Mascha Golda | Drucken29.11.2013 

Herrn Zielinskis Gespür für Schnee

Keine Weihnachts-, aber eine Winterpremiere: „In einer Winternacht“ am Theater der Jungen Welt

Fotos: Tom Schulze

Auch wenn allerlei weihnachtlich anmutende Süßwaren schon seit Wochen die Regale etlicher Supermarktketten füllen, die Kaufhäuser festlich geschmückt sind und uns seit Ende September schon Weihnachtsmänner aus blank geputzten Fensterscheiben entgegen blinzeln, feierte das Theater der Jungen Welt „erst“ am Sonntag den 17. November 2013 die Premiere ihrer selbsternannten Weihnachtsinszenierung In einer Winternacht des englischen Autors Charles Way (One snowy night) unter Regie des Intendanten Jürgen Zielinski.

Warum schreibt ein Engländer über eine isländische Winternacht? Ganz einfach: Er hat sich von seinem isländischen Kollegen und Nobelpreisträger Halldór Laxness und dessen Roman Sein eigener Herr inspirieren lassen. Wer bei In einer Winternacht Maria, Josef und das Krippenkind erwartet liegt gar nicht so auf dem Holzweg. Die Hütte in der der kleine Nonni (Kevin Körber) und seine Familie irgendwo im Nirgendwo von Island wohnen, erinnert ein bisschen an die Scheune, in der das Jesuskind umgeben von Ochs und Esel geboren sein soll. Auch der Nachwuchs kommt in dieser Geschichte nicht zu kurz: Nonnis Eltern, Vater Bjartur (Matthias Walter), der von seiner Frau liebevoll als Felsbrocken bezeichnet wird, und Mutter Rosa (Anna-Lena Zühlke), erwarten ein zweites Kind und wollen noch vor der Niederkunft bei einem Arzt im nächsten, weit entfernten Dorf, ankommen. Allerdings gibt es ein Problem: Wer passt auf das Schaf Gullbra (Dominique Ehlert) auf? Allen mütterlichen Bedenken zum Trotz und allem Gejammer Nonnis, Vater Bjartur bleibt hart: Der Junge muss lernen Verantwortung zu übernehmen und bleibt zu Hause. Ihm zur Seite steht die ebenso wenig davon erfreute Hirtenhündin Titla (Katja Göhler).

Trolle finden: Auf der Suche nach dem Schaf

Da sitzen sie nun die drei: Junge, Hund und Schaf und können oder wollen einander nicht verstehen. Aber nach einer stürmischen, verschneiten Winternacht müssen Nonni und Titla feststellen, dass sie nur noch zu zweit sind. Sie machen sich auf den Weg, um das Lieblingsschaf des Vaters und die gemeinsame Lebensgrundlage der Familie, zurück zu holen. Im Gepäck: Haferkekse und trockener Fisch. Der Weg ist lang und nicht ungefährlich. Zum Glück treffen sie auf einen steppenden Hirsch, dessen Sprache sie offenbar völlig problemlos verstehen. Bestochen mit Keksen, hilft er ihnen und entdeckt eindeutige Spuren des Schafes im frischen Schnee.

Suchen heißt auf isländisch sækja und so dicht wie das a und das e in diesem Wort stehen, müssen Nonni und seine Gefährtin Titla rücken, denn es wird nicht nur einmal brenzlig auf der Suche nach dem entlaufenen Schaf. Obwohl der sechsjährige Nonni durchaus eine ausgeprägt Phantasie zu haben scheint – er führt Dialoge mit einem Kochtopf und einem Holzlöffel – hat er es seiner Mutter Rosa nie so recht glauben wollen, aber die Suche entlang des Eisflusses und in den Bergen belehrt ihn eines besseren: Es gibt sie, die Trolle. Eistroll und Feuertroll, zwei Brüder, die aufgrund ihrer gegensätzlichen Eigenschaften nie so recht zueinander finden. Nonni erhofft sich Hilfe von beiden, die es aber mit der Nächstenliebe offenbar nicht allzu genau nehmen. Es kommt zum Kampf zwischen Feuer und Eis. Zwischendrin der kleine Nonni.

Hochästhetisch und ein bisschen unterkühlt

Im Spielzeitheft 2013/14 äußert sich Jörn Kalbitz, der geschäftsführende Dramaturg des Theaters zum Suchen und Finden des Weihnachtsstückes: „Kein Grimm, kein Andersen, keine Lindgren, sondern etwas Neues.“ „Märchenhaft“ darf es schon sein und einen „sehr hohen ästhetischen Anspruch“ haben. Was den ästhetischen Anspruch betrifft, so darf man die Inszenierung als durchaus gelungen ansehen.

Was allerdings fehlt, ist das, was man vielleicht durchaus als „lindgrensch“ bezeichnen könnte: Wärme und Emotionalität. Island ist nicht nur kalt, sondern hat durchaus auch seine warmen Seiten. Es ist natürlich fraglich, ob zu viel Wärme in diesem Stück Platz hat, es ist aber das, worauf man hofft. Die Figuren, die Kälte, die Emotionen – vieles bleibt ein wenig fragmentarisch und eben kühl. Diese Vielfalt, die etwa eine Schneeflocke bei nahen Betrachten hat, fehlt. Es bleibt ein Blick in die glatte, weiße Weite. Mal abgesehen von den wenigen Momenten, in denen die Stimme der Mutter das wunderschöne Lied über Feuer und Eis singt. Dieses bezaubernde Lied hätte noch ein paar mal mehr Platz gehabt, vor allen in den Momenten, in denen Nonni Angst hat, die man ja aber nicht so recht spürt.

