| Drucken29.12.2003 

Im Berlioz-Jahr: „Die Trojaner” in Leipzig (Marcus Erb-Szymanski)

Oper Leipzig, Repertoire

Die Trojaner
Große Oper in fünf Akten, Libretto vom Komponisten nach Vergils ?Aeneis?
(Premiere am 29.11.2003)

Musikalische Leitung: Marc Albrecht
Inszenierung: Guy Joosten
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Jorge Jara
Lichtdesign: Davy Cunnigham
Choreographie: Andrew George
Choreinstudierung: Anton Tremmel

Gewandhausorchester

Hauptdarsteller:

Énée: Robert Chafin
Chor?be: Tommi Hakala
Panthée: Ain Anger
Narbal: James Moellenhoff
Iopas: Riccardo Botta
Ascagne: Marika Schönberg
Cassandre: Nadja Michael
Didon: Cornelia Helfricht
Anna: Elodie Mechain

Fotos: Andreas Birkigt
Bild 1: Nadja Michael als Kassandra
Bild 2: Szene im ?Amphitheater?
Bild 3: Schiff vor Karthago (Dido und ihre Schwester Anna)
Bild 4: Cornelia Helfricht und Robert Chafin


Das Leben könnte so schön sein?

Das Leben könnte so schön sein, würden die Götter nicht immer alles verderben. Weit entfernt von Heldenmoral und Götterehrfurcht hat Berlioz aus Vergils ?Aeneis? eine Tragödie der menschlichen Leidenschaften gemacht, die geradewegs in die Verdammnis zu führen scheint. Hass und Verderben sind schließlich das Ergebnis des ausweglosen Kampfes der menschlichen Gefühlswelt gegen die kalte Kalkulation göttlicher Vorsehung. So jedenfalls könnte man die Leipziger Inszenierung der ?Trojaner? lesen, in der Guy Joosten eine streitbare, aber rundum geschlossene und konzeptionell durchdachte Interpretation des sperrigen Werks anbietet.

Dabei geht der Zuschauer auf ein Zeitreise in ? grob betrachtet ? drei Etappen, in denen er das an sich fünfaktige Stück durchlebt. Der erste Teil spielt im antiken Amphitheater, der Chor sitzt auf den Rängen und betrachtet das Geschehen, wobei sich auch das wirkliche Publikum beobachtet fühlt und sich fragen muss, welches Spiel denn hier gespielt wird. Zumal nicht die Protagonisten, die im Zentrum des Halbrunds agieren, sondern die Chormitglieder Masken tragen. Dafür bewegen sich die Trojaner auf unhandlichen Plateauschuhen, ohne deshalb eine besondere Weitsicht zu besitzen, von Kassandra mal abgesehen. Diese zeigt sich fast schon mondän in ihrem Auftreten und ihrem Outfit, das so wenig passt zu ihrem vergeblichen Kampf gegen die Dummheit des Trostes, mit der sie ihr Verlobter Chorebus zu beschwichtigen sucht. Es ist dieselbe Dummheit, aufgrund derer all seine Landsmänner an die göttliche Vorsehung glauben und nicht einsehen wollen, dass sich diese längst gegen Troja gerichtet hat. Wunderbar an diesem ersten Abschnitt ist die Umsetzung der gladiatorenhaften Balletteinlage in eine Wrestling-Choreographie, die in ihrer stilisierten Pantomime ein schönes Exempel moderner Tanzkunst statuiert. Ansonsten muss man vielleicht nicht jedes Detail verstehen, zumal die Musik einfach großartig ist und auch die sängerischen Leistungen beachtlich. Vor allem Nadja Michael als Kassandra sang sich mit ihrer leidenschaftlichen Art in die Herzen der Zuschauer und wurde zum eigentlichen Star des Premieren-Abends.

