Sebastian Göschel | Drucken30.03.2011 

Die Mühen der Schwellenüberschreitung

Von der durchwachsenen „InterShop“-Premiere an der Oper Leipzig

Szene aus Alex Ketleys "Arena" (Fotos: Andreas Birkigt)

Eine Opernpremiere im Jahre 2011 kann nicht wie ein Intershop anno 1989 riechen. Jenes exklusive Olfaktorium aus Jacobs, Nivea und Milka ist eine historisch bedingte Sinnlichkeit und damit objektiv verloren, nur als Erinnerung noch habhaft. Der Intershop war das Schaufenster zu einer anderen Welt, die Enklave des westlichen Warenkapitalismus in sozialistischer Planwirtschaft. Eintrittskarte war die harte D-Mark, aber auch die ist längst vergangen. Die Premiere von InterShop am Freitag in der Oper Leipzig roch eher nach einer guten Idee in mäßiger Umsetzung mit unausgereiftem Konzept. Die Valuta war eine große Portion Geduld und Nachsehen. Die Metapher Intershop derart zu strapazieren ist übrigens nicht Idee des Kritikers, sondern des Leipziger Ballettchefs Mario Schröder, der im Intershop „eine Welt innerhalb einer anderen“ sieht. Die weitere Dimension der Metapher – also ökonomische und gesellschaftliche Beschwichtigung – rasiert Schröder. Es wird nicht ersichtlich, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Einigen wir uns darauf, dass der Name InterShop, gedruckt auf eine Weltkarte, ein durchaus lässiger Titel für eine Tanzreihe ist.

Dabei lädt die Oper Leipzig internationale Choreographen ein, mit der hiesigen Company zu arbeiten. In diesem Fall den Italiener Mauro Astolfi (Kopf der römischen Spellbound Dance Company) und den Amerikaner Alex Ketley (leitet The Foundry in San Fransisco). Das Scharnier bildete Mario Schröder selbst. Was die drei verbindet oder inwiefern sie sich auf ein Konzept beziehen wird nicht ersichtlich und auch das kryptische (und uneingelöste) Versprechen, die Choreographen beschäftigten sich „auf besondere Weise mit ihren kulturellen Hintergründen und künstlerischen Wurzeln“ konnte diesen Riss nicht kitten.

Szene aus Mauro Astolfis "Hold me in this Storm"

Aber der Reihe nach: Zuerst Astolfis „Hold me in this storm“. Zwischen diversen Möbelstücken regen und bewegen sich Tänzer – immer antipodisch einander zugewandt, permanent im Formationswechsel. Seltsam spröde sind die Bewegungen, technisch sehr sauber, athletisch sowieso. Aber Ausstrahlung und sinnliche Präsenz will einfach nicht aufkommen. Astolfis aufs Formale angelegter Stil ist nur kühl und die vielgepriesene Mischung zeitgenössischer Bewegungsstile erschöpft sich in der Brechung der Ballettbewegungen. Vielversprechende Ansätze, die erahnen lassen, warum er international gesucht und gebucht ist, sind aber da. Etwa wenn an einem riesigen Tisch ein Abendmahl angetanzt wird. Die Tänzerinnen knien davor, beginnen die Platte zu bespielen – hier wäre z.B. ein Übergang zur Body Percussion möglich. Aber es wird abgebrochen, um die Szene humorfrei ausfransen zu lassen. Das Abschlussbild bietet dann endlich ein wenig Witz im bleiernen Dünkel. Zwei gegeneinander im 45-Grad-Winkel aufgestellte Betten werden zur Tanzfläche. Die seltsame Perspektivenverschiebung öffnet den Blick für das Fremde im Vertrauten. In einer quasi Draufsicht wird der nächtliche Abgrund zwischen Lust und Grauen gezeigt und auch endlich Ballettkonventionen über Bord geworfen. Astolfi beachtet nun auch die besondere Bühnensituation: Das Publikum sitzt sich auf der Drehscheibe gegenüber, das Geschehen in der Mitte ist von beiden Seiten einzusehen. Was die Anderen erkennen, ist nur von Ihren Gesichtern abzulesen. Jeder sieht sein Stück Wirklichkeit.

