Franca Hähle | Drucken27.04.2009 

Vogelfrei ab der ersten Stunde

Interventionen gegen Schülermobbing

Jürgen Rickert ist der Neue. Verhalten zupft er an seinem Pulloverärmel und betritt das Klassenzimmer. Gemäß der freien Marktwirtschaft eröffnet der neue Mitschüler seinen Einstand mit einem Sonderangebot.

"Okay, bringen wir's hinter uns. Ich gebe euch fünf Minuten. Fünf von fünfundvierzig, da könnt ihr nicht sagen, ich wär nicht großzügig. Fünf Minuten, in denen könnt ihr mit mir machen, was ihr wollt."

Seine Mitschüler lassen sich nicht lange bitten, kaum sind zwei Sekunden verstrichen, ergreift der Erste die Initiative und erleichtert Jürgen um seinen Rucksack, der im Anschluss erst einmal gründlich inspiziert wird. Und da man schon einmal dabei ist, lässt man auch gleich Jürgens Handy in die Hosentasche wandern. Aber es kommt noch besser. Zwei Mädchen stürmen zur Tafel, erobern den Schwamm und erteilen Jürgen eine Gesichtsreinigung der besonderen Art. Dagegen erscheinen die Papierkügelchen, die es im Nachhall regnet, doch eher harmlos.

In wenigen Minuten verwandelt sich ein normales Klassenzimmer mit Lehrerpult, Schulbänken und Tafel in die Szenerie eines interaktiven Theaterstücks. Grund dafür ist der Besuch des Theaters der Jungen Welt zur Mobbingprävention. In der Tradition der mobilen Klassenzimmerstücke feiert Erste Stunde von Jörg Menke-Peitzmeyer, unter der Regie von Romy Kuhn, am 23. April 2009 in der Thomasschule Premiere.

Wie der nächste Ronaldo trippelt Jürgen durch die Stuhlreihen und erklärt, wie entscheidend die richtige Taktik für sein Überleben als Opfer ist. Denn ohne Strategie bleibt man auf der Strecke. Des Weiteren entzaubert er das Profil des Täters, in dem er ihn durch ein Hangman-Spiel an der Tafel überführt: Mobbing ist anstrengend, man muss sich ständig Respekt verschaffen, lebt auf Kosten der Schwächeren und hat dadurch so gar keine persönlichen Erfolgserlebnisse.

Mit Hilfe interaktiver Methoden, wie dem direkten Dialog mit einzelnen Schülern, schafft es Lukas Kubik das Thema Mobbing spielerisch und ohne Zwang an die Schüler heranzutragen sowie deren Interesse zu wecken. Denn neben der Qualität des Schauspielers ist die Aktivität der Schüler maßgeblich für die spannenden 45 Minuten.

Das Stück Erste Stunde bietet die Möglichkeit einer unbeschwerten Auseinandersetzung mit der Mobbing-Problematik und Empathie für die Opfer zu entwickeln, indem man sich in ihre Situation hineinversetzen kann. Mit Hilfe des nötigen Feingefühls gelingt es Kubik in der Rolle des Jürgen, die Schüler individuell anzusprechen, die Rollenverteilung des Klassenverbandes mit Bedacht freizulegen und ein Forum für Opfer zu schaffen.(Franca Hähle)

Die mobilen Klassenzimmerstücke des Theater der jungen Welt sind sachsenweit buchbar. Für interessierte Lehrer gibt es am 6. Mai 2009 einen Vorführtermin in Leipzig.

Erste Stunde
von Jörg Menke-Peitzmeyer
Thomasschule Leipzig
Regie: Romy Kuhn
www.theaterderjungenweltleipzig.de
Mit: Lukas Kubik
Premiere: 23. April 2009
Fotorechte: ©TDJW/Thomas Schulze.
Theater der Jungen Welt

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