Athanasia Theel | Drucken16.05.2013 

Gefangen im System

„In Money We Trust“, eine Eigenproduktion des Spinnwerks, zeigt den Menschen als Gefangenen seiner Arbeit

Fotos: Mathilde Lehmann

Der Langhorn-Clemens Deal rückt immer näher und der Chef einer großen Firma hat dafür zu sorgen, dass alles in die rechten Bahnen läuft. Auf dieser Grundlage zeigen die Darsteller des Spinnwerks im Stück In Money We Trust das Spiel im System eines Konzerns. Der Leistungsdruck, die Erwartungshaltung und immer wieder das Weitermachen, auch wenn der Einzelne bereits am Ende seiner Kräfte angekommen zu sein scheint.

Das Stück beginnt mit einer längeren Anfangssequenz, wobei drei auf dem Boden liegende Darsteller von zwei Männern im Anzug in immer schneller werdenden Bahnen umkreist werden. Diese fallen zu Boden, als sie nicht mehr weiter laufen können. Sie werden bis auf die Unterwäsche entkleidet, an den Seitenrändern der Bühne auf je zwei schwarze Kästen gesetzt, wo sie bleiben und für den Rest des Stückes die neuen Szenen einleiten mit den Worten: „weiter, weiter, weiter“.

Die übrigen Mitarbeiter bewegen sich dementsprechend weiter auf den Bahnen, doch zunächst lädt Chef Viktor zu einem Spieleabend bei sich zu Hause ein. Im Laufe des Abends zeigt sich die Gradwanderung zwischen geschäftlicher Distanz und dem Bedürfnis nach einem persönlichen Verhältnis. Bereits der Anlass des Abends wird vom Chef als eine geeignete Gelegenheit zur Stärkung des Teamgeistes deklariert. Zudem können sich die Gesprächspartner nicht einigen, ob eine förmliche Anrede mit dem Nachnamen oder doch eher die Verwendung des Vornamens den geeigneten Umgang darstellt. Jeder der drei angestellten Gäste von Marc, Connie bis zu Thorsten versucht sich in ein besseres Licht zu rücken. Dabei stellt sich im Laufe der Handlung die negative Position von Thorsten Schwarz heraus.

Chef Viktor weiß, dass er im Bezug auf Thorsten handeln muss, zum Wohle der Firma. In beeindruckender Weise zeigt der Darsteller Michel Kopmann, wie der Chef unter einem stetig wachsenden Druck steht. Zwischen dem Mitgefühl für einen Freund und dem Leistungsdruck des Systems, versucht er die Kontrolle zu behalten. Immer wieder bestellt er Schwarz in sein Büro, redet auf ihn ein und versucht, eine Kündigung zu vermeiden, indem er Thorstens Effektivität verbessern will. Dabei schafft es Johannes Groß, ein überzeugendes Bild des verunsicherten, naiven und nach Freunden suchenden Thorsten Schwarz darzustellen.

Die Anforderungen des Systems werden nicht nur im Wege der Interaktion zwischen Chef und Angestellten deutlich, sondern auch durch den Einsatz verschiedener Requisiten sowie der Platzierung der Darsteller im Spiel. So stehen im hinteren Bühnenbereich drei Akteure, die erst im Laufe der Handlung näher in das Zentrum des Geschehens rücken. Zunächst scheint es, als würden sie Viktor lediglich Ratschläge erteilen und die Aufgaben an die Angestellten weiterleiten, indem sie eine stetig größere Menge an Papier zum Bearbeiten in die Mitte des Bühnenbodens werfen. Allerdings verschiebt sich das Machtverhältnis zunehmend und sie sind diejenigen, welche den späteren Niedergang des Chefs besiegeln. Zuvor versuchen Connie, Marc und der schwächelnde Schwarz, den Wust aus Papier zu beseitigen. Dabei entsteht der nachdenklich machende Eindruck, dass sie mit einer Aufgabe betraut sind, die niemals enden wird, und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines solchen Lebens für eine Firma drängt sich auf. Die Hierarchie des Unternehmens zeigt sich, in dem Viktor stets mit einem großen schwarzen Schreibtischstuhl auf der Bühne in Aktion zu sehen ist, wohingegen die drei Angestellten auf niedrigeren roten Stühlen ihre Platzierung haben. Diese Idee bietet interessante Umsetzungsmöglichkeiten, insbesondere als Viktor das Vertrauen zu sich selbst verliert, der Langhorn-Clemens Deal zu einer unlösbaren Aufgabe für ihn zu werden scheint und die Frage nach dem Sinn hinter solch einem Leben immer stärker wird. Am Ende ist es Marc, der es auf den großen schwarzen Schreibtischstuhl geschafft hat. Viktor wird zu einem Opfer des Systems.

Es ist ein Abend, der wie eine Warnung wirkt, vor einem Leben mit niemals endender Arbeit. Durch ein von Menschen geschaffenes Regelwerk, welches permanent aussortiert und keine Schwäche zulässt. So haben die inhaltliche Umsetzung und auch die kraftvolle, überzeugende Spielweise der Darsteller einen einprägsamen Eindruck hinterlassen.

In Money We Trust

Regie: Veronika Schlereth
Dramaturgie: Philipp Hartmann
Kostüme: Meike Müller
Mitarbeit: Frederik Rauscher, Philipp Amelungsen
Darsteller: Saskia Bille, Steven Böhm, Jan Fischer, Johannes Groß, Tim Kahn, Michel Kopmann, Tom Lux, Eva Maas, Johannes Wünsch

Premiere 10. Mai 2013


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