Schröders anschließende Inszenierung „Pour un clin d’œil“ macht diese Bühnensituation zum Prinzip. Zwei Paare tanzen spiegelbildlich verkehrt jeweils vor einer Publikumsreihe. Und wie sie tanzen! Schröder hat das Format am besten ausgereizt. In nur 15 Minuten geben seine Tänzer alles – begegnen, abstoßen, lieben, hassen, Freude, Trauer – bewegungstechnisch vielfältig adaptiert, wenngleich immer mit Druck. Die absolute Power der Tänzer, von der ersten bis zur letzten Sekunde, kann konsequent nur in der kleinen Form umgesetzt werden. Nie ist man so nah dran an den Tänzern – emotional wie lokal. Man spürt die Kraft, die Schweißtropfen und Extremitäten der statuenschönen Akteure fliegen einem um die Ohren. Freilich ist da wenig Tiefgang; vor allem Energie, kaum Zaudern; klare Symbolik, kaum Subtilität. Schröder hat eine klare Entscheidung getroffen und die funktioniert. Bis hin zur Absage ans Ballett, wenn die Tänzerinnen ihre Spitzenschuhe auf den Tanzteppich knallen und von nun an barfuss tanzen. Hier kann man auf kleinstem intellektuellen Raum ein wenig Tanzgeschichte verstehen.

Szene aus Mario Schröders Pour "un clin d’œil"

Den Abschluss bildete Ketleys „Arena“. Das Publikum war nach einer Stunde geballtem Tanz einigermaßen angestrengt und Ketley tat wenig, um dem entgegenzuwirken. Der Fokus der Inszenierung lag auf dem Raum. Immer blieben alle Tänzer auf der Bühne, bildeten wahlweise den Rahmen oder die Struktur, wurden im Freeze selbst zu Objekten und Requisiten für die sich hindurchbewegenden Tänzer. Die Choreographie war konzeptionell als Aneinanderreihung von Aufstellungen zu klassischer Musik durchaus spannend, die Bewegungen allerdings kahl und herkömmlich. Ein theoretisches Stück, indem das eine oder andere Duo verzittert wurde und sich kaum Emotionen einstellten. Aber auch Ketley ließ in Ansätzen aufblitzen weshalb sein Tanz so spannend ist. Etwa wenn er Anleihen bei Alltagsbewegungen macht und man den Akteuren bei der Transformation jener Rituale in Tanz zusieht.

Die Idee von InterShop ist hervorragend: Leipzig wird zum Schaufenster, in dem verschiedene Tanzsprachen auf internationalem Niveau gezeigt werden. Zudem wird die überaus starke Company des Leipziger Balletts gefordert und womöglich weiter geformt. Die Oper ist permeabel, ein Ort des Austausches und des tänzerischen Experiments. Dies ist ein wichtiger Schritt über die Schwelle, zum Abbau von Berührungsängsten mit zeitgenössischem Tanz und fügt sich nahtlos ein in Schröders Verankerung seiner Companie in Leipzig. Allerdings ist das schlichte Konzept noch nachzubessern. Zu sehr finden die Choreographien im luftleeren Raum statt. Zu sehr Tanz um des Tanzes Willen – eine Relevanz und sei es nur ein Thema, ein Motto, ein Bezug zur Stadt ist vonnöten. Ein tieferes, differenziertes Nachdenken, was genau man mit diesem Format will, ist wünschenswert. Dann könnte der InterShop eine feste Größe werden.

InterShop

Choreografien von Mauro Astolfi, Alex Ketley & Mario Schröder

Leipziger Ballett

Premiere: 25. März 2011, Drehscheibe, Oper Leipzig


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