Mandy Schaarschmidt | Drucken17.04.2014 

Der Schatten über den Sehnsüchten

Gut besetzt trotz kleiner Enttäuschung: Igor Strawinskys einzige Oper „The Rake’s Progress“ feiert in Leipzig Premiere

Foto: Tom Schulze

Man muss sich wappnen und auf die Inszenierungen eines Igor Strawinsky einlassen können, um sein Werke zu verstehen und vor allem um sie zu genießen. Der Skandal um die Uraufführung seines Balletts Le sacre du printemps zu Beginn des letzten Jahrhunderts ist bis heute allgegenwärtig. Noch immer ranken sich Legenden von stampfenden, zuckenden Tänzern in folkloristischen Kostümen auf der Bühne, der dissonanten, jeglicher Harmonie entbehrenden Musik und sich prügelnden Zuschauern um diese Aufführung. Wahrscheinlich ist Strawinskys Ruf, einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zu sein, auf seiner Kompromisslosigkeit und der Abkehr von jeglicher herrschenden Konvention begründet.

Doch befindet sich in seinem musikalischen Schaffen ein Werk, das sowohl im klassischen wie auch modernen Gewand daherkommt und in dieser Sparte sein einziges bleiben wird. Es ist die Oper The Rake’s Progress – Die Karriere eines Wüstlings.

The Rake’s Progress ist eine klassische Oper im engsten Sinne, die sich so namhafter Vorbilder wie Don Giovanni oder Cosi fan tutte bedient. Zugleich ist sie „eine Parabel auf die Modernität und den heutigen Zynismus, […] in dem alles an seinem monetären Wert gemessen wird“, wie Regisseur Damiano Michieletto im Programmheft verlauten lässt. Am 5. April feierte sie als Koproduktion mit dem Teatro La Fenice Premiere an der Oper Leipzig.

Das Premierenpublikum wird Zeuge der Geschichte um den jungen Tom Rakewell. Er hängt im heimischen Garten seinen Sehnsüchten nach Erfolg und Reichtum unter strikter Vermeidung harter Arbeit nach. Je mehr er sich in diese Vorstellung hineinsteigert, desto mehr legt sich ein Schatten auf die Vorstadtidylle mit dem grünen Rasen, der glücklichen und ein Barbecue vorbereitenden Verlobten und dem an seinem Schwiegersohn in spe zweifelnden Vater der Braut. So tritt – ungeniert und auf seinen Vorteil bedacht – Nick Shadow in das Leben von Tom Rakewell. Durch teuflische Manipulation entwindet er Ann Trulove ihren Verlobten und lässt ihn in Londons Unterwelt die sieben Todsünden durchleben. In Aussicht auf Toms Seele erfüllt Nick Shadow ihm alle fleischlichen, materiellen und auch ideellen Wünsche, nur um ihn am Ende um seinen Erfolg und sein Geld zu betrügen und sich seiner Seele zu bemächtigen. Nach Orgien und gebrochenen (Treue)Versprechen, nach Betrug und finanziellem Verlust steht Tom Rakewell ein finales Kartenspiel gegen Nick Shadow bevor. Der Einsatz ist natürlich seine Seele.

Foto: Tom Schulze

Die Szenerie setzt sich aus drei Bühnenbildern zusammen, die von Paolo Fantin sowohl schlicht als auch bunt und dennoch mit einer gewissen Schäbigkeit inszeniert werden. Einmal zeigt es die perfekte Vorstadtidylle mit immergrünem Rasen, dampfendem Grill, treusorgender und verliebter Verlobten und dem grummelndem Schwiegervater in spe. Danach erscheint Londons Unterwelt als buntes, orgiastisches Treiben, das einem alle Wünsche zu erfüllen scheint und indem die Todsünden einen als verheißungsvolle Neonreklame stets begleiten. Der Swimming Pool des Erfolges ist gefüllt mit Goldmünzen bis an den Rand, so dass der Reichtum nicht zu übersehen ist. Als letztes Bühnenbild zeigt sich das Irrenhaus als verdrecktes, keine Hoffnung zulassendes, die Niederlage vor Augen führendes Schlammloch, aus dem man sich nicht befreien kann.

Nicht nur die handelnden Figuren besitzen sprechende Namen, auch deren Kostüme zeigen eindeutig den Charakter der handelnden Personen. Die Kleidung, entworfen von Carla Teti, unterstreicht ihre jeweiligen Persönlichkeiten: Ann Trulove ist die treusorgende, spießige, betrogene Verlobte, die in ihrem Glauben an die Rechtschaffenheit und Liebe ihres Verlobten im Hausfrauenoutfit mit gedeckten Farben so unscheinbar wie unbeirrbar daherkommt. Baba the Turk erscheint als dauerkeifende, dauermampfende, schrille und dennoch aufrichtige Nebenbuhlerin, die weiß wer Teufel und wer Mensch ist und in pinkem Schlauchkleid nicht zu übersehen ist. Nick Shadow, seinem Namen alle Ehre machend in schwarzem Anzug und langen dunklen Haaren, manifestiert sich so verlockend wie verstörend in seiner allgegenwärtigen Präsenz. Als Letztes Tom Rakewell, welcher alles an- beziehungsweise auszieht, was man ihm vor die Nase hält.

Foto: Kirsten Nijhof

Es ist eine Oper in drei Akten, perfekt musikalisch begleitet von den Musikern des Gewandhausorchesters unter der Leitung des stellvertretenden Generalmusikdirektors der Oper Leipzig, Anthony Bramall. Gesungen wird in englischer Sprache, übertitelt mit der deutschen Übersetzung.

Die Solisten und der Chor sind an diesem Abend durchweg gut besetzt und haben sichtlich Spaß an ihren Darbietungen. Marika Schönberg als Ann Trulove wird schon von Beginn an mit begeistertem Applaus bedacht, als ihr Sopran die hingebungsvolle Liebe aber auch die Verzweiflung ihrer Figur widerspiegelt. Karin Lovelius (Baba the Turk – Mezzosopran) und Tuomas Pursio alias Nick Shadow (Bariton) zeigen wie auch in der Oper ihre jeweiligen Charakter vielschichtig und mit den positiven wie negativen Seiten ihrer Persönlichkeit dargestellt werden können. Nur Norman Reinhardt ist eine kleine Enttäuschung. Sein Tom Rakewell als zweifelnder und leicht zu beeinflussender Gegenpart zu Nick Shadow ist nur im letzten Akt stimmlich einigermaßen präsent. Ansonsten verausgabt sich der Tenor gegen ein ambitioniert aufspielendes Orchester und seine hervorragenden Mitstreiter.

Der Chor ist gut aufeinander abgestimmt und sowohl in der Bordell- als auch der Irrenanstaltszene eine schöne Bereicherung des Repertoires. Er unterstützt die Solisten, wo er kann und zeigt auch eine ungemeine Spielfreude.

Am Ende der Aufführung sagte ein Zuschauer, dass Oper dann erfolgreich sei, wenn sie das Publikum erreiche. Das scheint der Oper Leipzig mit The Rake’s Progress an diesem Abend gelungen zu sein, denn das Publikum dankte dem Ensemble mit minutenlangem Applaus und Bravorufen.

The Rake's Progress (Die Karriere eines Wüstlings)

Musikalische Leitung: Anthony Bramall

Inszenierung: Damiano Michieletto

Koproduktion mit dem Uraufführungstheater des Werkes, dem Teatro La Fenice, Venedig

Oper Leipzig; Premiere: 5. April 2014

Interview mit Regisseur Damiano Michieletto

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