Regisseur Zielinski greift durchaus „archetypische Gegensätze wie Mensch und Tier, die eisige Einsamkeit Islands und die Wärme des trauten Heimes Nonnis, Tag und Nacht“, wie die Gegensätze Feuer und Eis auf, allerdings bleiben die thematisch angekündigten Themen „Wärme, Nähe und Hoffnung“ auf seltsame, fast mystische Art und Weise unangetastet. Berührung und große Gefühle im Spiel werden in der Inszenierung kaum sichtbar.

Spaßmacher: Hirsch und Eistroll

Man sagt ja manches Mal: Wie das Land, so die Leute. Sollte es das Anliegen des Regisseurs Jürgen Zielinskis gewesen sein, die Rauheit, Kühle und Kargheit, die uns Europäern vorschwebt, wenn wir an Island denken, auch im Spiel und in der Inszenierung einzubetten, so ist ihm das gelungen. Das Stück bleibt sich bis zum Schluss treu. Es ist – wie angekündigt – ein Weihnachtsstück der besonderen Art. Man kennt diese Kühle auch aus manchen Andersen Kunstmärchen, wie etwa „Die Schneekönigin“ und es lässt sich vermuten, dass es sich mit der Inszenierung so verhält wie mit Andersens Märchen: Die einen lieben sie, die anderen bleiben lieber bei den Grimmschen Klassikern.

Im Theater soll natürlich nicht nur um Spaß gehen, aber eben auch. Und den hatten die Kinder vor allem an Hirsch und Eistroll, gespielt von Matthias Walter und Anna-Lena Zühlke als Feuertroll. Auch die freche, aber verlässliche Hündin Titla verkörpert von Katja Göhler, sorgte für heitere Momente. Das Schaf Gullbra, dargestellt vom Live-Percussionisten Dominique Ehlert, kommt ein bisschen wie eine Comicfigur daher, wie ein Zeichen. Da taucht es auf, dort verschwindet es. Es ist mehr Funktion als Charakter. Vielleicht liegt es daran, dass es keiner versteht, weder Nonni noch Hund Titla? Läuft es deswegen weg? Die Rollen der Mutter, des Vaters und auch Nonni selbst blieben in ihren Ansätzen stecken. Auch wenn Vater Bjartur als der eigentliche Felsbrocken der Familie gilt, auch die Figuren der anderen Familienmitglieder bleiben etwas holschnitzartig. Grobe Charakterzüge sind erkennbar.

Zähmen und gezähmt werden

Dass Kinder allein gelassen werden, ist seit Hänsel und Gretel kaum noch etwas, woran man in Märchen Anstoß nimmt. Trotzdem mag es einem etwas befremdlich vorkommen, dass die Eltern einen so kleinen Jungen allein zurücklassen, in dieser großen wilden Weite. Aber andere Lebensbedingungen erfordern eben andere Maßnahmen, die man im eigenen Lande , in der eigenen Kultur schwer versteht. Man mag sich ein wenig stören, an dem müssen das dahinter liegt, welches Nonnis Vater dem Jungen auferlegt. Verantwortung übernehmen müssen, um den Stolz und die Liebe des Vaters zu erlangen? Dies klingt irgendwie befremdlich, kühl. Eine Thematik, an der viele Fragen hängen und der man sich als Erwachsener durchaus im Hinblick auf den Inhalt des Stückes, aber auch die eigenen Erfahrungen, stellen kann.

Vielleicht geht es weniger darum, Verantwortung übernehmen zu müssen, sondern vielmehr darum, es zu wollen. Und zwar auf beiden Seiten: Kind und Eltern. Um die Thematik gebraucht zu werden; um die Erkenntnis und die Erfahrung, dass man wichtig ist, auf seine Art und Weise; um Gemeinschaft, mag sie noch so klein sein; um Abhängigkeit zwischen Mensch und Tier, eine positive Abhängigkeit, die unser Leben bereichert; um das zähmen und gezähmt werden.

In einer Winternacht ist ein Gesamtkonzept, ein Stück in schönen ästhetischen Bildern, athmosphärischer Musik und wunderbaren Lichtstimmungen, die im sporadischen Bühnenbild eine zauberhafte Wirkung erzielen. Auch wenn es seine Ecken und Kanten hat, „die man braucht, wenn man in solcher einer Landschaft“ lebt, lohnt es sich hinzugehen. Es nimmt uns mit. Heraus aus übertriebenem Weihnachtstrubel, Einkaufen und Geschenkemanie, fernab von „Jingle bells“ und Hektik. Es bringt uns auf die Fährte, wie ein Winter in der rauen Eislandschaft Islands, das unserem Land so gegensätzlich ist, im Leben eines kleinen Jungen aussehen könnte. Es könnte ein Anliegen sein, von dieser Aufgeräumtheit des Stückes, etwas mit hinaus zu nehmen, in das Chaos der Vorweihnachtszeit.

Vielleicht wird der Wunsch nach ein wenig mehr Gefühl auf der Figurenebene, in einer nächsten Geschichte, die in einem anderen Land spielt, in einer anderen Winternacht erfüllt.

In einer Winternacht

Regie: Jürgen Zielinski

Besetzung: Dominique Ehlert, Katja Göhler, Kevin Körber, Matthias Walter, Anna-Lena Zühlke

Premiere: 17. November 2013, Theater der Jungen Welt


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