im Raum. Ist man Rolle, Repräsentation, oder ganz einfach die Person die man schon immer sein wollte? Künstlerisch umgesetzt erreicht die Verwirrung einen Höhepunkt als die Schauspieler in Musikbeiträgen als Playbacksänger auftreten. Der einzige Mann des Abends, Samuel Anthon, tritt in Frauenkleidung vor das Mikrophon und gibt mit weiblicher Körpersprache einen Auftritt zum Besten, der schön und bizarr zugleich ist. Wirklich gelungen ist auch der musikalische Auftritt der Carmen Orschinki. Täuschen echt simuliert sie das Playback, sodass man kurzzeitig meint tatsächlich einer spanischen Diva zuzuhören.

Dennoch geht es vornehmlich stets um Maria Cabrero Rivero. Aus subjektiver Warte geht sie dem Identitätsthema in der von ihr konzipierten Performance nach. Der ständige Wechselbezug zwischen ihrer Biographie und den Filmen Pedro Almodóvars wirkt dabei zeitweise jedoch etwas erzwungen, obwohl MCRs Vergangenheit zweifelsohne nicht unspektakulär ist. Dennoch wirkt die Performance teilweise etwas fad. Der Abend war zwar von Ironie, schrillen Kostümen, engagierten jungen Schauspielern und Humor geprägt, leider herrschte aber auch eine Unübersichtlichkeit, die eigentlich wohl eher kreative Vielfalt signalisieren sollte.

Am Ende wurden die Zuschauer mit der Frage konfrontiert ob MCR, nach allem was man nun über sie wusste, das Zeug für eine echte chica Almodóvar hat. Bei überwiegender Zustimmung werde MCR das auf der Bühne entstandene Filmmaterial zu Pedro Almodóvar schicken, in der Hoffnung den leinwandgroßen Auftritt so endlich zu ergattern, bei Ablehnung würde sie sich ihre eigene Normalität eingestehen. Per Fragebogen wurden anonyme Publikumsmeinungen eingeholt. Die Ergebnisse waren gespalten, viel Applaus gab es trotzdem. Dann kam endlich die echte Maria Cabrera Rivero auf die Bühne und wirkte dabei vor allem eins: Irgendwie einfach zu nett für eine waschechte chica Almodóvar.

Ich wollte schon immer eine chica Almodóvar sein

R: María Cabrera Rivero

Mit: Samuel Anthon, Jennifer Demmel, Lilian Mosquera, Carmen Orschinski, Caroline Rohmer, Johanna Uhle, Angelika Waniek

Premiere: 28. Oktober 2011, Lofft


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