Im zweiten Abschnitt glaubt man sich ins Paradies versetzt, ein Paradies allerdings, das mit den Augen von Hieronymus Bosch betrachtet wird. Eine friedliche, wenn auch skurrile Welt öffnet sich vor dem Publikum. Seltsame, aber offensichtlich harmlose Gestalten, die den Bildern Boschs entsprungen zu sein scheinen, bevölkern die Bühne. Die Arche Noah liegt vor der Tür am Strand und den Baum der Erkenntnis hat sie auch gleich an Bord. Guy Joosten hat es mal wieder mit den Anspielungen, aber sie wirken nicht aufdringlich und fügen sich unauffällig ins Geschehen ein. Und manche sind auch wirklich originell, etwa wenn der Apfel vom Baum der Erkenntnis zugleich der Apfel des Paris ist und wenn Helenas Schleier zum Segel wird, das das Schiff der Trojaner bewegt. Andererseits gibt es wieder Details, die man weder verstehen kann noch möchte, wie das Sandmännchenmützchen, mit dem Didos Schwester Anna unterwegs ist.

Prinzipiell jedoch überzeugt die Idee, aus Didos Karthago ein Arkadien zu machen, in dem Äneas den Frieden seines Herzens findet. So wird auch die Berliozsche Dramaturgie konsistent. Denn es ist nicht Äneas selbst, sondern es sind die Götter, die ihn aufscheuchen und zwingen, seine Leidenschaft zu Dido zu verleugnen und sich seiner höheren Aufgaben zu erinnern. Endstation Italien in einer französischen Oper (in der Leipziger Inszenierung wird dies durch ein Bahnhofsschild angezeigt). Für Berlioz ist dies kein Happy End. Verachtung und Hass hinterlassen die Trojaner im friedlichen Karthago, weil sie den die menschlichen Gefühle außer Acht lassenden Plänen der Götter gehorchen. Damit wird nach Troja Karthago die nächste Stadt, die dem Untergang geweiht ist, so jedenfalls prophezeit es Dido in ihrer Todesstunde. Doch daneben weiß die Inszenierung auch geschickt ironische Momente in die aufgewühlte Atmosphäre einzustreuen, so die herrlichen Gesangseinlagen Riccardo Bottas als nervenden Hofdichters.

Überhaupt ist auch in diesem Teil die Musik wieder hinreißend. Über die ungehemmte Leidenschaft hinaus (man erkennt das Gewandhausorchester kaum wieder), berühren geheimnisvolle und unruhige Passagen. Marc Albrecht am Pult handhabt den Klangkörper virtuos. Von feurigem Leuchten bis hin zu schroffen Ecken und Kanten oder auch trübem und beängstigendem Pulsieren zieht er alle Register orchestraler Musizierkunst. Und mit den Duetten von Dido und Äneas erreicht das zweite Drittel auch sängerisch seine Höhepunkte.

Mit dem letzten Abschnitt kommt die Inszenierung in der Gegenwart an. Nun müssen Äneas' plötzlich uniformierte Milizen mit dem Planwagen übers Meer. Aber selbst das würde man noch hinnehmen als Zuschauer, um der eigenwilligen Sicht auf das Werk zu folgen (das neben den verschiedenen historischen Stationen auch verschiedene Theaterkonzeptionen vorstellt), wenn nicht unnötig alberne Einfälle alles in Frage stellen würden (Zeus hoppelt mit einer Armbanduhr über die Bühne, um Äneas zu zeigen, dass es fünf vor zwölf ist). Ein wenig Zeitkritik wird natürlich auch mit eingemischt, wenn Dido ihren Tod als Medienereignis inszeniert. Aber am Ende glaubt man ihr wirklich, was auch Darstellerin Cornelia Helfricht zu verdanken ist, dass sie im Feuer der Leidenschaften verbrennt.

Und wenn am Ende der Chor noch einmal sein Können eindrucksvoll demonstriert und das Stück in Verwünschungen untergehen lässt, dann nimmt man kleinere Mängel der Inszenierung gern in Kauf. In musikalischer Hinsicht ist diese Oper, als Komposition wie auch in dieser Qualität ihrer Aufführung, ein Gewinn fürs Leben. Und Guy Joosten hat im Berlioz-Jahr eine Inszenierung vorgelegt, der es gelingt, eine in sich geschlossene Geschichte zu erzählen, die originell in Szene gesetzt wird und zudem genug Raum für eigene Interpretationen des Zuschauers lässt.

(Marcus Erb-Szymanski)

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